12 Tage, 25 Filme, jede Menge Eindrücke. Auch in diesem Jahr hat die Viennale wieder eine Menge geboten. Was ist mir besonders in Erinnerung geblieben? Was steht uns bei der kommenden Awards-Saison bevor? Versuch einer Einordnung.

Zunächst einmal ist es wichtig festzuhalten, dass die Viennale nicht unbedingt als ernstzunehmender Gratmesser für die großen Preisverleihungen zu werten ist. Das liegt auch daran, dass das Festival immer nur eine Handvoll prestigeträchtiger Kandidaten zeigen kann. Die Filme, die dann auch in der Tat in einem der Wiener Festivalkinos gezeigt wurden, haben fast alle gehalten, was man sich im Vorfeld davon versprochen hat. Das Rennen wird, vor allem bei den Schauspielerinnen und Schauspielern, sehr spannend zu beobachten sein. Jetzt schon von sicheren Gewinnern zu sprechen, wäre nicht nur sehr verwegen, sondern auch sehr naiv. Da ich mich an dieser Stelle auf die Viennale beschränken werde, geben folgende Ausführungen meine Einschätzung darüber wieder, wer meines Erachtens nach aussichtsreiche Chancen auf Preisnominierungen haben sollte.
Meine persönliche Bilanz ist jedenfalls sehr erfreulich. Nachdem ich im vergangenen Jahr stolze 30 Filme aufgeteilt auf 12 Tage gesehen habe – darunter einen wahren Marathon mit vier Filmen an einem einzigen Tag – hatte ich mir im Vorfeld vorgenommen, es dieses Jahr wieder etwas ruhiger anzugehen. Also habe ich 2026 „nur“ 25 Filme gesehen. Von den Filmen, die ich mir vorgemerkt habe, ist mir einzig Valeska Grisebachs fast dreistündiges Krimidrama „Das geträumte Abenteuer“ durch die Finger gerutscht, da sich eine Terminkollision mit Sandra Wollners Familiendrama „Everytime“ aufgetan hatte. Beide Filme gehen ins Rennen um den Auslands-Oscar, Grisebach für Bulgarien und Wollner für Deutschland. Ansonsten habe ich aber alle großen Produktionen, insbesondere aus Hollywood, abhaken dürfen. Insgesamt habe ich – wenn man die Kritiken mit einbezieht, die ich für meinen verlässlichen Kooperationspartner „Uncut Movies“ im Februar auf der Berlinale verfasst habe – Kritiken zu schlappen 27 Festivalfilmen geschrieben. Eine detaillierte Auflistung mit Links findet sich am Ende des Artikels.

Trotz eines vollen Festivalkalenders waren es für mich sehr ausgewogene 12 Herbsttage, und ich habe mich jedem Film mit viel Aufmerksamkeit und Offenheit gewidmet. Klar, nicht jeder Film kann überzeugen, und ja, es gab Werke, von denen ich weniger angetan war, aber insgesamt hat die Viennale bestätigt, was ich schon das ganze Jahr immer wieder gesagt habe: das Kino ist stärker denn je. Dass auch die österreichische Filmindustrie so stark repräsentiert ist, und das in einer Zeit, in der die Kultur geradezu kaputt gespart wird, ist besonders stark und genugtuend. Vor allem im internationalen Vergleich ist Österreich in diesem Jahr sehr breit aufgestellt. „Rose“, der seit seinem Wettbewerbseinsatz in Berlin immer mehr zu einem ernstzunehmenden Awards-Kandidaten, besonders durch Sandra Hüller, avanciert, führt Österreichs Hoffnungen an. Der andere österreichische Berlinale-Wettbewerbsfilm, „Wiener Blues: The Loneliest Man in Town“ sorgte für einen gebührenden Abschluss der Viennale in Anwesenheit der beiden Regisseure und ihres sympathischen Protagonisten, Blues-Legende Al Cook.
So, nun zu meinen persönlichen Highlights der vergangenen zwei Wochen. Wann immer ich gefragt wurde, welcher Film oder welche Filme mir am besten gefallen haben – so als ob jemand von „Letterboxd“ mich mit „Four Favorites“ überfallen würde – kamen mir immer die selben Titel in den Sinn. Martin McDonaghs gewohnt stilsicherer Black Comedy-Polit-Thriller „Wild Horse Nine“ und Jesse Eisenbergs zum Brüllen komische Musical-Komödie „The Debut“ haben mein Cineasten-Herz zum Bersten gebracht, denn die schauspielerischen Leistungen in diesen beiden Filmen sind einfach nur zum Niederknien famos. Was mich ebenfalls sehr beeindruckt hat, und das, nachdem ich den Film bereits in Berlin rezensieren durfte, war Lance Hammers erschütterndes Drama „Queen at Sea“, in dem die beiden Nebendarsteller Sir Tom Courtenay und Anna Calder-Marshall unfassbar intensive Performances abliefern, die hoffentlich nicht nur von der Berlinale-Wettbewerbsjury honoriert werden. Für mich sind John Malkovich und Julianne Moore zu diesem Zeitpunkt Top-Favoriten, wenn es darum geht, wer die großen Nominierungen einstreicht. Vor allem Moore spielt in ihrer Kategorie in einer eigenen Liga. Und Paul Giamatti als ihr ebenfalls brillanter Leinwandpartner toppt sogar noch seine bislang beste Rolle in Alexander Paynes „The Holdovers“ (2023).

Weitere empfehlenswerte Entdeckungen, die ich bei der Viennale gemacht habe, sind James Grays Krimidrama „Paper Tiger“, in dem Adam Driver und Miles Teller als ungleiches Brüderpaar an die paranoide Russenmafia gerät. Atmosphärisch dicht, gut gespielt und vor allem gegen Ende spannend erzählt. Lee Chang-dongs Kapitalismuskritik, verpackt in ein ergreifendes Beziehungsdrama, „Possible Love“, der in Venedig den Großen Preis der Jury gewann und von Netflix vertrieben wird, ist trotz seiner fast drei Stunden keine Minute langweilig und ein weiteres meisterliches Melodram aus Südkorea. „Bucking Fastard“ von Werner Herzog besticht wiederum durch seine märchenhafte und mit zunehmender Laufzeit abgefahrener werdende Erzählung zweier unzertrennlicher Schwestern in völliger Synchronität, was dank der Hingabe von Kate und Rooney Mara gelingt. Dann ist da noch Publikumsliebling „Club Kid“, das Regiedebüt von Jordan Firstman, der auch die Hauptrolle eines queeren Party-Promoters spielt, der plötzlich alleine mit seinem bis dahin unbekannten Sohn bleibt und Verantwortung übernehmen muss. Wenn auch arg vorhersehbar, ist die kleine Indie-Perle sehr unterhaltsam und anrührend.
Ohne jetzt allzu zynisch oder abwertend zu klingen, hier meine Enttäuschungen. „Roma Elastica“ von Bertrand Mandico, den auch eine gewohnt furiose Marion Cotillard nicht retten konnte. Quentin Dupieux‘ „Full Phil“, der trotz 78 Minuten Laufzeit schnell langatmig wird. Und „Die andere Seite“, ein Survival-Drama, dessen konstant wacklige Kamera mich völlig überfordert hat, trotz einer ebenso gewohnt furiosen Nina Hoss. Schade.

Wenn ich nun also meine eigene Preisverleihung mit den besten Filmen und Schauspielern der 64. Viennale vornehmen dürfte, sähe das Siegerbild folgendermaßen aus:
Bester Film: „Wild Horse Nine“
Beste Regie: Lee Chang-dong, „Possible Love“
Beste männliche Hauptrolle: John Malkovich, „Wild Horse Nine“
Beste weibliche Hauptrolle: Julianne Moore, „The Debut“
Beste männliche Nebenrolle: Paul Giamatti, „The Debut“ und Tom Courtenay, „Queen at Sea“
Beste weibliche Nebenrolle: Anna Calder-Marshall, „Queen at Sea“
Bestes Drehbuch: Martin McDonagh, „Wild Horse Nine„
Beste künstlerische Einzelleistung: Peter Zeitlingers Kameraarbeit für „Bucking Fastard“
Meine Kritiken zur diesjährigen Viennale:
„Die andere Seite“: https://maverickoverwood.com/2026/10/25/die-andere-seite-at-de-2026/
„Behemoth!“: https://maverickoverwood.com/2026/10/28/behemoth-usa-2026/
„Bucking Fastard“: https://maverickoverwood.com/2026/11/04/bucking-fastard-ir-us-2026/
„Bunker“: https://maverickoverwood.com/2026/11/01/bunker-sp-fr-2026/
„Club Kid“: https://maverickoverwood.com/2026/10/30/club-kid-usa-2026/
„Dao“: https://www.uncut.at/movies/kritik.php?movie_id=22965
„The Debut“: https://maverickoverwood.com/2026/10/31/the-debut-usa-2026/
„Etwas ganz Besonderes“: https://www.uncut.at/movies/kritik.php?movie_id=22967
„Everybody Digs Bill Evans“: https://www.uncut.at/movies/kritik.php?movie_id=22968
„Everytime“: https://maverickoverwood.com/2026/10/29/everytime-at-de-2026/
„Fjord“: https://maverickoverwood.com/2026/10/25/fjord-ro-fr-no-se-dk-fi-2026/
„Full Phil“: https://maverickoverwood.com/2026/10/25/full-phil-fr-2026/
„Ga-Neung-Han Sa-Rang (Possible Love)“: https://maverickoverwood.com/2026/10/27/ga-neung-han-sa-rang-possible-love-kr-us-2026/
„Histoires Parallèles (Parallel Tales)“: https://maverickoverwood.com/2026/10/27/histoires-paralleles-parallel-tales-fr-2026/
„L’Inconnue (The Unknown)“: https://maverickoverwood.com/2026/10/29/linconnue-the-unknown-fr-it-2026/
„Kvinde ukendt (Woman Unknown): https://maverickoverwood.com/2026/11/03/kvinde-ukendt-woman-unknown-dk-2026/
„The Loneliest Man in Town“: https://www.uncut.at/movies/kritik.php?movie_id=22979
„The Man I Love“: https://maverickoverwood.com/2026/11/05/the-man-i-love-usa-2026/
„Meine Frau weint“: https://www.uncut.at/movies/kritik.php?movie_id=22972
„Minotaur“: https://maverickoverwood.com/2026/10/28/minotaur-de-fr-lv-2026/
„Paper Tiger“: https://maverickoverwood.com/2026/10/24/paper-tiger-usa-2026/
„Queen at Sea“: https://www.uncut.at/movies/kritik.php?movie_id=22975
„Roma Elastica“: https://maverickoverwood.com/2026/11/03/roma-elastica-fr-it-2026/
„El Ser Querido (The Beloved)“: https://maverickoverwood.com/2026/11/01/el-ser-querido-the-beloved-sp-2026/
„Soudain (All of a Sudden)“: https://maverickoverwood.com/2026/11/02/soudain-all-of-a-sudden-fr-jp-de-be-2026/
Überraschungsfilm: https://maverickoverwood.com/2026/11/02/der-ueberraschungsfilm-der-viennale-2026/
„Wild Horse Nine“: https://maverickoverwood.com/2026/10/30/wild-horse-nine-gb-us-cl-2026/