Skip to main content

Prämiert mit dem Großen Preis der Jury der Internationalen Filmfestspiele Venedig, schickt sich dieses südkoreanische Drama an, in die Fußstapfen großer Erfolge der vergangenen Jahre zu treten. Ist der Hype gerechtfertigt? Exklusiv von der Viennale 2026.

© 2026 Netflix. Alle Rechte vorbehalten.

Als Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur hat sich Lee Chang-dong in den vergangenen Jahren einen Namen gemacht. Zwar nicht so bekannt wie ein Bong Joon-ho, Hong Sang-soo oder Park Chan-wook, aber immer ein Garant für qualitativ anspruchsvolles Gefühlskino. Ein bisschen etwas von seinen renommierten Landsleuten findet sich in Lees neuestem Werk, dem fast dreistündigen Beziehungsdrama „Ga-Neung-Han Sa-Rang (Possible Love)“, dessen Vertriebsrechte sich ausgerechnet der Streaming-Gigant Netflix sicherte, womit also gar nicht gesichert davon auszugehen ist, dass der Film eine Kinoauswertung erfahren wird. Immerhin kann der Film aber über Streaming ein großes Publikum finden – wenn das in argen Personalturbulenzen steckende Studio die richtige Marketing-Strategie auffährt.

Im Zentrum dieses Films stehen zwei Paare, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Das Schicksal wird sie zusammenführen, denn Ye-ji (Cho Yeo-jeong) ist eine Dokumentarfilmerin, die mit dem wohlhabenden Sang-woo (Zo In-sung) verheiratet ist. Zwei Jahre, nachdem die Autofirma „SP Heavy Industries“ einen Großteil der Belegschaft gekündigt hat, was in eine gewalttätige Auseinandersetzung mit der Polizei gipfelte, will sie einen Film über die Nachwirkungen dieser Rochade drehen und aus Sicht von Arbeitslosen schildern. In Zuge dessen lernt sie Mi-ok (Jeon Do-yeon) kennen, deren Mann Ho-seok (Sul Kyung-gu) bei ebendiesen Protesten schwer verletzt wurde und noch immer von den Nachwirkungen gezeichnet ist. Eine Therapie lehnt er zunächst strikt ab, eine neue Arbeit hat er erst seit kurzem. Während der Dreharbeiten lernen sich die beiden Paare besser kennen, wobei sich zwischen Sang-woo und Mi-ok sogar eine gewisse Anziehung anbahnt. Für Ho-seok aber ist es eine zutiefst schmerzhafte Aufarbeitung eines Traumas, das er einfach nicht hinter sich lassen kann.

© 2026 Netflix. Alle Rechte vorbehalten.

Südkoreanische Filme haben besonders in den vergangenen Jahren, seit Bong Joon-ho mit „Gisaengchung (Parasite)“ 2019 einen historischen Erfolg verbuchen konnte, ein Faible dafür entwickelt, die immer weiter auseinanderdriftende Kluft zwischen Arm und Reich und die anhaltende Jobmisere im Land zu portraitieren. Erst im vergangenen Jahr hat Landsmann Park Chan-wook mit der brillanten, bitterbösen Satire „Eojjeol Suga Eopda (No Other Choice)“ ebenfalls in Venedig begeistert. Lee Chang-dong geht hier wesentlich einfühlsamer, zärtlicher und langsamer zu Werke. Seine Protagonisten sind durchaus vergleichbar mit den beiden Familien aus „Parasite“, etwa die Dokumentaristin Ye-ji mit dem naiven Familienoberhaupt der Park-Familie einerseits und andererseits der verzweifelte Familienvater Ho-seok mit dem anderen verzweifelten Familienvater, Song Kang-hos Kim Ki-taek aus „Parasite“. Ein bisschen etwas vom Einfluss Wong Kar-wais lässt sich ebenfalls feststellen, besonders in der Anziehung zwischen Mi-ok und Sang-woo. Man würde Lee Chang-dong und seinen Darstellern keinen Gefallen tun, wenn man sie nur mit anderen südkoreanischen Filmen in einen Topf wirft, denn der Film atmet seine ganz eigene Luft.

Ohne viel Pathos oder Effekthascherei erzählt er von den Klassenunterschieden Südkoreas und wie sie die Familien beeinflussen. Man kann Ye-ji mangelndes Verständnis und wenig Empathie gegenüber Ho-seok unterstellen. Sie versucht immerhin, sein Trauma auf Film zu verewigen. Das Schauspielerquartett liefert dabei allesamt großartige Arbeit ab, wobei der dramatische Löwenanteil bei Sul Kyung-gu liegt, dessen Performance wirklich ergreifend und authentisch ist. Man merkt ihm in jeder Geste seine Verzweiflung und Scham, besonders seinem Sohn gegenüber. Sein Seelenstriptease beim Interview mit Ye-ji ist ungemein stark gespielt. Die erschütternden Szenen vom gewaltsam niedergeschlagenen Arbeiteraufstand geben den Kontext dazu. Jeon Do-yeon als Mi-ok gibt ebenfalls eine sehr berührende Darbietung ab, die es mir ermöglicht, Mitgefühl für die ungerecht behandelte Familie zu empfinden.

© 2026 Netflix. Alle Rechte vorbehalten.

Die 164 Minuten mögen ausnehmend lang anmuten, und hier und da hätte man den Film durchaus auch straffen können. Aber Lee nimmt sich die Zeit und die Geduld, seine Geschichte zu erzählen und langweilt dabei überhaupt nicht. In der Tradition großer asiatischer Filmkünstler entwickelt er seine Figuren behutsam und lässt sie in den entscheidenden Momenten die großen Emotionen auffahren. Dafür zahlt sich das entschleunigte Erzähltempo aus.

Mit „Ga-Neung-Han Sa-Rang“ liefert Lee Chang-dong eine weitere bestechende Charakterstudie aus Südkorea ab und beweist einmal mehr eindrucksvoll, warum dieses Land so gut darin ist, den Finger auf die kollektive Wunde der unzufriedenen Bevölkerung zu legen. Auch wenn meine emotionale Resonanz nicht ganz so stark ist, wie ich es mir im Vorfeld erwartet hätte, so trifft er doch die richtigen Töne und lässt mich nachdenklich zurück. Das ist immerhin auch etwas wert.

Wertung: dreieinhalb von vier Sternen!

Trailer:

Leave a Reply