Im neuen Crime-Drama von James Gray gerät das ungleiche Brüderpaar Adam Driver und Miles Teller Mitte der 1980er Jahre an die unberechenbare Russenmafia. Ebenfalls mittendrin: Scarlett Johansson. Exklusiv von der Viennale 2026.

Es heißt, man kann sich die Leute aussuchen, mit denen man arbeitet, man kann sich den Partner aussuchen. Aber Familie, die kann man sich nicht aussuchen. Wenn man Glück hat, hat man einen Bruder oder eine Schwester, zu dem oder der man aufschauen kann oder für den oder die man ein Vorbild sein kann. Wenn man Pech hat, nun ja, was soll man dazu sagen? Sieht man sich nun die beiden Brüder Gary und Irwin Pearl im neuen Film von Drehbuchautor und Regisseur James Gray an, so kommt man nicht umhin, die Beziehung der Beiden als kompliziert zu beschreiben. Genau diese brüderliche Bande bildet das Herzstück dieses atmosphärisch inszenierten und spannend erzählten Crime-Dramas. Denn diese beiden Brüder begehen den wohl dümmsten Fehler, den sich zwei eigentlich unbescholtene Männer in New York leisten können: sie lassen sich auf Geschäfte mit den falschen Leuten ein. Aber mal ganz von vorn.
1986: Irwin (Miles Teller) ist ein gut situierter, aber wirtschaftlich nicht gerade gut aufgestellter Ingenieur, der mit seiner treusorgenden Frau Hester (Scarlett Johansson) und den beiden Söhnen Scott (Gavin Goudey) und Ben (Roman Engel) ein bescheidenes Leben führt. Ben wird bald 18 und träumt von einer großen Party, und überhaupt möchte Irwin seine beiden Söhne auf eine schicke Universität schicken, damit sie eine Ausbildung und ein Leben haben, das besser ist als sein eigenes und das seines Bruders. Gary (Adam Driver) ist immerhin ein pensionierter Polizist, der immer noch gute Kontakte pflegt und so auf ein lukratives, aber riskantes Projekt aufmerksam wird. Der Gowanus-Kanal soll grundlegend saniert werden und klares Leitungswasser nach New York liefern. Dazu sind vorher aber grundlegende Reinigungsarbeiten nötig. Gary und Irwin sollen die an diesen Arbeiten beteiligten Russen beraten und unterstützen und dafür gründlich entlohnt werden. Doch mit diesen Gangstern ist nicht zu spaßen, und sie sind obendrein auch noch sehr paranoid. Das bekommen Irwin und seine Söhne eines Nachts auf die harte Tour zu spüren. Gary beschwichtigt zwar, dass er Irwin und seine Familie beschützen wird, doch wie weit reicht sein Einfluss wirklich? Was wollen die Russen von den Pearl-Brüdern? Und dann bedroht noch ein weiteres Unheil Irwins Familie.

Gray versteht es gekonnt, seine Geschichten ruhig und mit viel Atmosphäre zu erzählen. Hier ist besonders die elegische Orchestermusik von Komponist Christopher Spelman positiv hervorzuheben, die der tragischen Familiengeschichte viel Pathos und emotionale Wucht verleiht. Dass sich Gray mit komplizierten Brüderpaaren auskennt, hat er bereits 2007 in „We Own the Night“ mit Mark Wahlberg und Joaquin Phoenix demonstriert. Auch in diesem Film spielt die Polizei in der Familie eine tragende Rolle. Die beiden Hauptdarsteller hatten davor schon in „The Yards“ unter Grays Regie moralische Grauzonen im New Yorker Gangstermilieu ausloten dürfen. „Paper Tiger“ könnte man getrost als spirituelle Fortsetzung dieser Krimis bezeichnen. Und da Gray hier auch autobiografische Bezüge in die Handlung eingeflochten hat, ist auch eine thematische Nähe zu seinem bislang letzten Film, „Armageddon Time“ nicht von der Hand zu weisen.
Getragen wird diese altmodisch wirkende Krimi-Ballade von einem bestechenden Star-Trio. Adam Drivers Coolness und Scarlett Johanssons Emotionalität und Verletzlichkeit sind schon längst zu deren schauspielerischen Markenzeichen geworden, am meisten überraschen kann hier also als Dritter im Bunde Miles Teller in einer reifen Rolle als liebevoller Familienvater, der sich plötzlich in ganz falschen Gefilden wiederfindet und sein bestes tut, um Frau und Söhne zusammenzuhalten. Es ist vor allem das Zusammenspiel Tellers mit seinen um einiges bekannteren Ko-Stars, das die wirklich nachhaltigen Filmmomente kreiert. Wie bereits erwähnt, ist es das Brüderpaar, verkörpert von Driver und Teller, das dem Film seinen Pulsschlag verleiht und in seinen stärksten Szenen an Marlon Brando und Rod Steiger in Elia Kazans zeitlosem Klassiker „On the Waterfront“ (1954) oder Al Pacino und John Cazale in „The Godfather Part II“ (1974) erinnert. Das ist aber nicht der einzige Genrehit, von dem Gray ganz offensichtlich inspiriert wurde. Der ungemein spannende und schnörkellos inszenierte Showdown nimmt Anleihen an Michael Manns unvergesslichen Action-Thriller „Heat“ (1995). Nicht unerwähnt lassen möchte ich auch den primären Antagonisten des Films, Victor Ptak als Gangsterboss Semjon Bogoyavich, der seine eigentlich recht eindimensionale Figur mit viel Bedrohlichkeit und Intensität ausstattet.

Zugegeben, sonderlich originell ist „Paper Tiger“ nicht. Man erwartet gewisse Plots und Ereignisse, und diese treten in der erwarteten oder etwas modifizierten Form auch auf. Aber mit drei gestandenen Schauspielgrößen und viel Feingefühl inszenierter Elegie gelingt es James Gray, ein weiteres ergreifendes und ungemein spannendes Familienportrait auf die Leinwand zu bringen. Fans von dichten Crime-Thrillern sollten auf jeden Fall einen Blick riskieren.
Wertung: drei von vier Sternen!
Trailer: