Zwei Frauen tun sich zusammen, um für ein besseres Pflegesystem in einem Seniorenheim zu kämpfen, und gleichzeitig die Krebserkrankung von einer von ihnen zu verarbeiten. Exklusiv von der Viennale 2026.

Das Thema „Pflegenotstand“ hat in den vergangenen Jahren, insbesondere seit der COVID19-Pandemie, zunehmend an Fahrt aufgenommen und an Bedeutung dazugewonnen. Die Bevölkerung wird immer älter und dadurch wird es schwieriger, genug Kapazitäten und Ressourcen für die Betreuung von Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt zu gewährleisten. Aber wie kann man dem entgegenwirken? Klar, man braucht mehr Personal. Aber woher soll man die zusätzlichen Kräfte nehmen? Vor allem, wenn an allen Ecken und Enden gespart werden soll? Ein wunderbares Filmbeispiel, das die Misere im Pflegesystem hautnah erfahrbar macht, ist Petra Volpes Drama „Heldin“, das einer Pflegerin (Leonie Benesch) bei einer nervenaufreibenden Nachtschicht über die Schulter schaut. Trotz aufopferungsvoller Bemühungen erfährt diese Figur von vielen Seiten wenig Wertschätzung.
Nun schickt sich der japanische Regisseur Ryusuke Hamaguchi an, einen Film über dieses Thema zu drehen und schlägt in „Soudain (All of a Sudden)“ eine völlig neue und revolutionäre Form der Altenpflege vor. „Humanitude“ nennt sie sich, und ist darauf ausgerichtet, Patienten auf Augenhöhe zu begegnen und sie zu mehr Aktivität und Bewegung zu animieren. Die Ausbildung dieser neuen Behandlungsmethode ist allerdings sehr zeitintensiv, und erfahrene Pflegerinnen äußern berechtigte Bedenken bezüglich der Verantwortung, wenn es zu Unfällen von Patienten kommen sollte. Vor allem aber scheitert die Umstellung im Pariser Hospiz, wie sollte es auch anders sein, am schnöden Mammon. Trotzdem, oder vor allem deshalb, ist die Leiterin Marie-Lou (Virginie Efira) nicht gewillt, so einfach aufzugeben, auch wenn sie das an den Rand eines Burnouts treibt.

Eines Tages sammelt sie auf dem Nachhauseweg einen behinderten jungen Mann, Tomiko (Kodai Kurosaki) auf und macht dabei die Bekanntschaft mit der Theaterregisseurin Mari (Tao Okamoto) und des Hauptdarstellers in ihrem aktuellen Stück, Gorô (Kyōzō Nagatsuka), der in einer One-Man-Show den italienischen Psychiater Franco Basaglia spielt, der für die Schließung psychiatrischer Einrichtungen in seinem Land verantwortlich war. Marie-Lou zeigt sich tief berührt von dieser Performance und entwickelt eine tiefe Freundschaft zu Mari, die Krebs im Endstadium hat. Sie lädt Mari ein, als Künstlerin im Hospiz zu arbeiten und ihr zu helfen, „Humanitude“ in die Praxis umzusetzen – gegen alle Widerstände.
Hamaguchi setzt seine Geschichte mit viel Feingefühl und ohne überhöhte Melodramatik um. Er nimmt das Thema sehr ernst und lässt sich viel Zeit – der Film dauert über drei Stunden – um den Zuschauern die Methode „Humanitude“, die geschichtliche Basis von Maris Theaterstück und den Einfluss des Kapitalismus auf die moderne Pflegeproblematik zu erklären. Das mag stellenweise zu überladen und allzu belehrend anmuten. Der Kampf gegen ein schier übermächtiges und unmenschliches System wird dadurch immerhin verständlicher erörtert. Die ausnehmende Laufzeit ist der größte Kritikpunkt, den man „Soudain (All of a Sudden)“ entgegenbringen muss, denn Hamaguchi hätte hier und da die Handlung schon auch straffen können. Es entfaltet sich aber ein leises, kompetent erzähltes und ergreifend gespieltes Drama.

Für ihre Hauptrollen gewannen sowohl Virginie Efira als auch Tao Okamoto den Darstellerinnenpreis beim Internationalen Filmfestival von Cannes, und das ist verdient. Beide Performances bauen aufeinander auf und geben einander das emotionale Gewicht. Efira und Okamoto spielen mit einer fast schon beiläufigen Natürlichkeit, die ihre Figuren niemals überhöht oder allzu gespielt wirken lassen und viel Raum für Nuancen lässt. Trotz der erdrückenden Tristesse des Themas findet der Film auch erheiternde Momente, etwa wenn Mari und Gorô ihr Stück im Garten des Hospizes aufführen und dieses spontan in eine Gruppensitzung mit gegenseitigen Fußmassagen ausartet.
„Soudain (All of a Sudden)“ versucht, Methoden der adäquaten Pflege auszuprobieren und das Für und Wider abzuwägen, stets mit der nötigen Empathie für beide Seiten. Dass die resolute Oberschwester Sophie (Marie Bunel) ein bisschen als Antagonistin dargestellt wird, bringt etwas Spannung in den ansonsten recht unaufgeregten Alltag im Pflegeheim. So ganz wird diese Rivalität zwischen Marie-Lou und Sophie nicht aufgelöst. Dafür gibt Hamaguchi der tiefen Freundschaft zwischen Marie-Lou und Mari viel Raum, auch als sich der Gesundheitszustand von letzterer verschlechtert. Hier gibt vor allem Okamoto eine gute Vorstellung.
Wäre der Film straffer und nicht so lang, würde es locker für die Höchstwertung reichen. So bleibt aber von „All of a Sudden“ ein guter Gesamteindruck, denn der Film berührt auf subtile Weise und regt zum Nachdenken über die Situation im Pflegebereich an. Irgendwann sind wir alle immerhin davon betroffen.
Wertung: dreieinhalb von vier Sternen!
Trailer: