Ein Hochgesang auf die transformative Kraft der (Film-) Musik. Mit nicht weniger als neun Komponisten am Taktstock bebildert und vertont „Behemoth!“ das turbulente Leben eines Cellisten. Exklusiv von der Viennale 2026.

Jeder Filmfan hat mindestens einen Lieblingskomponisten, den er oder sie sich unentwegt anhören kann. Ich habe einige, und nicht nur die üblichen Verdächtigen wie etwa ein Hans Zimmer, Ennio Morricone oder John Williams. „Titanic“ (1997) wäre niemals der überwältigende Erfolg geworden ohne die berührenden Melodien des schmerzlich vermissten James Horner. Danny Elfmans Score von „Edward Scissorhands“ (1990) hat mich bereits als Junge stark berührt, und tut das heute noch. Und wann immer Thomas Newman oder Howard Shore die Noten schreiben, ist audiovisuelle Magie vorprogrammiert. Man darf dabei aber nicht auf die begnadeten und ungemein talentierten Virtuosen vergessen, die die Partituren im Orchester erst aufspielen. Musik im Film ist eine enorm wichtige Komponente, von daher ist ein Film, der sich als Liebeserklärung an ebendiese verstehen will, ein interessantes und vielversprechendes Projekt.
Dann ist da noch Tony Gilroy am Taktstock, ähm, im Regiestuhl. Als Drehbuchautor hat er die „Bourne“-Reihe verantwortet, deren Soundtrack, besonders jenen zu „The Bourne Supremacy“ (2004) ich action-affinen Musikfans ans Herz legen möchte, als Regisseur gleich mit seinem Debüt den spannenden Justiz-Thriller „Michael Clayton“. „Behemoth!“ ist seine vierte Regiearbeit, die er auch selbst schrieb und produzierte. Sein Protagonist ist der Cellist Alex Serian, der in einer Musikerfamilie aufgewachsen ist. Sein Großvater erlitt einst 1959 mitten im Aufnahmestudio einen fatalen Herzinfarkt, „als er gerade ein C spielte“. Pedro Pascal, ja, der Mann, den man gerade gefühlt überall antreffen kann, spielt diesen Cellisten. Aus dem Orchester im winterlichen Chicago flieht er, wie ein Jason Bourne mit aufregender Hintergrundmusik, vor seiner Affäre Carol Spedding (Olivia Wilde), Ehefrau des reichen Gönners. Nun kehrt Alex nach Los Angeles zurück, um seiner kranken Mutter beizustehen. Er nimmt an den Aufnahmen zu einem neuen Soundtrack zu einem Film namens „Behemoth“ teil, die von kreativen Differenzen des Komponisten mit den Filmemachern durchzogen sind. Dann holt Alex seine Vergangenheit ein. In Dallas lernte er einst seine Musikerkollegin Nadia (Eva Victor) kennen, die mit 32 stirbt. Bei der Trauerfeier trifft er ihre Tochter, die überaus talentierte Viviana (Alexa Swinton), deren Musik er mag. Das erst 15-jährige Mädchen schickt sich an, eine große Dirigentin und Komponistin zu werden. Das Talent scheint sie von ihren Eltern geerbt zu haben.

Die Handlung entfaltet sich episodisch-fragmentarisch. Zwischen den verschiedenen Stationen in Alex‘ Leben pendelnd, versucht Gilroy ein Portrait eines getriebenen Genies zu zeichnen, der von der Erwartungshaltung seiner eigenen Familie und dem Streben nach kreativer Perfektion zerrieben wird. Dass sich Alex durch Affären von seinen Unsicherheiten abzulenken versucht, nun ja, dieses Klischee wird nicht vermieden. Und dass Pascal, der „Internet Daddy“ der 2020er Jahre, mit „The Last of Us“ und „The Mandalorian“ bereits als Vaterfigur etabliert, hier gleich wieder mit dieser Rolle konfrontiert wird, grenzt fast schon an imaginativer Faulheit. Narrativ ist „Behemoth!“ einfallslos, findet aber immerhin Sequenzen, die nach einem mitreißendem Score verlangen und so etwas wie die Magie eines spannend untermalten Films emuliert. An großen Musicals orientiert sich Gilroy nicht, vielleicht wäre aber genau das die bessere Handhabung gewesen. Denn mit neun Komponisten, die allesamt wirklich elegante Melodien kreieren, wäre einiges möglich gewesen. So lässt die Geschichte um Alex mich weitestgehend kalt und distanziert.

Das liegt nicht an Pedro Pascal, der seinen Charme auch in dieser Rolle spielen lässt. Den besten Part hat Olivia Wilde, die ihr bestes Jahr – neben ihrem eigenen „The Invite“ und Gregg Arakis „I Want Your Sex“ – mit einer witzigen und Szenen stehlenden Performance abrundet. Beeindruckend präsentiert sich unterdessen die erst 17-jährige Alexa Swinton als musikalisches Wunderkind Viviana. Auch die nonbinäre Eva Victor hinterlässt einen kurzen, aber guten Eindruck, während Will Arnett als Alex‘ Bruder Andy auftritt. Sie alle navigieren durch eine Story, die ihnen Stichworte gibt, ohne ihnen viel abzuverlangen. An der Oberfläche strahlt viel Eleganz, viel tiefer gräbt Gilroy aber nicht. Den Einfluss der Musik auf die Charaktere kann man mal erahnen, mal nicht. Das Ende kommt dann etwas plötzlich, und lässt keine eindeutige oder zufriedenstellende Schlussnote zu – außer, dass Alex in der Wiener Karlskirche spielt.
Musikalisch virtuos, aber narrativ alles andere als gepflegt, ist „Behemoth!“, anders als der Titel es suggeriert, kein Gigant, denn er wird von der Summe seiner einzelnen Teile in Zaum gehalten. Die tolle Musik kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film sein Potenzial nicht gänzlich abrufen kann. Für die Playlist von Filmmusik-Fans gibt es dafür Zuwachs. Immerhin etwas.
Wertung: zweieinhalb von vier Sternen!
Trailer: