Düstere Body-Swap-Geschichte, in der drei Menschen auf unerklärliche Weise die Körper tauschen und verzweifelt versuchen, den Spuk wieder rückgängig zu machen. Léa Seydoux und Niels Schneider in einer Tour de Force. Exklusiv von der Viennale 2026.

Als Ko-Autor war Arthur Harari am Gerichtssaal-Drama „Anatomie d’un chute (Anatomie eines Falls)“ (2023) seiner Lebenspartnerin Justine Triet beteiligt. Neben der „Palme d’Or“ bei den Filmfestspielen in Cannes in jenem Jahr gewannen Triet und Harari auch den Oscar für das beste Originaldrehbuch. So gut war dieser Film aber meines Erachtens nicht, denn besonders originell war er nicht und bedient sich obendrein auch noch gängiger Genretropen, die man allesamt schon in der ein oder anderen Form gesehen hat. Nun ist es Harari, der einen neuen Spielfilm inszeniert. Als Vorlage dient hierfür eine „Graphic Novel“, die Harari gemeinsam mit seinem Bruder Lucas kreierte, der auch am Drehbuch mitwirkte. Es geht um einen mysteriösen Körpertausch.
Langsam entfaltet Harari seine Erzählung und führt zunächst den männlichen Protagonisten, den Fotografen David Zimmerman (Niels Schneider) ein, der eines Tages im Park eine geheimnisvolle Frau ablichtet. Diese, Eva (Léa Seydoux), trifft er kurz darauf auf einer Party, wo sie kurzen, aber intensiven Sex haben. Am nächsten Morgen ist aber nichts mehr wie vorher, denn die beiden haben plötzlich die Körper getauscht. Sie machen sich verzweifelt auf die Suche nach dem jeweils anderen, ohne zu wissen, wie sie wieder in ihre eigenen Körper zurückfinden können. Dann trifft Eva in Gestalt von David auf Malia (Lilith Grasmug) und auch die Zwei vollziehen miteinander den Beischlaf, sodass Malia jetzt im Körper von David steckt, und Eva in jenem von Malia. Aber gibt es überhaupt einen Ausweg aus ihrer verzwickten Lage?

Wenn man mal gängige Logik und gesunden Menschenvorstand außen vorlässt, dann hat es hier mit einem durchaus spannenden Szenario zu tun, das von Harari düster und pessimistisch in Szene gesetzt wird. Ein allzu großer Mindfuck wartet nicht auf das Publikum, aber man fragt sich schon, warum die Figuren so seltsame Entscheidungen treffen. Etwa, dass David im Körper von Eva ständig mit seinem eigenen Antlitz konfrontiert ist, und sie/ihn das nicht völlig wahnsinnig werden lässt. Überhaupt verstehe ich den Film als warnende Metapher, doch bloß nicht ungeschützt mit einer wildfremden Person auf einer Party intim zu werden. Was den Film aber durchaus sehenswert macht, ist sein Darstellertrio, denn Léa Seydoux, Niels Schneider und Newcomerin Lilith Grasmug machen ihre Sache sehr gut und stürzen sich furchtlos in die anspruchsvolle Aufgabe, ins Innere der jeweils anderen Figur zu tauchen.
Der Plot wirft doch einige Fragen auf, die letztlich nicht oder nur mangelhaft beantwortet werden. In diesem überhöhten Fantasy-Setting scheint also ein Virus umzugehen, der ungeschützten Sex damit bestraft, dass zwei Menschen die Körper tauschen. Und es scheint ein irreversibler Prozess zu sein. Warum das Ganze? Und wenn einer der drei stirbt, was passiert dann mit der Seele in diesem Körper? Arthur Harari öffnet mit „L’Inconnue“ die Büchse der Pandora, überlässt die Interpretation und Entschlüsselung seines Inhalts aber seinem Publikum. Das mag für manche Zuschauer faszinierende philosophische Fragen aufwerfen, andere aber frustriert und völlig verwirrt zurücklassen.

Dass der Film darauf verzichtet, den Körpertausch für komödiantische Zwecke zu nutzen und auch sonst sehr ernst mit seiner Prämisse umgeht, ist ein erfrischender und noch sehr selten erprobter Zugang zur Materie. Besondere psychologische Tiefe bei der Charakterzeichnung gelingt dem Drehbuch nicht, und Seydoux, Schneider und Grasmug bekommen sehr wenig Material an die Hand, mit dem sie arbeiten können. Das narrative Potenzial, aus dem man hier hätte schöpfen können, bleibt ungenützt. Was bleibt, ist ein düsterer Fantasy-Thriller mit einem Schuss Mystery getarnt als psychologisches Drama. Diese Genremischung geht nur bedingt auf.
Wer ein profundes Drama über die Verbundenheit zwischen Körper und Geist erwartet, wird enttäuscht sein. Wer ein lustiges und kurzweiliges Schelmenstück über die Verbundenheit von Körper und Geist erwartet, wird ebenfalls enttäuscht sein. Wer denn nun am Ende seine Freude mit „L’Inconnue“ haben wird? Ich weiß es nicht.
Wertung: zwei von vier Sternen!
Trailer: