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Gerade als der russische Invasionskrieg in der Ukraine ins Rollen kommt, hat ein Geschäftsmann mit beruflichen und privaten Komplikationen zu kämpfen, die sein Leben komplett aus der Bahn werfen. Großer Preis der Jury von Cannes. Exklusiv von der Viennale 2026.

© 2026 Polyfilm, MK2 Films. Alle Rechte vorbehalten.

Nach außen hin ehrliche, hart arbeitende Männer, die erkennen müssen, dass das, wofür sie sich tagtäglich so selbstlos hingeben, nicht dem Idyll entspricht, das sie sich ausmalen und entsprechend agieren, sind im Kino gar keine Seltenheit. „Minotaur“, der neue Film des im Exil lebenden russischen Filmemachers Andrei Zvyagintsev, nimmt sich sogar ein direktes Vorbild, nämlich den 1969 entstandenen französischen Thriller „La Femme infidèle (Die untreue Frau)“ von Claude Chabrol. Dieser wurde sogar schon einmal neu verfilmt, nämlich unter dem Titel „Unfaithful“ im Jahr 2002 von Adrian Lyne, Experte in Sachen Erotik-Thriller-Dramen mit Filmen wie „9 ½ Weeks“ (1986), „Fatal Attraction“ (1987), „Indecent Proposal“ (1993) und dem Vladimir-Nabokov-Remake „Lolita“ (1997). In Lynes Film spielt Richard Gere den gehörnten Ehemann, der der Affäre seiner Ehefrau Diane Lane, gespielt von Olivier Martinez, auf die Schliche kommt. Zvyagintsev verbindet seine russischsprachige Neuinterpretation mit dem einschneidendsten politischen Ereignis der letzten Jahre, nämlich der Invasion seines Geburtslandes in der Ukraine, die seit Februar 2022 andauert und deren Folgen unermessliche Ausmaße annehmen dürfte.

Wir bewegen uns in diesem Film als auf zwei Ebenen: einerseits der politischen, denn Gleb Alexandrowitsch (Dmitriy Mazurov) wird vom Bürgermeister der kleinen Stadt, in der sein Logistik-Unternehmen ansässig ist, beordert, 14 seiner Mitarbeiter für den Militärdienst an der Front abzustellen. Das ist verständlicherweise eine schwierige Aufgabe, die schwer auf seinem Gewissen lastet, und das nicht nur, weil ihm wichtige Arbeitskräfte abhandenkommen. Er heuert kurzerhand 14 neue Mitarbeiter an, damit die anstelle seiner treuen Untergebenen in den Krieg ziehen, von dem ausgegangen wird, das er ohnehin in kurzer Zeit entschieden wird und der Blutzoll auf russischer Seite gering bleiben wird. Dann ist da noch auf der anderen Seite die private Ebene Glebs, die den eigentlichen Kern der Handlung bildet. Denn er kommt nicht um den Verdacht herum, dass seine wunderschöne Frau Galina (Iris Lebedeva), mit der und Sohn Seljoscha (Boris Kudrin) er in einem schönen Haus am See lebt, ihn mit einem anderen Mann betrügt. Er heuert den Sicherheitschef seines Unternehmens an, sie zu beschatten und den dringend benötigten Beweis ihrer Untreue zu liefern. Und tatsächlich trifft sie sich mit dem attraktiven jungen Fotografen Anton (Yuriy Zavalnyouk).

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Zvyagintsev inszeniert dieses Krimidrama kühl und exakt und lässt sich viel Zeit, Glebs zentralen Akt der Eifersucht auszugestalten. Das erklärt, warum der Film eine Laufzeit von 140 Minuten aufweist. Zeit zum Reflektieren über sein impulsives Verhalten gibt Zvyagintsev seinem Protagonisten aber nicht. Überhaupt scheint Moral in Glebs Leben kaum präsent zu sein. Nur einmal, wenn er einen jungen Mann Anfang 20 unter den neuen „Mitarbeitern“ findet, die für sein Personal an die Front müssen, sieht man einen Anschein an Skrupel in ihm aufflackern. Dass er ihn dann auf der Rekrutierungsliste ausgerechnet mit seinem Sicherheitschef ersetzt – der, der weiß, dass Gleb der Affäre seiner Frau aufgelauert haben könnte – relativiert diesen Akt der Gnade dann aber doch wieder. Es ist Hauptdarsteller Mazurov aber durchaus hoch anzurechnen, seine eigentlich verabscheuungswürdige Figur mit genug Verzweiflung und komplexen Gefühlen auszustatten, dass man ihn durch seine zweifelhafte charakterliche Entwicklung folgt. Faszinierend anzusehen ist diese nicht, zumal man dies ja schon oft genug gesehen hat. Aber Zvyagintsev erinnert uns daran, dass toxische Männlichkeit nun mal leider kein Verfallsdatum und keine kulturellen Grenzen kennt. Gleb reagiert auf seinen Kontrollverlust mit einer radikalen Impulsivität, aus der es eigentlich kein Entkommen geben kann.

Stichwort „eigentlich“. Wer die beiden Vorgängerfilme zu „Minotaur“ bereits kennt, oder andere ähnlich gelagerte Genrebeiträge – Woody Allens meisterhaftes Melodram „Match Point“ (2005) ist ein starker Referenzpunkt – der wird vielleicht erahnen, worauf das Ganze hinausläuft. Mir fehlt hier der moralische Zeigefinger, denn ich werde den Eindruck nicht los, dass sich „Minotaur“ zu sehr auf die Seite Glebs schlägt. Galina wiederum wird als launische, gelangweilte und unzufriedene Hausfrau dargestellt, der kein eigenes Leben und nicht einmal eigene Freunde zugestanden werden, weswegen ihr einziger Ausweg eine aufregende Romanze mit einem jüngeren Mann zu sein scheint. Statt einen Ausweg aus einer erkalteten und erstarrten Ehe zu suchen, wohlgemerkt. Zur Tragödie kommt es nur tangential.

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Was die politische Komponente der Handlung angeht, so ist diese nicht mehr als Beiwerk, die die charakterliche Entwicklung der Hauptfigur mit seinem privaten Ungemach kontrastieren soll. Hier versucht der Chef seine Mitarbeiter zu retten, indem er kurzerhand Personen von außerhalb anheuert, die vermutlich ohnehin früher oder später an die Front an die russisch-georgische Grenze geschickt worden wären. Auch hier wäre eine stärkere Positionierung gegen den Krieg wünschenswert gewesen, denn nicht jeder Zuschauer wird bereitwillig zwischen den Zeilen lesen oder das Gesehene adäquat einordnen können oder wollen.

So bleibt unterm Strich ein spannend und stimmungsvoll inszeniertes Melodram, das seiner Hauptfigur auf seinen moralischen Niedergang folgt, und dabei Fragen nach Verantwortung und Rechtschaffenheit anreißt. Die ambivalente Haltung wird ihm dabei aber fast zum Verhängnis.

Wertung: zweieinhalb von vier Sternen!

Trailer:

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