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Die Wahrheit ist schräger als Fiktion. Das ist die Essenz dieses Dramas, in dem die schriftstellerischen Ambitionen eines jungen Mannes gefährlichen Einfluss auf eine fremde Frau und ein Brüderpaar nehmen. Exklusiv von der Viennale 2026.

© 2026 StudioCanal, Carole Bethuel. Alle Rechte vorbehalten.

Wir Menschen denken uns gerne Geschichten aus. Diese helfen uns, aus dem Alltagstrott zu fliehen, uns aufregendere Abenteuer auszumalen, als wir sie jemals leibhaftig erleben könnten, und meistens ein besseres Bild unserer selbst zu zeichnen. Wer sieht sich nicht gern als Held seiner eigenen Story, der Übermenschliches auf sich nimmt, um einen großen Triumph zu erringen. Fiktionale Geschichten über real existierende Menschen können aber auch gänzlich andere Formen und Ausmaße annehmen, die oft auch rechtliche und ethische Grenzen überschreiten. In letztere Gefilde wagt sich der iranische Starregisseur Asghar Farhadi vor, der seinem Heimatland mit den Filmen „Jodāi-e Nāder az Simin (A Separation)“ (2011) und „Forušande (The Salesman)“ (2016) zweimal den Oscar für den besten internationalen Film einbrachte. Seinen neuesten Film, „Histoires Parallèles (Parallel Tales)“ drehte er in französischer Sprache in Paris. Das Drehbuch, das er gemeinsam mit seinem Bruder Saeed geschrieben hat, adaptiert das sechste Kapitel der „Dekalog“-Reihe der polnischen Filmemacher Krzysztof Kieślowski und Krzysztof Piesiewicz.

Der junge Herumtreiber Adam (Adam Bessa) wird, nachdem er sie vor einem Diebstahl bewahrt hat, von der Nichte (India Hair) der exzentrischen Schriftstellerin Sylvie (Isabelle Huppert) engagiert, ihr beim Aufräumen und Ausziehen aus ihrer Wohnung zu helfen. Dabei entdeckt er ein von Sylvie frustriert weggeworfenes Manuskript, in dem sie eine Dreiecksbeziehung zwischen einer Frau und zwei Brüdern schildert, die in einem Tonstudio im gegenüberliegenden Gebäude als Foley-Künstler arbeiten. Sie vertonen Geräusche, die in einem Film vorkommen, aber am Set nicht aufgenommen werden können. Fasziniert von der Geschichte, beginnt Adam, sich Nita (Virginie Efira), der Protagonistin, die von Sylvies verstorbener Mutter Anna inspiriert ist, anzunähern, und wird bald zu einem gefährlichen Parasiten, der ihr Leben, das ihres Freundes Nicolas (Vincent Cassel) und seines Bruders und Arbeitskollegen Théo (Pierre Niney) völlig aus der Bahn wirft. Wie weit darf man gehen, wenn man fremde Menschen in seine eigene Fiktion einbindet?

© 2026 StudioCanal, Carole Bethuel. Alle Rechte vorbehalten.

Die Kunst imitiert das Leben, genauso wie das Leben die Kunst imitiert. Dabei bewegt man sich mitunter auch auf einem schmalen Grat. Und das genau passiert hier. Farhadi erzählt routiniert und mit guten schauspielerischen Leistungen seiner Akteure ein durchaus passables Psychodrama, in dem Bessa als Stalker eine gute Figur an der Seite seiner gestandenen Kolleginnen macht. Isabelle Huppert spielt die chronisch unzufriedene Autorin mit viel Kauzigkeit, während Virginie Efira den wohl anspruchsvollsten Part bekommen hat, zumal sie wie Vincent Cassel und Pierre Niney eine Doppelrolle hat. Ich kam beim Schauen nicht umhin, Adam für seine Naivität und Unnachgiebigkeit zu verabscheuen und mich ständig zu fragen, warum er sich so rücksichtslos ins Leben dieser drei Fremden einmischt, wo doch die Geschichte, die nicht einmal auf Tatsachen basiert, ja eigentlich nichts mit ihnen persönlich zu tun hat. Übrigens: einen Gastauftritt hat die französische Ikone Catherine Deneuve.

Und genau das ist der springende Punkt dieses Moralitätenspiels. Denn nur, weil man eine gewisse Faszination mit fremden Menschen entwickelt, darf man seine eigene Imagination nicht so ohne weiteres auf seine „Protagonisten“ projizieren. Das Unbehagen, das einen mit Fortdauer der 139 Minuten Laufzeit begleitet, verstärkt dieses Gefühl. Dass die Fantasie mit einem durchgehen kann, wenn man Menschen bei ihren Aktivitäten beobachtet, liegt schon in der Natur des Menschen, wie weit man aber diese Beobachtungen in Fiktion übertragen darf, da gibt es schon rechtlich einige Bedenken. Diesen Aspekt blendet Farhadi aber gänzlich aus, und lässt die Lösung des Konflikts gänzlich bei den involvierten Figuren. Spannung kommt dabei eher träge auf, die Laufzeit von über zwei Stunden ist hier nicht wirklich gerechtfertigt.

© 2026 StudioCanal, Carole Bethuel. Alle Rechte vorbehalten.

Anders als Marc Forsters thematisch ähnliche Metakomödie „Stranger than Fiction“ (2006), in dem Emma Thompson als unter Schreibblockade leidende Autorin damit hadert, wie sie einen biederen Steuerprüfer (Will Ferrell) um die Ecke bringen soll, während dieser mit seinem bevorstehenden Schicksal hadert und sich auch noch in Maggie Gyllenhaal verliebt, ist das hier ein warnendes Beispiel dafür, seine überbordende Imagination besser für sich zu behalten oder sich gänzlich fiktionale Figuren auszudenken, mit denen man seine Handlungen ausgestalten kann.

Gut gespieltes, routiniert inszeniertes, wenn auch etwas zu sehr in die Länge gezogenes Drama über den Einfluss der Kunst in unser Leben. Hoffentlich überlegen es sich angehende Bestsellerautoren nach dem Film gründlich, wie sie mit ihren Inspirationsquellen für ihre Geschichten umgehen.

Wertung: zweieinhalb von vier Sternen!

Trailer:

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