Einer der ganz großen Awards-Favoriten des Jahres: John Malkovich und Sam Rockwell verschlägt es als urlaubende CIA-Agenten im Jahr 1973 auf die Osterinsel. Und weil Martin McDonagh sie dorthin schickt, wird es interessant. Exklusiv von der Viennale 2026.

Die Rolle, die die CIA in der Weltpolitik des 20. Jahrhunderts gespielt hat, ist schon eine sehr dubiose. Und der Einfluss, den die USA darauf genommen haben, den kann man eigentlich gar nicht genug einschätzen. Kuba, Vietnam, Chile, Iran, überall hat der Geheimdienst seine Finger im Spiel gehabt. Und wofür? Destabilisierung der ihnen nicht wohlgesottenen Regime und Versuch der Erhaltung der weltpolitischen Vormachtstellung. Das war damals so, und ist es heute erst recht. Politische Instabilität ist genau das, was machtgierige Autokraten beibehalten wollen, um den ihnen zugutekommenden Status Quo nicht zu gefährden. Dass die alten weißen Männer in den Regierungssitzen und Kommandozentralen alles andere als kompetent und in einigen Fällen auch noch hochgradig unintelligent sind, darüber sollte man vielleicht nicht zu lange nachdenken.
Nun nimmt sich ein Meister des schwarzhumorigen Krimidramas, Martin McDonagh, genau diese alten weißen Männer in seinem neuen Spielfilm „Wild Horse Nine“ vor. Wie kaum ein anderer Filmemacher des Gegenwartskinos liefert der in England geborene Ire, der seine künstlerische Laufbahn als Dramatiker begann, ein filmisches Kunststück nach dem anderen ab. Und er ist nicht gewillt, diese beeindruckende Serie abreißen zu lassen. „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ (2017) ist eine bitterböse Abrechnung mit Polizeigewalt, getragen von einem famosen Star-Trio bestehend aus Frances McDormand, Sam Rockwell und Woody Harrelson. „The Banshees of Inisherin“ (2022) zeigt die schockierenden Auswirkungen plötzlicher Entfremdung zweier lebenslanger Freunde (Colin Farrell, Brendan Gleeson) auf einer abgelegenen irischen Insel in den 1920er Jahren. Beide Filme strotzen nur so voller urkomischer Dialoge und überraschender Charaktermomente. Mit „Wild Horse Nine“ läuft McDonagh einmal mehr zu Hochform auf, und gibt seinen Schauspielern brillantes Material.

Im Jahr 1973 begeben sich zwei CIA-Agenten – der ältere, bereits todkranke Chris Carlisle (John Malkovich) und sein Kollege und bester Freund Lee Chesterfield (Sam Rockwell) – offiziell zum Urlaub auf die Osterinsel („Rapa Nui“, wie die Indigenen sagen), damit Chris endlich einmal die steinernen Köpfe („Moai“, wie die Indigenen sagen) bestaunen und filmen kann. Ihren Vorgesetzten im der Abteilung für Südamerika-Operationen passt das nur allzu gut, denn Büroleiter MJ (Steve Buscemi) ist besorgt über Chris‘ Plan, vor seinem Tod noch seine Memoiren zu schreiben, denn das CIA befürchtet einige brisante Enthüllungen aus Chris‘ ereignisreicher Geheimdienstkarriere. Lee soll deswegen ein Auge darauf werfen. Dann treffen die beiden Männer auch noch auf die beiden jungen Frauen Monica (Mariana de Girolamo) und Alicia (Ailín Salas).
Einen Thriller-Plot um zwei unliebsame CIA-Agenten mit schwarzhumorigem Biss und existenziellem Sterbedrama zu verbinden, ist schon ein sehr schwieriges narratives Unterfangen. Aber aus der Feder eines Martin McDonagh wird daraus ganz großes Kino. Seine unterschwellige Kritik an der amerikanischen Außenpolitik anhand historischer Referenzen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts hat brisante und erschreckende Bezüge zur Gegenwart, wenn man sich die derzeitige US-Regierung vor Augen führt. Ähnlich wie Paul Thomas Andersons Revoluzzer-Ballade „One Battle After Another“ (2025) schafft auch „Wild Horse Nine“ ein stimmiges Portrait, das subtil die amerikanische Hybris demontiert. Dass der Sektionsleiter als Drogenjunkie persifliert wird, mag ein bisschen zu sehr auf die Nase gebunden sein, passt in diesem satirischen Kontext aber wunderbar.

Schauspielerisch ist „Wild Horse Nine“ einmal mehr absolute Weltklasse: wie sich John Malkovich und Sam Rockwell unentwegt in die Haare kriegen und sich ein Wortduell nach dem anderen liefern, mag stellenweise zu überladen und zu laut sein, wird aber nicht eine Sekunde langweilig. Zwischen Clown-Sex, der Relation zwischen gutem Käse und der Homosexualität eines Landes und Lees ständiger Fresslust – sogar beim Töten – geht den Beiden scheinbar nie die Luft aus. Besonders Malkovich spielt sich hier in einen Rausch, der ihn ins Zentrum der Award-Saison hieven muss. Coolness, Melancholie, Sterbensängste, all das bringt er mit einer ungeheuren Leichtigkeit in eine Figur, die für ihn geschaffen ist. Rockwell, der bereits in „Seven Psychopaths“ und ganz besonders in seiner Oscar-prämierten Rolle des einfältigen Raubein-Cops in „Three Billboards“ brillierte, gibt hier eine weitere Galavorstellung, während auch die Nebendarsteller, allen voran Steve Buscemi, Mariana de Girolamo und in einem lakonischen Kurzauftritt Folk-Rock-Legende Tom Waits als Chris‘ Bruder großartige Darbietungen geben.
Die Osterinsel als eigener Charakter in der Geschichte ist ein wunderschöner und auch klaustrophobischer Ort, um diese Spionage-Geschichte zu erzählen, die wohlgemerkt kurz vor dem Umsturz des chilenischen Präsidenten Salvador Allende durch die CIA spielt. Hier finden sich Ähnlichkeiten zu McDonaghs erster Langfilmarbeit „In Bruges“ mit einer ähnlichen Figurenkonstellation aus Colin Farrell, Brendan Gleeson und Ralph Fiennes. Dieser Film vermochte es bereits, große menschliche Dramen mit bitterbösem Sarkasmus zu verschmelzen. Diese Formel bringt McDonagh hier, 18 Jahre später, zu seiner Vollendung.

Ein Feuerwerk aus profanem Dialogwitz, tiefgründiger Charaktermomente und spannender Polit-Thriller-Twists, trifft „Wild Horse Nine“ ins Schwarze. Mehr gelacht und mehr mitgefiebert habe ich dieses Jahr jedenfalls noch selten.
Wertung: vier von vier Sternen!
Trailer: