Oscar-Special 2024: Zwei bildgewaltige, eindringliche und unfassbar gut gespielte Thriller-Meisterwerke, die mit dem kapitalistischen amerikanischen Traum abrechnen, im wohl spannendsten Oscar-Duell des neuen Jahrtausends.
In der Geschichte der Oscar-Verleihung gibt es das sich nahezu jährlich wiederholende Schema, dass sich zwei Filme einander gegenüberstehen wie die letzten verbliebenen Revolverhelden in einem Spaghetti-Western und sich die wichtigen Preise untereinander ausmachen. Das hat sich vor allem in den letzten Jahren aber nur noch selten gezeigt, da die Mitgliederzahl innerhalb der Academy exponentiell angestiegen ist und diese endlich ihren Nachholbedarf in punkto Diversität erkannt hat. Das klassische „Team A vs. Team B“-Denken hat sich inzwischen vervielfältigt. Und seit in der Königskategorie „Bester Film“ zehn statt wie bis zur Verleihung 2008 fünf Filme nominiert werden, macht dies eine Eingrenzung ungemein schwieriger. Man nehme nur einmal das Pandemiejahr 2020 heraus: hinter dem einsamen Spitzenreiter bei den Nominierungen, David Finchers „Citizen Kane“-Verbeugung „Mank“ mit 10 Nennungen haben es gleich sechs Filme – „Nomadland“, „The Father“, „Sound of Metal“, „Judas and the Black Messiah“, „Minari“ und „The Trial of the Chicago 7“ – auf sechs Nominierungen gebracht, von denen bis auf „Chicago 7“ alle mindestens einen Preis gewinnen konnten. Duelle wie „The Hurt Locker“ gegen „Avatar“ 2009 oder „The Curious Case of Benjamin Button” gegen “Slumdog Millionaire” 2008 dürften damit der Vergangenheit angehören.

Den packendsten und qualitativ ausgeglichensten dieser Oscar-Zweikämpfe gab es aber zweifellos im Jahr 2007. Und es ist verblüffend, inwiefern sich beide Filme bei näherer Betrachtung ähnlich sind: auf der einen Seite der Westernthriller „No Country for Old Men“ von Joel und Ethan Coen, in dem drei Männer im Texas des Jahres 1980 Jagd aufeinander bzw. einen Koffer voller Bargeld machen. Und auf der anderen Seite das wuchtige Historiendrama „There Will Be Blood“ von Paul Thomas Anderson über einen raffgierigen, moralisch hingegen völlig bankrotten Ölbaron. Zwei Filme, die zu Recht zu den besten des bisherigen Jahrhunderts und zu den wichtigsten Werken ihrer jeweiligen Filmemacher gezählt werden. In jedem anderen Jahr hätte einer dieser Filme die Konkurrenz um Längen geschlagen, so mussten sich beide im gleichen Jahr die Ausbeute einigermaßen brüderlich aufteilen: mit jeweils acht Nominierungen ins Rennen gegangen, durften die Coen-Brüder selbst gleich dreimal aufs Podium: für das beste adaptierte Drehbuch, für die beste Regie und schließlich, gemeinsam mit Ko-Produzent Scott Rudin, auch für den besten Film des Jahres. Dazu wurde Javier Bardem für seine unvergessliche Performance als psychopathischer Killer als bester Nebendarsteller ausgezeichnet.
Im Jahr 1980 stößt der Jäger Llewelyn Moss (Josh Brolin) auf ein Massaker, das sich in der westtexanischen Wüste zugetragen hat. Mittendrin: ein Koffer, gefüllt mit zwei Millionen Dollar Bargeld. Ohne lange zu zögern nimmt er die Ware an sich und versteckt sie zunächst unter seinem Wohnwagen. Seine Frau Carla Jean (Kelly Macdonald) schickt er mit ihrer Mutter zu deren Sicherheit weg, während er sich selbst auf die Flucht begibt. Denn hinter dem Koffer sind noch andere zwielichtige Gestalten her, allen voran der völlig empathielose und durchgeknallte Killer Anton Chigurh (Javier Bardem), der seinen Opfern gerne ein Bolzenschussgerät an die Stirn hält. Mittels eines Trackers, den Moss bald zwischen den vielen Scheinen findet, macht der stoische Einzelgänger unerbittlich Jagd auf ihn. Zur gleichen Zeit ermittelt auch der alternde Sheriff Ed Tom Bell (Tommy Lee Jones) in dem Fall, zeigt sich aber von dem Ausmaß der Gewalt, auf den Fall bezogen als auch allgemein, derart erschüttert und machtlos, dass er daran denkt, den Stern an seiner Brust ein für allemal abzugeben.

Adaptiert vom gleichnamigen Roman von Cormac McCarthy, der erst zwei Jahre zuvor publiziert worden war, zeichnen die Coens ein atmosphärisch dichtes, meist wortkarges und leises Bild eines sich verändernden Landes, dass von dem Streben nach Höherem, der Gier nach mehr und der skrupellosen Gewalt, mit der danach gegriffen wird, bestimmt wird. Man könnte Bardems Chigurh als Metapher für den schier grenzenlosen Kapitalismus ansehen, und seine zielgerichtete Mission, den Geldkoffer wiederzubeschaffen – besonders hinsichtlich des offenen Endes, mit denen „No Country for Old Men“ sein Publikum hinterlässt – als dessen Triumph ansehen. Währenddessen charakterisiert Jones‘ Bell die zunehmende Orientierungslosigkeit der älteren Generationen, von Kriegen versehrt, unfähig, mit dem Fortschritt und den immer schnelleren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen mithalten zu können und von der Trostlosigkeit isoliert, was sich vor allem in den weiten, kargen Landschaften von Texas widerspiegelt. Das macht dieses atemlos spannende, vom legendären Kameramann Roger Deakins genial bebilderte und lange nachwirkende Katz-und-Maus-Spiel zu einem der überragendsten Western der jüngeren, wenn nicht der gesamten Filmgeschichte und zu einem verdienten Oscar-Abräumer.

Was aber nicht heißen soll, dass Paul Thomas Andersons Drama das Nachsehen verdient hat – ganz und gar nicht. In einer ohnehin schon recht beeindruckenden Filmographie und mit gerade einmal 37 Jahren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung beweist Anderson, welches Ausnahmetalent er ist. „There Will Be Blood“ basiert lose auf dem Roman „Oil!“ des Autors Upton Sinclair, erstmals in den 1920er Jahren veröffentlicht. Daniel Day-Lewis läuft in seiner Rolle als ruchloser, charismatischer und getriebener Geschäftsmann Daniel Plainview zu absoluter Höchstform auf und erschafft eine überlebensgroße Figur, die noch lange nach Ende des Films einen nachhaltigen Eindruck auf sein Publikum hinterlässt.
Plainview stößt bei Bohrungen in New Mexico im Jahr 1898 auf Silber und erwirbt sich damit einen Grundbesitz. Vier Jahre später entdeckt er schließlich ein großes Ölvorkommen in Kalifornien. Als bei einer Explosion einer seiner Mitarbeiter ums Leben kommt, adoptiert er dessen Sohn H.W., um nach außen hin den Schein als liebevoller Vater erwecken zu können. Jahre später wird er von Paul Sunday (Paul Dano) angesprochen, der ihn auf ein weiteres Ölfeld in Little Boston aufmerksam macht. Dort angekommen, macht Plainview die Bekanntschaft mit Pauls Zwillingsbruder Eli (ebenfalls Dano), einem Priester. Eli merkt sofort, dass Plainview nur des Öls wegen das Land aufkaufen will, lässt ihn aber gewähren. In der Folgezeit versucht Eli mit seinem strengen Glauben Einfluss auf Plainview zu nehmen, worin er sich in Folge einiger folgenschwerer Unfälle während der Bohrarbeiten bestätigt sieht. Als dann auch noch Plainviews vermeintlicher Halbbruder Henry (Kevin J. O’Connor) auftaucht, und das ohnehin schon brüchige Familienidyll zwischen Daniel und H.W. weitere Risse nimmt, droht Plainview an seinen eigenen Ambitionen zu zerbrechen.

Ähnlich wie Chigurh in „No Country for Old Men” kann Daniel Plainview als frühes Exemplar eines vom Kapitalismus vergifteten, erbarmungslosen Geschäftsmanns betrachtet werden. Die Oscar-gekrönten Bilder von Robert Elswit, die sich wie prachtvolle Gemälde ins Gedächtnis der Zuschauer brennen, stellen dies sinnbildlich zur Schau, etwa durch beeindruckende Ölfontänen, die gen Himmel schießen. „Radiohead“-Gitarrist Jonny Greenwood komponiert dazu eindrucksvolle Musik. Unvergessen wird der Film aber natürlich wegen seiner schier übermenschlichen schauspielerischen Leistungen bleiben. Daniel Day-Lewis spielt die womöglich beste Rolle seiner gesamten Karriere und, wie sollte es bei einer Naturgewalt wie ihm auch anders sein, verschwindet vollständig in seine Figur. Ein Mann, der sogar das Trinken eines Milchshakes in einer poetischen Form zum Ausdruck bringen kann, und damit die Popkultur beeinflusst, hat sich den Status einer lebenden Legende mehr als verdient. Man darf aber bei aller Lobhudelei für den Oscar-gekrönten Day-Lewis nicht auf seine Kollegen vergessen, und da sticht besonders der junge Paul Dano hervor, der – mit 23 Jahren wohlgemerkt – eine Präsenz aufbietet, die der seines Leinwandpartners in vielen Momenten in nichts nachsteht. Beiden Akteuren gelingt es, ihre Szenen mit einer derartigen Intensität zu füllen, dass man entweder fasziniert oder angewidert von ihnen ist, aber einfach nicht wegsehen kann.
Dass „There Will Be Blood” “nur” Preise für den Hauptdarsteller und die Kamera erhalten hat, mag eingefleischte Filmfans wie mich wehmütig stimmen, aber wenn die Geschichte eins beweist, dann dass meistens die Filme, die ihrerzeit sträflich vernachlässigt werden, oft einen weitaus größeren Legendenstatus erhalten. Und da ist Paul Thomas Andersons Meisterwerk in guter Gesellschaft.
Trailer zu „No Country for Old Men“:
Trailer zu “There Will Be Blood”:
One Comment