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Achtfach Oscar-prämierte Underdog-Ballade, in der ein indischer Straßenjunge „Die Millionen-Show“ abräumt und ein ganzes Land elektrisiert

Das Jahr 2008 stand ganz im Zeichen vom durchschlagenden Blockbuster-Erfolg von „The Dark Knight“, der seinem überragenden Bösewicht Heath Ledger posthum einen verdienten Oscar als Bester Nebendarsteller einbrachte und „Iron Man“, der nicht nur das „Marvel“-Universum in Gang brachte, sondern gleich nachhaltig die Filmindustrie prägen sollte. Barack Obamas Sieg bei der amerikanischen Präsidentenwahl war ein seismischer Moment in der modernen Popkultur, ein Erdrutschsieg, der ein neues Kapitel in der nicht enden wollenden Galerie beeindruckender Underdog-Geschichten aufschlug. Wie passend also, dass gerade in jenem Jahr ein Film einen Siegeszug während der Award-Saison antreten durfte, den im Vorfeld auch kaum einer auf dem Zettel hatte. Die britisch-indische Ko-Produktion Slumdog Millionaire von Danny Boyle, der von Ko-Regisseurin Loveleen Tandan unterstützt wurde, feierte seine Uraufführung auf dem „Telluride Film Festival“ und wurde später auf dem „Toronto International Film Festival“ mit dem „People’s Choice Award“, dem wichtigen Publikumspreis, ausgezeichnet. Zur Oscar-Verleihung trat die von Fox Searchlight und Pathé vertriebene Produktion mit zehn Nominierungen an, zwei davon für Songs aus A.R. Rahmans eklektischem Soundtrack, und gewann acht (der Song „Jai Ho“ triumphierte über „O… Saya“ und „The Dark Knight“ gewann für den Tonschnitt). „The Curious Case of Benjamin Button“ galt mit 13 Nominierungen in 13 Kategorien als großer Favorit. Am Ende mussten die Award-Experten, Kritiker und Zuschauer, und auch ich, erkennen, dass es so etwas wie einen großen Favoriten eigentlich nicht geben kann. Und in der Tat hat der bessere Film gewonnen.

© 2008 Filmladen, Pathé, ProKino. Alle Rechte vorbehalten.

Jamal Malik (vom Kind zum Erwachsenen: Ayush Mahesh Khedekar, Tanay Chheda, Dev Patel) wächst mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder Salim (Azharuddin Mohammed Ismail, Ashutosh Lobo Gajiwala, Madhur Mittal) in einem Slum in Bombay (dem heutigen Mumbai) auf. Nachdem ihre Mutter bei einem gewalttätigen Aufmarsch getötet wird, schlagen sich die beiden Jungs alleine mehr schlecht als recht durchs Leben. Die Begegnung mit dem Waisenmädchen Latika (Rubina Ali, Tanvi Ganesh Lonkar, Freida Pinto) verändert Jamals Leben für immer. Während Salim schnell Karriere als skrupelloser Gangster macht, arbeitet der stets rechtschaffene und optimistische Jamal als Tee-Servierer („Chaiwallah“) in einem Call-Center und kann sich durch Zufall für eine Ausgabe der indischen Version der weltweit populären Quiz-Sendung „Who Wants to Be a Millionaire“ qualifizieren, wo er später dem arroganten, selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammenden, Moderator Prem Kumar (Anil Kapoor) gegenübersitzt. Keiner traut dem Jungen zu, möglichst viele der 15 Fragen zu beantworten, und Kumar lässt Jamal vor der alles entscheidenden letzten Frage zu Beginn der folgenden Sendung von der Polizei abführen. Doch anstatt einen Betrüger zu entlarven, werden der Inspektor (Irrfan Khan) und sein tölpeliger Adjutant Srinivas (Saurabh Shukla) Zeuge von Jamals ergreifender Lebensgeschichte, die mit nahezu jeder der Fragen in Verbindung steht. Bald wird klar, dass es Jamal gar nicht um den Geldgewinn, sondern etwas sehr viel Wichtigeres geht…

Eine Aus-Arm-werde-Reich-Geschichte um eine 15 Fragen umfassende Quizsendung zu konstruieren, die so gut wie jeder kennt, ist ein dramaturgisches Kunststück, und der Drehbuchautor Simon Beaufoy nutzt die aus Rückblenden strukturierte Odyssee seines Protagonisten, um ein mitreißendes Außenseiter-Portrait anzufertigen, das mit einer ausgewogenen Mischung aus Humor, Tragik, Spannung, Emotion und einer Portion Bollywood-Nostalgie durchsetzt ist, das die rund zwei Stunden wie im Flug vergehen lässt, auch wenn die Antwort auf die letzte Frage, zumindest in der westlichen Kultur, viel zu einfach ist und den erlösenden Moment künstlich in die Länge zieht.

© 2008 Filmladen, Pathé, ProKino. Alle Rechte vorbehalten.

Es ist ein Wohlfühlfilm, obwohl viele der gezeigten Figuren einiges erleiden müssen – etwa die erblindeten Waisenkinder, die für Geld auf der Straße singen müssen. Boyle, der sich mit Filmen wie „Shallow Grave“ (1994), „Trainspotting“ (1996), „The Beach” (2000) und „28 Days Later“ (2003) und später mit „127 Hours“ (2010) einen Ruf als visionärer Regisseur mit Hang zum Extremen erarbeitet hat, inszeniert den Film mit erstaunlicher Leichtigkeit und Sensibilität, die Figuren nie von oben herab und gibt ihnen eine charakterliche Entwicklung, die in einer alles auflösenden, zufriedenstellenden Parallelmontage ihren Höhepunkt findet. Natürlich darf eine abschließende Tanzeinlage nicht fehlen.

Ein Oscar-Gewinner, der sich diesen Nimbus in jedem Fall redlich verdient hat: mitreißend, bewegend, kurzweilig. Dieser Trip nach Indien lohnt sich.

Trailer:

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