Skip to main content

Eine poetische, gefühlvolle und brillant inszenierte Ballade über einen Mann, der rückwärts altert

Der Name David Fincher weckt bei eingefleischten Kinofans sofort Erinnerungen an unvergessliche Thriller wie „Se7en“ (1995), „Fight Club“ (1999), „Zodiac“ (2007), sowie später auch „The Girl with the Dragon Tattoo“ (2011) und „Gone Girl“ (2014). Man kann völlig zurecht behaupten, dass Fincher das Abgründige, Nihilistische, und Brutale bildgewaltig und eindrücklich in Szene zu setzen weiß. Als er vor nunmehr 15 Jahren einen gewagten und durchaus interessanten Abstecher in wärmere Gefilde unternahm und einen weitaus massentauglicheren Film ablieferte, waren nicht wenige etwas verblüfft, aber auch nicht wenige, darunter auch meine Wenigkeit, begeistert. In seiner dritten Zusammenarbeit mit Superstar Brad Pitt – soeben 60 geworden – adaptiert er eine Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald („The Great Gatsby“) fürs Kino, der sich wiederum von einem Zitat Mark Twains inspirieren ließ. Das Drehbuch von Eric Roth, mit Vorarbeit von Robin Swicord, dürfte aber auch nicht ganz zufällig ein wenig an „Forrest Gump“ (1994) erinnern, stammte auch das Skript zu diesem Film von Roth. „Benjamin Button“ bezieht sich jedoch weit weniger explizit auf die amerikanische Geschichte des 20. Jahrhunderts, sondern streift nur ganz wenige kulturelle Ereignisse. Pitts Benjamin ist nichtsdestotrotz eine Sympathiefigur a la Gump.

© 2008 Warner Bros. Entertainment.

1918: gerade als in den Straßen von New Orleans das Ende des „Großen Krieges“ gefeiert wird, erblickt ein Baby das Licht der Welt, das so alt und hässlich aussieht, dass sein Vater, Thomas Button (Jason Flemyng), Besitzer einer Knopffabrik, ihn kurzerhand auf der Stiege vor einem Altersheim aussetzt, wo der Säugling von Queenie (Taraji P. Henson) gefunden und wie ein eigenes Kind aufgezogen wird. Und tatsächlich entwickelt sich Benjamin, wie sie ihn tauft, zu einem gesunden Mann, der die menschliche Evolution komplett auf den Kopf stellt. Er lernt die tanzbegabte Enkelin einer Heimbewohnerin, Daisy Fuller (Elle Fanning als junges Mädchen, Cate Blanchett als Erwachsene und am Sterbebett) kennen, mit der er später – als er auf dem Boot des charismatischen Captain Mike (Jared Harris) anheuert, die Welt besegelt und in den Zweiten Weltkrieg gerät – eine Brieffreundschaft aufrechterhält. Später kreuzen sich die Wege der Beiden immer wieder und als sie sich altersmäßig endlich in der Mitte treffen, verleben sie eine glückliche, wenn auch sorgenvoll-kurze Zeit miteinander. Im Jahr 2005, gerade als der destruktive Hurrikan „Katrina“ auf New Orleans trifft, wird so nicht nur deren erwachsene Tochter Caroline (Julia Ormond) Zeugin einer der außergewöhnlichsten Lebens- und Liebesgeschichten der modernen Filmhistorie.

The Curious Case of Benjamin Button” ist ein wunderbar altmodisch anmutender Film – er hätte genau so etwa auch in den 1980er oder 1990er Jahren gedreht werden können, nur mit mehr oder weniger starken filmtechnischen Einschränkungen. So aber zaubert Fincher ein berührendes und leises Melodram auf Film, welches sich den ewigen Themen des Älterwerdens, des Flusses der Zeit und der Beziehungen zu den Menschen, die einem im Laufe eines Lebens begegnen, auf eine noch nie dagewesene Perspektive und Herangehensweise annähert. Möglichkeiten, die sich damit auftun, gäbe es zuhauf, und so schafft Fincher es nicht ganz, aus der Oberfläche durchzubrechen und diese faszinierende Figur des geborenen Greises stärker zu charakterisieren. Das schadet Pitts Performance aber keinesfalls, und er liefert – Oscar-nominiert – eine Glanzleistung ab, die von einer starken Riege an Nebendarstellern unterstützt wird, allen voran Cate Blanchett als dessen große Liebe Daisy, Taraji P. Henson als liebevolle und willensstarke Ziehmutter, Charakterdarsteller Mahershala Ali in einer frühen Kostprobe seines immensen Talents, sowie ein eindrücklicher Jared Harris, die ewig stilvolle Tilda Swinton und Jason Flemyng.

© 2008 Warner Bros. Entertainment.

Die wunderschön aufgenommenen und effizient zusammenmontierten Bilder werden von einer großartigen, elegischen Filmmusik von Alexandre Desplat unterlegt, der von der ersten bis zur letzten Minute eine melancholische Atmosphäre kreiert, die die stattliche Laufzeit von 166 Minuten wie einen gut ausbalancierten Fiebertraum wirken lässt.

The Curious Case of Benjamin Button” mag vielleicht nicht die emotionale Resonanz eines “Forrest Gump” erreichen oder eine bedeutungsvoll-tragische Geschichte sein, wie es sie in der Filmgeschichte zuhauf gibt, ist aber dennoch eine wunderschön erzählte, gut gespielte und bebilderte sowie harmonisch untermalte Elegie.

Trailer:

2 Comments

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Manuel Stephan

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen