Oscar-Special 2024: Kathryn Bigelow schickt in diesem quasidokumentarischen Film amerikanische Soldaten im Irakkrieg von einer brenzligen und explosiven Situation in die nächste – und schreibt damit Filmgeschichte
„David gegen Goliath“-Geschichten bei der Oscar-Verleihung – in der sich eine kleine Independent-Produktion gegen einen schier übermächtigen Favoriten von einem der großen Filmstudios bewährt – gibt es im 96jährigen Verlauf der Historie einige. Wie groß war die Verblüffung und auch die Begeisterung, als 2019 Bong Joon-Hos südkoreanische Sozialsatire „Parasite“ den Vorzug gegenüber Sam Mendes‘ technisch brillantem Kriegsdrama „1917“ erhielt? Wie legendär war der Moment, als 2016 Barry Jenkins‘ berührendes Coming-of-Age-Drama „Moonlight“ nach minutenlangem Chaos als Bester Film ausgezeichnet wurde, obwohl die Produzenten von „La La Land“ bereits ihre Dankesreden hielten? Und was ist mit „12 Years A Slave“, Steve McQueens erschütternde historische Biographie des 1841 in die Sklaverei verkauften Solomon Northup, das sich 2013 gegen Alfonso Cuaróns packendem Weltraum-Drama „Gravity“ durchsetzt?
Dieses Mal will ich mich aber auf das Kinojahr 2009 fokussieren, mit dem wohl größten „Goliath“, den es je gegeben hat, und einem „David“, der sich einen Platz in den Annalen der Filmgeschichte gesichert hat. Dieser „Goliath“ hört auf den Titel „Avatar“, ist ein bildgewaltiges Science-Fiction-Epos, an dem Autor und Regisseur James Cameron jahrelang herumgetüftelt hat, mit einem Produktionsbudget – Marketingkosten nicht einberechnet – von fast 250 Millionen Dollar und welcher quasi im Alleingang den bis heute anhaltenden Boom des 3D-Kinos revitalisiert hat, nachdem Versuche, das brillenunterstützte Seherlebnis massentauglich zu machen, immer wieder scheiterten. Aber mit einem weltweiten Einspielergebnis von mittlerweile über 2,9 Milliarden Dollar ist es immer noch der erfolgreichste Film aller Zeiten, dessen Fortsetzung, „The Way of Water“ (2022), unlängst wieder die Kassen klingeln ließ. Camerons bahnbrechendes Abenteuer, welches von zahllosen Stoffen wie „Pocahontas“, „Dances with Wolves“, „The Last Mohican“ bis „FernGully“ und noch viele mehr zitiert und abkupfert, wurde für neun Oscars nominiert, und galt nach Camerons epischem Triumph mit „Titanic“ zwölf Jahre zuvor – 11 Auszeichnungen bei 14 Nominierungen, beides Rekorde, die der Film sich mit jeweils zwei anderen Filmen teilt – als großer Favorit. Oder auch nicht. Jedenfalls gewann „Avatar“ letztendlich drei Preise – natürlich für die visuellen Effekte, sowie für das Produktionsdesign, als auch für Mauro Fiores Kameraarbeit. Der große Sieger des Abends war aber…

…ein 15 Millionen Dollar teurer Kriegsfilm, der seine Uraufführung zwar bereits auf dem Filmfestival von Venedig 2008 erlebte, aber erst im Sommer 2009 heimlich still und leise in die amerikanischen Kinos kam und knapp 50 Millionen wieder einspielen konnte. Eine große Starbesetzung konnte für den Film nicht engagiert werden, da keine Versicherung der Welt bereit gewesen wäre, hohe Summen für deren Sicherheit während der Dreharbeiten in Jordanien bereitzustellen. Und so sind die bekanntesten Schauspieler des Films – Guy Pearce („L.A., Confidential“, „Memento“, „Iron Man 3“), David Morse („The Rock“,„The Green Mile“, „Disturbia“) und Ralph Fiennes („Schindler’s List“, „The English Patient“, die „Harry Potter“-Filme) nur sehr kurz zu sehen. Jeremy Renner und Anthony Mackie waren zum Zeitpunkt des Films beide noch relativ wenig bekannt, sind aber durch ihre Rollen im Marvel-Universum inzwischen längst berühmt geworden. Bigelow spielte das Engagement von weitgehend frischen Gesichtern in die Karten, um so ein Gefühl der Unberechenbarkeit zu erzeugen.
Mark Boal, der als freier Journalist tätig war und als integrierter Reporter 2004 an der Seite eines Bombenentschärfungskommandos der U.S. Army über den Irakkrieg Bericht erstattete, schrieb das Drehbuch anhand der Erfahrungen, die er vor Ort sammeln durfte – zwischen 10 und 15 Einsätze begleitete er jeden einzelnen Tag. Der Nervenkitzel, die ständige Gefahr und die Unvorhersehbarkeit der Situationen werden dadurch umso authentischer. Die episodenhafte Dramaturgie spitzt sich dadurch nicht auf einen vorhersehbaren Ablauf zu, der in einen spannungsgeladenen Showdown mündet, sondern zeigt den Alltag der Bombenentschärfer im Krieg in all seiner glanzlosen und gefährlichen Routine.

Bei einer missglückten Bombenmission mit einem ferngesteuerten Roboter kommt der Teamleiter einer kleinen Einheit, Staff Sergeant Thompson (Guy Pearce), ums Leben. Seine beiden Mitglieder, Sergeant J.T. Sanborn (Anthony Mackie) und Spezialist Owen Eldridge (Brian Geraghty) bekommen daher einen neuen Leiter zugeteilt. Staff Sergeant William James (Jeremy Renner) macht zwar zunächst einen coolen und recht sympathischen Eindruck auf seine beiden Kameraden, sein rücksichtsloses und völlig wahnwitziges Vorgehen bei ihren Missionen sorgt jedoch schon bald für mächtigen Ärger zwischen den Männern. Sanborn und Eldridge, die den Rest ihres Einsatzes möglichst schadlos und unaufgeregt hinter sich bringen möchten, sehen sich mit dem moralischen Dilemma konfrontiert, ob sie ihren risikofreudigen Leader nicht selbst töten sollten…
William James ist in der Tat ein höchst interessanter Charakter, der nur im Angesicht der drohenden Gefahr wirklich glücklich zu sein scheint. Der sogenannte „Hurt Locker“, eine Box mit Sachen, die ihn beinahe umgebracht hätten, beinhaltet ausschließlich Gegenstände aus seinem zivilen Leben, wie Fotos seiner Familie. James wird vom Nervenkitzel im Krieg dermaßen übermannt und überwältigt, dass eine Rückkehr in ein normales, friedfertiges Leben für ihn unerträglicher wird als das Warten auf den nächsten Auftrag und das Lauern auf die nächste Bombe. Viele Veteranen, die den Film gesehen haben, sehen in diesem Charakter und seiner vielen zweifelhaften Entscheidungen, die den Plot des Films antreiben, ein faktisch inkorrektes und sensationalistisch aufbereitetes Portrait von Soldaten im Kriegsdienst. Wie man dieser Darstellung auch gegenübersteht – anerkennend oder kritisch – hier hat man es mit einer faszinierenden Charakterstudie zu tun, die zu Diskussionen anregen kann. Jeremy Renner erhielt für seine überzeugende Darstellung eine der insgesamt neun Oscar-Nominierungen des Films.

Barry Ackroyds Kameraführung, ebenfalls nominiert, ist stärk geprägt von der dokumentarischen Ästhetik, mit der Bigelow sich an dieses Thema angenähert hat. Das bedeutet dann aber auch, dass die Bilder, durch die händische Bedienung, oft stark verwackelt sind, was besonders schwindelanfällige Zuschauer auf Dauer vor eine große Herausforderung stellen dürfte. Es trägt aber nichtsdestotrotz zum Spannungsaufbau bei und kreiert mitunter auch einprägsame Bilder, wie eine Explosion gleich zu Beginn des Films in Zeitlupe.
Am Ende gewann „The Hurt Locker“ sechs Oscars: Paul N.J. Ottosson für Tonschnitt und Tonmischung, Bob Murawski für den Filmschnitt, Mark Boal für sein Drehbuch, und – nach 82 Jahren zum ersten Mal in der Oscar-Geschichte durfte Barbra Streisand den Regie-Oscar an eine weibliche Kollegin überreichen. Damit triumphierte Kathryn Bigelow 2009 ausgerechnet über ihren Exmann James Cameron. Der Preis für den besten Film ging ebenfalls an Bigelow und Boal, die als Produzenten fungierten, gemeinsam mit Greg Shapiro und Nicolas Chartier, wobei Letzterer von der Verleihung ausgeschlossen wurde, weil er Academy-Mitglieder per E-Mail offen dazu aufgefordert hatte, für ihren Film und nicht für „Avatar“ zu stimmen.
„The Hurt Locker“ erweist sich als würdiger Sieger, der den Alltag des Irakkrieges und der Soldaten, die ihm beiwohnen mussten, auf spannende und intensive Weise zeigt, auch wenn er ihnen kein allzu authentisches Portrait anfertigt. Ein Film für starke Nerven – und Mägen.
Trailer:
One Comment