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Zwei grandiose Verbeugungen vor der Pionierzeit der Filmgeschichte. Pflichtprogramm für Cineasten und Filmhistorie-Interessierte.

In meinem heutigen Streifzug durch die 96jährige Geschichte der Academy Awards widme ich mich dem filmgeschichtlich interessanten Jahr 2011. Diese Saison war bestimmt durch gleich zwei Filme, die in der Frühzeit der Filmgeschichte angesiedelt sind und jeder für sich ein Kapitel dramatisierten, das mehr oder weniger in Vergessenheit geraten ist. Beide Filme gewannen jeweils fünf Preise, wobei „Hugo“, Martin Scorseses liebevolle und fantastische Hommage an Filmpionier Georges Méliès, verpackt in ein kindliches Abenteuer rund um einen zeichnenden Roboter, für seine eindrucksvollen technischen Errungenschaften prämiert wurde, während Michel Hazanavicius‘ an „A Star is Born“ (vier Versionen davon erschienen 1937, 1954, 1976, 2018) und „Singin‘ in the Rain“ (1952) erinnerndes Stummfilm-Melodram „The Artist“ mit den wichtigen Hauptpreisen geehrt wurde. Zunächst einmal zum großen Gewinner:

© 2011 Filmladen. Alle Rechte vorbehalten.

1927: George Valentin (Jean Dujardin) ist ein gefeierter Leinwandstar während der Stummfilm-Ära Hollywoods. Selbstsicher verbucht er einen Hit nach dem anderen und verzaubert mit seinem Charme Legionen von zumeist weiblichen Fans – sehr zum Missfallen seiner Frau Doris (Penelope Ann Miller). Bei einer Premiere trifft er die junge, aufstrebende Tänzerin Peppy Miller (Berenice Bejo) und ermutigt sie, ihre Träume zu verfolgen. Sie steigt schon bald zu einer der gefragtesten Schauspielerinnen in Hollywood auf und macht in Musicals eine fabelhafte Figur. Als im selben Jahr mit „The Jazz Singer“ der erste Film mit Originaltonaufnahmen erscheint, für Furore sorgt und die Studios schnell aufrüsten, um mit dem Fortschritt mithalten zu können, weigert sich Valentin standhaft, mit der Mode zu gehen. Er setzt alles auf eine Karte, landet mit seinem aufwendig produzierten und aus eigener Tasche finanzierten Stummfilm-Epos „Tears of Love“ aber einen gewaltigen Misserfolg und verliert nach dem Börsenkrach 1929 auch sein restliches Vermögen. Aber Peppy vergisst George nicht und will ihm wieder auf die Beine helfen.

The Artist“ ist neben „Wings“ (1927), welcher im selben Jahr wie „The Jazz Singer“ veröffentlicht wurde, einer von nur zwei Stummfilmen, die den Oscar für den besten Film gewinnen konnten – „Wings“ gewann übrigens bei der allerersten Verleihung 1928. Hazanavicius gelingt mit seiner brillanten Rekonstruktion damals gängiger Stummfilmproduktionen ein Experiment, wie man es so in der gegenwärtigen Filmgeschichte eigentlich kaum noch zu sehen bekommt. Der geschickte Einsatz von Toneffekten in einigen Schlüsselszenen verstärkt das ironische Gegenspiel, welches im Zentrum der Handlung steht. Dujardin und Bejo spielen überzeugend die beiden fallenden bzw. steigenden Sternchen am Hollywood-Himmel, wobei insbesondere Dujardin, dessen Präsenz und Stil stark an Kinolegende Douglas Fairbanks Jr. erinnert, mit viel Ausdrucksstärke und melodramatischer Mimik und Gestik besticht, für die er verdient den Hauptdarsteller-Preis gewonnen hat. Alles in allem ist „The Artist“ eine melancholische, höchst unterhaltsame und ästhetisch makellose Zeitreise in die „Roaring Twenties“ der Traumfabrik.

© 2011 GK Films, Jaap Buitendijk, Paramount Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Die Filme Martin Scorseses sind viel: brutal, vulgär, lang, kultig oder zumindest kultverdächtig, und so weiter. Familientauglich gehört in der Regel jedoch nicht zu deren Eigenschaften. Aber genau das trifft auf sein Fantasy-Märchen „Hugo“ zu. Eine Adaption des Romans „Die Erfindung des Hugo Cabret“ von Brian Selznick, erzählt er die Geschichte eines Waisenjungen, Hugo (Asa Butterfield), der hinter der Bahnhofsuhr im Pariser Montparnasse lebt. Sein alkoholkranker Onkel (Ray Winstone) ist spurlos verschwunden, also hält er das Uhrwerk intakt, um nicht von dem gefürchteten Inspektor Dasté (Sacha Baron Cohen) entdeckt zu werden. Hugos kostbarster Besitz ist ein mechanischer Roboter, den er mit seinem verstorbenen Vater (Jude Law) entdeckt hat und gemeinsam mit ihm reparieren wollte. Beim Versuch, Ersatzteile dafür zu stehlen, macht er die Bekanntschaft mit dem verbitterten Besitzer des nahegelegenen Spielzeugladens, Georges (Ben Kingsley). Dessen Patentochter Isabelle (Chloë Grace Moretz) freundet sich aber schnell mit Hugo an und hilft ihm, hinter das Geheimnis des zeichnenden Automaten zu kommen. Dabei erfahren die Beiden, mit Hilfe des Autors Tabard (Michael Stuhlbarg), dass Georges einst ein gefeierter, inzwischen aber längst in Vergessenheit geratener Pionier der Filmkunst ist, dessen bahnbrechender Film „Le Voyage dans la Lune“ 1902 das Genre des Science-Fiction-Films mitbegründet hat.

Martin Scorsese ist nicht nur ein begnadeter Filmemacher, sondern auch ein leidenschaftlicher Filmliebhaber, der sich unermüdlich für die Erhaltung, Bewahrung und Restaurierung von Filmklassikern einsetzt und so selbst eine wichtige Persönlichkeit in der Filmgeschichte geworden ist. Und so hätte es keinen besseren Regisseur für diesen Stoff geben können. Scorseses Liebe zum Film ist in jeder Szene spürbar und er behandelt Georges Méliès, der wie kaum ein anderer das Medium Film beeinflusst und geprägt hat, mit großem Respekt. Ben Kingsley, dessen Ähnlichkeit mit seiner realen Figur verblüffend ist, spielt gewohnt zurückhaltend und eindrucksvoll. Die Kameraarbeit, das Produktionsdesign sowie die visuellen Effekte wurden allesamt verdient Oscar-prämiert, wie auch die Audiomischung und der Tonschnitt.

© 2011 GK Films, Jaap Buitendijk, Paramount Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Selbst wenn man wenig bis gar keine Ahnung von Filmgeschichte hat, so trifft „Hugo“ doch ins Herz und erzählt eine emotionale Geschichte über ein Genie, dem erst sehr spät im Leben die Anerkennung und der Respekt entgegengebracht wurde, der ihm zeit seines Lebens zugestanden hätte.

Beide Filme zollen, jeder auf seine Weise, längst vergangenen und fast vergessenen Kinopionieren Tribut und schicken ihre Zuschauer auf eine bildgewaltige, beeindruckende und mitunter auch wehmütige Zeitreise. Wer sich für die Anfänge der Filmhistorie sowie die ungemein spannende Zeitenwende vom Stummfilm zum Tonfilm interessiert, der kann sich gleich zwei Meisterwerke des vergangenen Jahrzehnts vormerken. Und wer es gern etwas Abgründiger und mehr im typischen Scorsese-Stil hätte, dem empfehle ich auch einen Blick auf Oscar-Preisträger Damien Chazelles irrwitziges, knallbuntes Hollywood-Melodram „Babylon“ (2022), welches ebenfalls die Periode des Umbruchs in der Traumfabrik thematisiert und dessen Ensemble-Besetzung von Brad Pitt und Margot Robbie angeführt wird. Das dreistündige Epos ist aber sicher nicht für jeden geeignet.

Trailer zu „The Artist„:

Trailer zu „Hugo„:

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