Skip to main content

Die opulente Verfilmung von Frank Herberts aufwendigem Science-Fiction-Roman zählt bereits jetzt zu den besten Filmen des noch jungen Jahrzehnts

Es gibt Bücher der Weltliteratur, die nicht ohne Grund als unverfilmbar gelten oder, in einigen Fällen, gegolten haben. Die Welten, die die Autoren in ihren Werken erschaffen haben, sind zu groß, um sie auf eine Leinwand zu komprimieren. Kein Schauspieler der Welt vermag es, die ikonischen Figuren so darzustellen, wie Millionen Leser sie sich vor ihrem geistigen Auge ausgemalt haben. Oder die Handlung ist so ausschweifend, sei es in ihrem Ausmaß oder am Grad von Sex und Gewalt, dass ein Roman gar nicht erst massentauglich verfilmt werden kann und daher für Studios eine vorgefertigte Geldverbrennungsinvestition darstellt. Und ja, auch wenn die technischen Fortschritte in der Film-, wie auch in der Fernsehindustrie die Möglichkeiten solcher Adaptionen um ein Vielfaches erleichtert haben, und Filmreihen oder Fernsehserien wie „Der Herr der Ringe“ und seine Vorgeschichte „Der Hobbit“, „Harry Potter“ oder „Game of Thrones“ gewaltige Erfolge erzielen und eine große Fanschar nach sich ziehen konnten, gibt es nach wie vor genügend Material in den unendlichen Weiten der Popkultur, das scheinbar für eine werkgetreue Verfilmung ungeeignet ist. Cormac McCarthys brutaler Neo-Western „Blood Meridian„, an dem sich Regiegrößen wie Ridley Scott die Zähne ausbeißen. Arthur C. Clarkes Science-Fiction-Epos „Rendezvous mit Rama„, für das David Fincher viel Zeit in eine fruchtlose Entwicklung gesteckt hat. Marx‘ „Das Kapital„, einer der größten Fehlschüsse des revolutionären sowjetischen Filmpioniers Sergei Eisenstein. Wobei, okay, letzteres scheint auch wirklich nicht der Stoff für gute filmische Unterhaltung zu sein.

Ein Roman, der über die Jahrzehnte bereits mehrfach für Kino und Fernsehen verfilmt wurde, dabei aber nie an das Potenzial seiner Vorlage auch nur annähernd heranreichte, ist der Science-Fiction-Thriller „Dune“. Im deutschsprachigen Raum mit dem Beinamen „Der Wüstenplanet“ bedacht, bildet der erstmals 1965 publizierte Text den Auftakt zu einer langen und von Fans kultisch verehrten Reihe, die von den Nachkommen des Autors Frank Herbert bis heute fortgesetzt wird.

© 2021 Warner Bros. Pictures / Chiabella James. Alle Rechte vorbehalten.

Der chilenische Regisseur Alejandro Jodorowsky musste sein ambitioniertes Vorhaben, ein zehnstündiges Epos daraus zu inszenieren, nach langen Produktionsquerelen aufgeben, und dokumentierte dies in einer sehenswerten Dokumentation, schlicht „Jodorowsky’s Dune“ betitelt. Der italienische Starproduzent Dino De Laurentiis, bekannt für seine Hannibal Lecter-Verfilmungen, sicherte sich die Rechte Anfang der 1980er-Jahre und engagierte niemand Geringeren als David Lynch für Drehbuch und Regie. Lynchs Versuch, die äußerst komplexe und dicht getaktete Handlung auf eine ökonomische Laufzeit von 137 Minuten zu komprimieren, was bei einem für damalige Verhältnisse sehr hohen Budget von 40 Millionen Dollar durchaus Sinn ergibt, endete in einem Fiasko, über das Lynch noch Jahrzehnte später am liebsten gar nicht mehr denken möchte.

Auftritt Denis Villeneuve: der kanadische Filmemacher erarbeitete sich in den 2010er-Jahren einen geradezu glänzenden Ruf als visionärer Geschichtenerzähler. Mit den Hochspannungs-Thrillern „Enemy“, „Prisoners“ und „Sicario“ setzte der bereits in seiner Heimat geschätzte Villeneuve auch international ein starkes Ausrufezeichen. Mit „Arrival“, der genialen Adaption der Kurzgeschichte „Story of Your Life“ von Ted Chiang, die Drehbuchautor Eric Heisserer in ein leises, packendes und philosophisch angehauchtes Alien-Invasionsdrama verwandelte, gelang Villeneuve nicht nur einer der besten Filme des Jahres, sondern auch einer der besten Science-Fiction-Filme des neuen Millenniums. Wie knüpft ein Filmemacher wie er daran an? Indem er kurzerhand die lange vorbereitete Fortsetzung eines Science-Fiction-Klassikers in Szene setzt. „Blade Runner 2049“ (2017) schien, zumindest auf dem Papier, eine schier unmöglich erscheinende Mammutaufgabe zu werden, denn Ridley Scotts stilbildenden Meilenstein fortzuführen wäre zu verwegen, um realistisch zu sein. Aber Villeneuve und sein kreatives Team, allen voran der legendäre Kameramann Roger Deakins, haben geklotzt und nicht gekleckert. Besonders in einem IMAX-Saal, in dem ich den Film sehen durfte, entfaltet der Film eine Atmosphäre und eine Bildgewalt, wie man sie so nur noch selten im Kino erleben darf. Eine äußerst gelungene Kostprobe für das, was dieser Visionär als Nächstes geplant hat: ein ganzes „Dune“-Franchise.

Die erste und zugleich wichtigste kreative Entscheidung, die Villeneuve und die Produzenten getroffen haben, war es, gar nicht erst zu versuchen, die gesamte Handlung des Buches in einen einzigen abendfüllenden Film zu packen. Eine Entscheidung, die auch mit einem gewissen Risiko einhergeht: bei einem veritablen Flop bzw. einem finanziellen Verlust wäre die Wahrscheinlichkeit einer Fortsetzung gleich Null gewesen und das potenzielle Franchise bereits nach einem Film mit einem gewaltigen Cliffhanger vorbei gewesen. Und die Vorzeichen dafür standen in der Tat nicht sonderlich gut: ursprünglich für Weihnachten 2020 vorgesehen – einem Termin, der sonst nur „Star Wars“ oder Fantasy-Filmen aus Mittelerde vorbehalten ist –, macht die globale COVID19-Pandemie Warner Bros. einen Strich durch die Rechnung. Die anhaltende Unsicherheit bezüglich Massenandrang in den Kinosälen und immer weniger werdender Einnahmen durch Kinoauswertungen bringt das Studio schließlich zu einer umstrittenen und folgenschweren Entscheidung: alle Kinostarts 2021 werden zeitgleich auch auf ihrem eigenen Streamingdienst „HBO Max“ (jetzt nur noch „Max“ genannt) zugänglich gemacht. Viele Industriegrößen, die sich für den Erhalt der Kinos und ihrer langen Tradition einsetzen, verurteilten dies mit harten Worten, darunter auch Warners langjähriger Erfolgsgarant Christopher Nolan, der jüngst für sein Biopic „Oppenheimermit Universal Pictures arbeitete. Er gilt als großer „Dune„-Fan. Und auch wenn die Vorzeichen für Villeneuves kostspieliges Epos nicht sonderlich rosig erschienen, so gelang ihm doch ein verhältnismäßig überzeugender Erfolg: das 165 Millionen Dollar teure Werk spielte weltweit über 400 Millionen ein, wovon ¾ aus internationalen Märkten erzielt werden konnte, die langsam aus dem pandemischen Dornröschenschlaf erwacht waren. Die Fortsetzung ist gesichert. Eigentlich hätte sie auch bereits vorigen Monat, also im November 2023, weltweit anlaufen sollen. Weil aber erst die Drehbuchautoren, und dann auch noch die Schauspieler über die hart ausverhandelten Tarifverträge monatelang gestreikt haben, und damit die so wichtige Promotion für ihre Blockbuster nicht in Angriff genommen werden konnte, müssen sich Fans jetzt bis zum 01. März 2024 gedulden, bis „Dune: Part 2“ die Geschichte von Paul Atreides (Timothée Chalamet), seiner Mutter Lady Jessica (Rebecca Ferguson) und des Wüstenvolks des Planeten Arrakis, der Fremen, fortsetzt.

© 2021 Warner Bros. Pictures / Chiabella James. Alle Rechte vorbehalten.

Im ersten Teil der Verfilmung wird das Haus Atreides, angeführt von Herzog Leto (Oscar Isaac), von Imperator Shaddam IV, der hier noch nicht in Erscheinung tritt, im entfernten Jahr 10.191 beauftragt, den strategisch wichtigen Planeten Arrakis vom rivalisierenden Haus Harkonnen zu übernehmen. Der Planet ist für den Abbau und die Gewinnung der Droge „Spice“ – die nicht nur die menschliche Gesundheit und kognitiven Fähigkeiten steigert, sondern auch eine ausgesprochen wichtige Substanz für die interstellare Raumfahrt darstellt – von immenser politischer Bedeutung. Paul wird vor der Abreise immer wieder von Visionen heimgesucht, in denen auch eine junge Frau, Chani (Zendaya), Mitglied der Fremen, auftaucht. Dass er, als Sohn einer Bene Gesserit, einer einflussreichen Schwesternschaft, überdies über starke mentale Fähigkeiten verfügt und als eine mächtige Schlüsselfigur im herannahenden Krieg um Arrakis prophezeit wird, macht ihn und seine Familie umso gefährlicher für ihre Konkurrenten. Und obwohl das Haus Atreides ahnt, dass sie vom Imperator und dem Baron Vladimir Harkonnen (Stellan Skarsgård), in eine Falle gelockt und aufgrund ihrer Bedeutung und ihres Reichtums vernichtet werden sollen, treten sie ihre schicksalhafte Mission an.

Die 155 Minuten Laufzeit fühlen sich überhaupt nicht langatmig an, denn Villeneuve gelingt es von Anfang an, die Zuschauer für die prachtvolle Welt, in die er sie entführt, zu begeistern. Wie schon bei seiner „Blade Runner„-Fortsetzung setzt der Regisseur weniger auf pausenloses Effekt-Spektakel, sondern nimmt sich die Zeit, die Geschichte zu erzählen, die Welt zu ergründen, die Figuren einzuführen und die Konflikte – sowohl die persönlichen als auch die politischen – zu etablieren. Die Bilder sind überwältigend, das Sounddesign von herausragender Qualität, aber was besonders hervorsticht, ist die atmosphärische und nie sonderlich aufdringliche Filmmusik Hans Zimmers. Sie alle haben verdient Oscars für ihre Leistung erhalten, wie auch der Filmschnitt, die visuellen Effekte und das beeindruckende Produktionsdesign, welches die Welt, die Frank Herbert in seinem Kopf erdacht und zu Papier gebracht hat, in ein kinematographisches Wunderland transformiert hat. Die Darsteller sind allesamt gut auf ihre Rollen abgestimmt, niemand fällt – positiv oder negativ – aus der Reihe, und das Oscar-nominierte Drehbuch gibt jeder Figur mindestens einen einprägsamen Moment.

Kaum ein Science-Fiction-Film der letzten Jahre, abgesehen vielleicht von Villeneuves anderen Genrebeiträgen, hat es geschafft, auf so einem hohen Niveau so dermaßen viel herauszuholen. Dafür kann man nur Respekt zollen, und, so denke sicher nicht nur ich, getrost von einem modernen Meisterwerk sprechen!

Trailer:

One Comment

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Manuel Stephan

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen