Christopher Nolan huldigt in seinem neuen Meisterwerk einer interessanten und komplexen Persönlichkeit, die die Geschichte maßgeblich verändert hat
Viel ist im Vorfeld über „Oppenheimer“, dem neuen Film von Ausnahmeregisseur Christopher Nolan, berichtet worden. Das aufgebauschte „Barbenheimer“-Phänomen, auf das ich aber hier nicht eingehen werde. Die namhafte Besetzung. Die Detonation einer echten Bombe während der Dreharbeiten. „Oppenheimer“ verspricht Eventkino, wie es eigentlich nur noch ein ausgefuchster Autorenfilmer wie Nolan aus dem Hut zaubert. Und vorweg: ihm ist wieder ein herausragender Film gelungen.

J. Robert Oppenheimer, brillant gespielt von Cillian Murphy, spezialisiert sich, weil er schlecht in Mathematik ist, in Quantenphysik. Während des Zweiten Weltkriegs rekrutiert ihn der zynische Leslie Groves (Matt Damon) im Auftrag der amerikanischen Streitkräfte, um in kürzester Zeit den Bau einer effektiven Atombombe voranzutreiben, eine Operation, die als das „Manhattan Project“ in die Geschichte eingeht. In einer eigens dafür errichteten Kleinstadt mitten in New Mexico arbeitet Oppenheimer mit einem Team aus internationalen Wissenschaftlern und befreundeten Kollegen daran, die 18 Monate, die ihre Gegner den Amerikanern voraus sind, wieder wettzumachen. Die Operation kulminiert in den erfolgreichen „Trinity Test“ am 16. Juli 1945, und die USA werfen am 6. August 1945 eine Atombombe auf Hiroshima, drei Tage später eine weitere auf Nagasaki, ein verheerender Doppelschlag, der den Zweiten Weltkrieg endgültig beendet.
Oppenheimer jedoch, zutiefst besorgt über die Auswirkungen und die destruktiven Möglichkeiten, die seine Entwicklung mit sich bringt, hadert mit Gewissensbissen, die von US-Präsident Truman (Gary Oldman) verhöhnt und von der amerikanischen Regierung als Anlass genommen wird, in seine für deren Verhältnisse problematische Vergangenheit zu recherchieren. Oppenheimers vermeintliche Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei sowie seine kurze, aber intensive Affäre mit Jean Tatlock (Florence Pugh), einer Anhängerin der amerikanischen Kommunisten, führen zu aufsehenerregenden Anhörungen: einer hinter verschlossenen Türen, in Anwesenheit von Oppenheimer, seiner Frau Kitty (Emily Blunt) und einiger Kollegen aus New Mexico, sowie einer öffentlichen, in der Oppenheimers ehemaliger Weggefährte Lewis Strauss (Robert Downey, Jr.), dessen politische Ambitionen durch seine Verbindungen zu Oppenheimer beeinträchtigt werden, seine Sicht der Dinge über den genialen Querkopf darlegt. Ist dieser J. Robert Oppenheimer denn nun ein Held, der der Welt, auf Kosten großer ziviler Opfer, den Frieden gebracht hat, oder, wie er sich in einem berühmten Zitat selbst beschrieben hat, der „Tod, der Zerstörer der Welten“?

In ausladenden 180 Minuten nimmt Nolan eine der faszinierendsten und komplexesten Persönlichkeiten der jüngeren Geschichte unter die Lupe, ohne den es die abstrusesten Actionfilme, in denen eine nukleare Bedrohung vorkommt, gar nicht geben könnte. Mit viel inszenatorischer Finesse gelingt Nolan der Spagat, Oppenheimer einerseits als innerlich zerrissenen und zutiefst verunsicherten Mann und andererseits als öffentliches Symbol für die nukleare Bedrohung, die schließlich in einen jahrzehntelangen „Kalten Krieg“ mündet, zu zeigen, was dank der großartigen Schauspielleistung von Murphy auch gelingt. Ihm wird aber in einigen besonders eindrücklichen Momenten fast die Show von Robert Downey, Jr. gestohlen, der hier die beste Leistung seiner ohnehin schon recht bemerkenswerten Karriere abliefert, und sich in eine aussichtsreiche Position für die kommende Award-Saison hievt. Generell ist „Oppenheimer“ bis in die kleinsten Rollen top und vor allem namhaft besetzt, was auch einer der wenigen Schwachpunkte, die ich dem Film, wenn auch auf hohem Niveau, entgegenbringen muss: bei solch einer Vielzahl an Figuren, noch dazu in einem dialoglastigen, von schnellen Wortgefechten durchzogenen Epos, ist es gar nicht immer so leicht, den Überblick über die handelnden Figuren zu behalten. Viele Figuren kommen daher auch über den Verlauf der Geschichte zu kurz, wie etwa Blunts Kitty und Pughs Jean. Apropos Dialog: das Problem vieler Nolan-Filme, dass der Tonschnitt und die Tonmischung so dermaßen ausartet, dass man an vielen Stellen bewusst oder unbewusst das gesprochene Wort nicht versteht, war diesmal weit weniger schlimm als befürchtet, auch wenn andere Kritiker diesbezüglich immer noch Mängel beanstanden. Visuell ist „Oppenheimer“ jedenfalls wieder überragend: opulente Bilder, teilweise in Schwarz-Weiß gehalten, detailliert ausgestattet und flüssig durchkomponiert, fühlen sich die drei Stunden nur bedingt langatmig an. Ludwig Göransson liefert wieder eine atmosphärische und elegische Filmmusik. „Oppenheimer“ weckt Erinnerungen an großartige filmische Polit-Biographien der Vergangenheit, etwa „Schindlers Liste“, „Malcolm X“, „Nixon“ und dergleichen.
„Oppenheimer“ ist, wie diese zuvor genannten Filme, ein spannendes Zeitdokument von ewiger Relevanz, kluger impliziter Kommentar zur gegenwärtigen politischen Situation, aber im Kern eine spannende, ambivalente Charakterstudie eines Mannes, der die Machtverhältnisse mit seiner Arbeit so verkompliziert hat, dass sie der Menschheit eines Tages – und der möge nie kommen – buchstäblich um die Ohren fliegt.
Wertung: vier von vier Sternen!
Trailer:
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