Das Magnum Opus des Großmeisters der amerikanischen Komödie, Billy Wilder, mit Jack Lemmon und Shirley MacLaine
Wenn ich hier schon über Meisterwerke der Kinogeschichte erzähle, so komme ich nicht umhin, früher oder später auch einmal den Namen Billy Wilder zu erwähnen. Ein Filmemacher von solch herausragender Qualität und Konsistenz, dass ich mir eine nähere Betrachtung seines Werks für einen eigenen Artikel aufheben möchte. An dieser Stelle werde ich mich also ausschließlich seinem womöglich größten Erfolg in einer an Klassikern nicht armen 50jährigen Karriere widmen. „The Apartment“ ist sinnbildlich für Wilders bevorzugtes Genre und seine Lesart davon. Wie kaum ein anderer Auteur versteht er es, seinen einzigartigen Humor mit ernsten, ja mitunter bitterbösen Nuancen zu verfeinern und auszubalancieren.

Der sympathische, wenn auch arglose Büroangestellte C.C. Baxter (Jack Lemmon), von seinen Vorgesetzten und Kollegen liebevoll „Buddy“ genannt, träumt davon, in seinem Versicherungsunternehmen möglichst schnell aufzusteigen, und wählt dafür eine recht unorthodoxe Strategie. Da seine Vorgesetzten allesamt treulose Ehebrecher sind, die für die ungestörte Ausübung ihrer Affären ein gemütliches Apartment benötigen, stellt Baxter ihnen seine Wohnung zur Verfügung, was sich, besonders zu kalten Jahreszeiten, auch auf seine Gesundheit auswirkt und seine Nachbarn argwöhnisch werden lässt, glauben sie doch, Tür an Tür mit einem promiskuitiven Playboy zu wohnen. Aber auch das zeitliche Management der vielen Verabredungen seiner Chefs wird für den ewigen Opportunisten zu einem regelrechten Jonglierspiel. Als schließlich auch der Boss des Unternehmens, J.D. Sheldrake (Fred MacMurray) für karrieretechnische Gegenleistungen Baxters Wohnungsschlüssel beansprucht, wird die Sache noch um einiges komplizierter, zumal Sheldrakes Affäre, die adrette Aufzugsdame Fran Kubelik (Shirley MacLaine), auch von Baxter selbst insgeheim angehimmelt wird.
Inspiriert von David Leans Klassiker „Brief Encounter“ (1945), in dem sich Celia Johnson und Trevor Howard als unglücklich Verliebte in einem Apartment eines anderen zu einem romantischen Abend verabreden, und wahren Geschichten, die sie in die Handlung eingeflochten haben, nutzen Wilder und sein genialer Ko-Autor I.A.L. Diamond (stets „Iz“ genannt) die Handlung des Films zu einem schonungslosen Blick auf patriarchal geführte Unternehmenskulturen, in denen der Schlüssel zum Erfolg darin liegt, die eigenen Prinzipien über Bord zu werfen und sich den sexuellen Gelüsten der egozentrischen Vorgesetzten unterzuordnen. Es ist ein zutiefst bedrückender Anblick und zeichnet – trotz der durch den „Production Code“ aufgelegten Limitierungen, was explizit gezeigt werden darf – ein eindrucksvolles Bild. Wenn Baxters Nachbar, Dr. Dreyfuss (Jack Kruschen), auf sein augenscheinlich abwechslungsreiches und rücksichtsloses Lotterleben anspielend, ihn dazu ermahnt, ein „Mensch“ zu sein, setzt er damit Buddys wichtige Charakterentwicklung in Gang und bringt sein zentrales Dilemma auf den Punkt. Handlungsweise.

Stichwort Handlungsweise: die brillante Dialogkunst des eingespielten Autoren-Duos findet hier zu ihrem absoluten Höhepunkt. Schwungvolle Wortwechsel, interpretiert von einem super besetzten, handverlesenen Schauspielerensemble und Dialogschnipsel, auf die auf intelligente Weise immer wieder zurückgegriffen werden, machen dieses famos durchgetaktete Drehbuch zu einem der besten, die je geschrieben wurden. (Die amerikanische Gewerkschaft der Drehbuchautoren wählte im Jahr 2006 „The Apartment“ auf Platz 15 der besten Drehbücher aller Zeiten.) Mehr noch als der gesprochene Text ist es die visuelle Symbolik, die Wilder verwendet, um den Plot in Bewegung zu halten, die den Film auszeichnet. Frans zersplitterter Taschenspiegel, Baxters Wohnungsschlüssel, der Schlüssel zum Privatklo der Chefetage, die Spielkarten, ja sogar eine Pistole: es ist überaus bemerkenswert, wie er es schafft, mit solch einfachen und allgemein gut erkennbaren Gegenständen Bedeutung zu implizieren, die es dem Publikum erlaubt, ohne viel Anstrengung Implikationen und Handlungspunkte zu entdecken, gemeinsam mit ihrem Protagonisten. So, liebe Filmemacher der Gegenwart, geht Exposition.
Nominiert für zehn „Academy Awards“, gewann „The Apartment” fünf, dafür drei für Wilder, der damit als erster Filmschaffender für Produktion, Regie und Drehbuch eines einzigen Films prämiert wurde. Das „American Film Institute“ inkludierte den Film sowohl 1998 als auch 2007 zu den „100 besten Filmen aller Zeiten“, und auch die Nutzer von „IMBD“ halten den Film seit Anbeginn im oberen Mittelfeld der „Top 250“. Mehr Zahlen, Daten und Fakten braucht es nicht, um den Status von „The Apartment“ als einen der ganz großen Hollywood-Klassiker zu zementieren. Legendenweise.
Trailer: