Regisseur Alexander Payne zelebriert ein famoses Comeback – mit einem brillanten Paul Giamatti als kauzigstem Lehrer der Filmgeschichte
Sechs Jahre ist es mittlerweile her, seit der amerikanische Autorenfilmer Alexander Payne zuletzt einen Film gedreht hat. „Downsizing“, welchen er zusammen mit Co-Autor Jim Taylor auch geschrieben hat, hat eines der interessantesten Konzepte seit langer Zeit, nutzt diese Prämisse aber nicht einmal annähernd voll aus. Zurück bleibt ein Science-Fiction-Drama mit mehr Sozialkritik als Zukunftsvision. Dann kam „#metoo“: Rose McGowan warf Payne 2020 Vergewaltigung vor, was dieser wiederum in einer Gastkolumne in „Deadline Hollywood“ kategorisch zurückwies. Gerade als man dachte, der Filmemacher hinter Kritikerlieblingen wie „Election“ (1999), „About Schmidt“ (2002), sowie seinen Oscar-prämierten Filmen „Sideways“ (2004) und „The Descendants“ (2011), für die Payne jeweils den Preis für das Beste adaptierte Drehbuch gewann, würde danach endgültig in der Versenkung verschwinden, wird nun eines Besseren belehrt. Mit einer weiteren leisen, tragikomischen und berührenden Charakterstudie meldet er sich zurück.
An der renommierten Barton Academy, einem vornehmen Internat, stehen die Weihnachtsferien an. Da aber nicht alle Schüler über die Feiertage nach Hause fahren können, muss ein Lehrer zurückbleiben und die Aufsicht übernehmen. Diesmal trifft es, dank der List eines Kollegen, den bei den Schülern wenig beliebten, exzentrischen Geschichtsprofessor Paul Hunham (Paul Giamatti). Ebenfalls zurück bleibt die Kantinenchefin Mary Lamb (Da’Vine Joy Randolph), deren Sohn, ebenfalls Barton-Absolvent, kürzlich im Vietnamkrieg gefallen ist. Nach einiger Zeit ist von den Schülern nur noch der rebellische Angus Tully (Dominic Sessa) übrig, dessen Mutter mit ihrem neuen Ehemann lieber verreist als ein familiäres Weihnachten zu verbringen. So müssen sich Paul und Angus wohl oder übel zusammenraufen. Und in der Tat verbringt dieses ungleiche Trio ein unvergessliches Weihnachten miteinander.

Filme über oder zeitlich angesiedelt an Weihnachten gibt es mittlerweile wie Sand am Meer, und es werden, alle Jahre wieder, mehr. Einige davon sind zu Klassikern geworden, die anzuschauen eine Tradition wie das Schmücken eines Baums, das Verpacken von Geschenken und das Singen besinnlicher Lieder ist. „The Holdovers“ wird sich in die Liste dieser Weihnachtsklassiker einordnen, denn Payne gelingt hier in der Tat ein grandioser Film. Getragen von einem eklektischen Soundtrack, der zum Glück weitgehend auf rührselige Adventslieder verzichtet, breitet sich beim Anschauen ein wohliges, warmherziges und feinfühliges Ambiente aus. Die drei Hauptdarsteller Giamatti, Randolph und Sessa komplimentieren einander hervorragend und geben dem auch sonst herrlich altmodisch aussehenden Film einen Humor, wie man ihn nur noch sehr selten in Filmen serviert bekommt. Eine große Stärke des Films ist zweifellos sein Drehbuch, für das David Hemingson verantwortlich zeichnet, der noch vor fünf Jahren mit der ambitionierten, aber letztendlich nur eine Staffel umfassenden Fernsehserie „Whiskey Cavalier“, einer Mischung aus Spionage-Thriller und Rom-Com, die, größtenteils aus in Mitteleuropa – u.a. auch Österreich – durchgeführten Missionen komponiert, gescheitert war. Eine Figur im Film ist sogar nach dem Erzfeind der Serie, Alex Ollerman, benannt. Hemingsons Originaldrehbuch, welches vom französischen Film „Merlusse“ (1935) von Marcel Pagnol inspiriert ist, dürfte bei der einen oder anderen Preisverleihung eine gewichtige Rolle spielen.
Apropos Award-Saison: der mit genialen, urkomischen Dialogen ausgestattete Giamatti, herrlich verschroben als Professor mit Glasauge und Tabakpfeife, Randolph als feiste, zwischen Niedergeschlagenheit, Optimismus und Ironie oszillierende Küchenchefin und Sessa als vielschichtiger Teenager dürfen sich allesamt berechtigte Hoffnungen auf die eine oder andere Nominierung machen.
„The Holdovers“ erweist sich als eine der besten Komödien 2023. Vier von vier Sternen!
Trailer: