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Vor 25 Jahren starb einer der einflussreichsten, faszinierendsten und vielseitigsten Filmemacher aller Zeiten nur kurz nach Fertigstellung seines letzten Werks im Alter von 70 Jahren. Aber wer war Stanley Kubrick?

Genie und Wahnsinn liegen nahe beieinander. Auf kaum einen Künstler trifft diese Binsenweisheit passender zu als Regielegende Stanley Kubrick. Eine einfache Szene konnte bei ihm schon mal eine Drehzeit von mehreren Wochen verschleißen. Shelley Duvall musste eine besonders intensive Einstellung in „The Shining“ ganze 127mal (!) wiederholen, und ihre hysterische, panische und nahe am psychischen Kollaps tangierende Performance ist so erschreckend realistisch, dass jedwede Kritik an Duvall völlig unangebracht und deplatziert ist. Ja, Stanley Kubrick war ein absoluter Perfektionist, der jedes Detail und jede Nuance seiner Produktionen exakt durchchoreographiert hat. Nichts überließ er dem Zufall. Wenn er sich erst einmal einem Thema verschrieben hatte, so recherchierte er unermüdlich, um den größtmöglichen Realismus in seinen Werken zu erzielen.

© 2018 Museum of the City of New York. Alle Rechte vorbehalten.

Seine Karriere begann der am 26. Juli 1928 in New York geborene Kubrick als Fotograf. Trotz einer hohen Intelligenz hatte sich der junge Stanley, zum Missfallen seines Vaters, in der Schulzeit sehr schlecht getan, was ihm auch den Weg zu einer akademischen Ausbildung versperrte. Ende der 1940er Jahre veröffentlichte er einige Fotostrecken im „Look!“-Magazin, darunter auch welche über Boxkämpfe, einen Sport, den Kubrick sehr mochte. Walter Cartier, den Kubrick porträtierte, war auch der Protagonist von Kubricks erster Regiearbeit, der 16minütigen, in Schwarz-Weiß gedrehten Kurzdokumentation „The Day of the Fight“ (1951). Der Erfolg dieses unabhängig finanzierten Projekts bewog den jungen Filmenthusiasten, seinen Job als Fotograf zu kündigen und sich fortan gänzlich dem Filmemachen zu widmen. Seinen zweiten Kurzfilm, „The Flying Padre“, über einen weitreisenden Reverend, der in 11 Kirchen im Umkreis von 4000 Meilen predigt, stellte er noch im selben Jahr fertig. Eine Auftragsarbeit für die internationale Union der Seefahrer, „The Seafarers“ (1953), war Kubricks erster Farbfilm, beschäftigte sich aber weniger mit der Seefahrt an sich als vielmehr das hintergründige Leben seiner Subjekte. Inspiration für seine frühen Werke nahm sich Kubrick hauptsächlich von der sowjetischen Regielegende Sergei Eisenstein. Mit seinen frühen Kurzfilmen etablierte Kubrick bereits einige seiner charakteristischen filmischen Techniken, für die er später so berühmt wurde.

© 1953, Kubrick Family. Alle Rechte vorbehalten.

1953, mit gerade einmal 25 Jahren, wagte sich Kubrick dann an seinen ersten Spielfilm. „Fear and Desire“ („Furcht und Begierde„) war der erste seiner insgesamt vier Kriegsfilme und, gemessen an Qualität und Renommee, sein schwächster. Kubrick selbst war vom Resultat dieses Films so beschämt, dass er sich bemühte, jede zirkulierende Kopie aufzukaufen und aus dem Verkehr zu ziehen. Kubrick finanzierte den zwischen 40.000 und 50.000$ teuren Film durch Familie und Freunde und übernahm selbst den Großteil der technischen Aufgaben, so etwa auch die Kamera und den Schnitt. Von einem Drehbuch von Howard Sackler, erzählt der Film von vier Soldaten, die während eines nicht näher definierten Krieges nach einem Flugzeugabsturz einen gefährlichen Fluss überqueren wollen, um zu ihrem Bataillon zurückzukehren. Davor müssen sie aber gegnerische Soldaten und einen in der Nähe stationierten General liquidieren. Während der Arbeit an einem Floß treffen sie auf ein junges einheimisches Mädchen, mit dem sie aber aufgrund von Sprachbarrieren Kommunikationsprobleme haben und sie deshalb an einen Baum fesseln. Der knapp einstündige Film nimmt für keinen der Protagonisten ein gutes Ende.

© 1955 United Artists. Alle Rechte vorbehalten.

Für seinen zweiten Film, „Killer’s Kiss“ („Der Tiger von New York“) (1955), schrieb Sackler wieder das Drehbuch, wurde aber für seine Arbeit nicht genannt. Es ist ein romantisches Krimidrama, in dem ein abgehalfterter Boxer, Davey Gordon (Jamie Smith), seiner Nachbarin, der Tänzerin Gloria (Irene Kane) beisteht, als diese von Gangsterboss Rapallo (Frank Silvera) bedrängt und ausgebeutet wird. Gemeinsam wollen Davey und Gloria zu seinem Onkel nach Seattle fliehen, müssen aber Rapallo und seine Schergen abschütteln. Koproduziert mit Morris Bousel, entstand dieses Frühwerk für ein Budget von 75.000$. An Originalschauplätzen gedreht, war Kubrick mit dem Ton so unzufrieden, dass er seinen Soundtechniker feuerte und den Ton nachsynchronisieren ließ. Das Happy End war nicht Kubricks Intention, und das Studio United Artists, das den Film vertrieb, kaufte „Killer’s Kiss“ für 100.000$ und steuerte auch gleich weitere 100.000$ für seinen nächsten Film bei.

© 1956 Harris-Kubrick Pictures, United Artists. Alle Rechte vorbehalten.

Mit diesem, bereits im darauffolgenden Jahr veröffentlicht, gelang Kubrick schließlich sein erster großer Erfolg und seine erste Meisterleistung: „The Killing“ („Die Rechnung ging nicht auf“) (1956). Es ist dies seine erste Zusammenarbeit mit dem Produzenten James B. Harris, der über mehrere Jahre sein Produzentenpartner wurde. Für die geschliffenen Dialoge engagierte Kubrick den Krimiautor Jim Thompson. „The Killing“ ist ein stilbildender, enorm spannender und wendungsreicher Thriller, in der eine Gruppe charismatischer Gangster, angeführt von Sterling Haydens Johnny Clay, in einem letzten großen Heist die Kasse einer Pferderennbahn überfallen will. Clay und seine Bande tüfteln einen ausgeklügelten und eigentlich narrensicheren Plan aus. Dumm nur, dass der unter dem Pantoffel stehende Rennbahnangestellte George (Elisha Cook, Jr.), der ihnen Zugang zum Tresorraum verschaffen soll, seiner gierigen Frau vom Coup erzählt und diese wiederum ihren Geliebten, einen rivalisierenden Gangster, einspannt, die Gang hochzunehmen und die Beute selbst einzustreichen. In knackigen 84 Minuten geht alles schief, was schief gehen kann, und doch sieht es bis zur allerletzten Minute so aus, als könnte es doch noch gut ausgehen. „The Killing“ ist Kubricks erstes Ausrufezeichen als einer der innovativsten und talentiertesten Geschichtenerzähler seiner Generation und dieser Film inspiriert auch nach fast siebzig Jahren immer noch Generationen von Regisseuren, die einen guten Heist-Film drehen wollen: man denke dabei nur an Filme wie „Ocean’s Eleven“ (das Original von 1960 mit Frank Sinatra wie auch Steven Soderberghs Remake von 2001 mit Starbesetzung) und natürlich Quentin Tarantinos Regiedebüt „Reservoir Dogs“ (1992).

1957 Bryna Productions, Harris-Kubrick Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Den endgültigen Durchbruch als Filmemacher und Auteur feierte Kubrick 1957 dann mit seinem vierten Spielfilm. Es ist dies, nach seinem Debüt vier Jahre zuvor, sein zweiter Antikriegsfilm. Hierfür suchte er sich Humphrey Cobbs 1935 publizierten Roman „Paths of Glory“ („Wege zum Ruhm“) aus, eine erschütternde Geschichte, die während des Ersten Weltkriegs spielt. Kubrick schrieb das Drehbuch gemeinsam mit Jim Thompson und Calder Willingham, James B. Harris fungierte wieder als Produzent und Hauptdarsteller Kirk Douglas beteiligte sich mit seiner Produktionsfirma „Bryna Productions“ am Dreh. Die französischen Truppen, eingekesselt in den Schützengräben, sollen einen strategisch wichtigen Hügel einnehmen, der von den Deutschen beschützt wird. Trotz der Aussichtslosigkeit eines Manövers lässt sich der opportunistische Brigadiergeneral Mireau (George Macready) nicht von seinem Vorhaben abbringen, auch weil er auf eine Beförderung hofft. Auch die Einwände des kommandierenden Offiziers Colonel Dax (Kirk Douglas) schlägt Mireau in den Wind und schließlich will er sogar seine eigenen Soldaten beschießen lassen, um sie aus den Gräben zu holen. Als der Befehl jedoch verweigert wird, veranlasst Mireau, mehrere Soldaten vors Kriegsgericht zu stellen, um sie für ihre „Feigheit“ zu bestrafen. Das anschließende Tribunal, bei dem jeder der kommandierenden Offiziere sein Fehlverhalten vertuschen oder unter den Tisch kehren will, gerät zur Farce und Dax sieht die unschuldigen Soldaten einem unfairen und aussichtslosen Schauprozess ausgesetzt. Stark gespielt, besonders von Douglas, eindrucksvoll bebildert, insbesondere die langen Tracking Shots in den Schützengräben und mit einer starken pazifistischen Botschaft, gilt „Paths of Glory“ als einer der besten Kriegsfilme aller Zeiten. Die junge deutsche Frau, die am Ende des Films vor einer Horde französischer Soldaten ein bewegendes Lied singt, bevor diese an die Front zurückkehren müssen, ist Christiane Harlan, mit der Kubrick von 1958 bis zu seinem Tod 1999 verheiratet war.

© 1960 Universal Pictures International. Alle Rechte vorbehalten.

Als Kirk Douglas 1960, angespornt durch den Erfolg von „Ben-Hur“ (1959), dessen Hauptrolle er nicht erhielt, sein eigenes Historienepos „Spartacus“ drehte, war er mit der Arbeit seines ursprünglich engagierten Regisseurs Anthony Mann, der eigentlich in diesem Genre recht erfahren war, so unzufrieden, dass er ihn nach einer Woche und der bereits fertiggestellten Eröffnungssequenz in Libyen feuerte und Kubrick bat, die Inszenierung zu übernehmen. Das einzige Mal in seiner Karriere betätigte er sich somit als Auftragsregisseur, der nicht die komplette kreative Kontrolle über das Projekt innehat – eine Erfahrung, die ihn dazu bewog, dies auch nie wieder zu tun. Nicht, dass er es jemals wieder hätte erwägen müssen! Basierend auf dem Roman von Howard Fast, der aufgrund seiner kommunistischen Vergangenheit auf der „Blacklist“ gelandet war, schrieb der als Mitglied der „Hollywood Ten“, zehn ebenfalls mit Berufsverbot belegte Autoren und Regisseure, berühmt-berüchtigt gewordene Dalton Trumbo das Drehbuch. Sein offizielles Engagement läutete langsam, aber sicher das Ende der antikommunistischen Hetzjagd und systematischen Ausgrenzung andersdenkender Filmschaffender in Hollywood ein. Die Geschichte des aufständischen Sklaven und seiner treu ergebenen Mitstreiter, die dem römischen Reich entfliehen wollen, durch Verrat aber letztendlich daran scheitern, ist dabei natürlich eine passende Allegorie und die weltberühmte Szene, in der alle Sklaven sich als Spartacus zu erkennen geben wollen, steht sinnbildlich für die Solidarität mit den unrechtmäßig diskriminierten Filmschaffenden. Trotz der aufreibenden Produktion, der schwierigen Rahmenbedingungen und Kontroversen rund um Trumbos Beteiligung wurde der Film ein beachtlicher Erfolg und Kubricks erstes großes Epos. Die beeindruckenden und präzise choreographierten Schlachtsequenzen sind auch über 60 Jahre später noch herausragend. Es war zudem der erste Film Kubricks, der bei der Oscar-Verleihung ausgezeichnet wurde – nämlich für das Produktionsdesign, die Kostüme, Russell Mettys Kameraarbeit und Peter Ustinovs Nebenrolle als Leiter der Gladiatorenschule Lentulus Batiatus. Westernlegende Woody Strode, der sich in einem denkwürdigen Duell zu Beginn des Films mit Douglas‘ Spartacus opfert, erhielt eine Nominierung für den Golden Globe. Ebenso unvergessen ist die elegische Filmmusik des großartigen Komponisten Alex North.

© 1962 Harris-Kubrick Pictures, MGM. Alle Rechte vorbehalten.

1962 wagte sich Kubrick dann erstmals in schwarzhumorige Gefilde: sieben Jahre nach Erstveröffentlichung war er es, der Vladimir Nabokovs Skandalroman „Lolita“ verfilmte. Die Liebesgeschichte zwischen einem Literaturprofessor mittleren Alters und der erst 12jährigen Tochter seiner Vermieterin gilt als eine der kontroversesten der Literaturgeschichte, weshalb auch der Film nicht ohne negative Berichterstattung auskommen konnte. Trotzdem war auch „Lolita“ bei Kritikern und Publikum erfolgreich und wird von Filmemachern wie David Lynch, Sofia Coppola und Paul Thomas Anderson verehrt. Nabokov schrieb selbst das Skript, wofür er eine Oscar-Nominierung erhielt. Der Film hebt das Alter der Lolita auf 14 Jahre an, hält sich aber sonst nahe an der Vorlage. Humbert Humbert (James Mason) quartiert sich bei der Witwe Charlotte Haze (Shelley Winters) ein, wo er erstmals die Bekanntschaft ihrer frühreifen Tochter Lolita (Sue Lyon) macht und alles daransetzt, ihr nahe zu sein. So heiratet er Charlotte, doch als sie seine wahren Absichten erkennt, ist sie darüber so schockiert, dass sie in einen tödlichen Unfall gerät. Humbert nimmt Lolita mit auf Reisen und gibt sich als ihr überfürsorglicher Vater aus, was aber umso mehr Verdacht erregt. Irgendwann wird es schließlich auch Lolita selbst zu viel. In einer eindrücklichen Nebenrolle tritt Peter Sellers auf: er spielt den geheimnisvollen Clare Quilty, der sich als Lolitas deutscher Schulpsychologe Dr. Zempf ausgibt, und ihr später zur Flucht verhilft. Sellers‘ Wandelbarkeit beeindruckte Kubrick so sehr, dass er ihn gleich für seinen nächsten Film engagierte und in nicht weniger als drei verschiedenen Rollen besetzte.

© 1964 Columbia Pictures, Sony Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Während „Lolita“ Kubricks Faible für abgründigeren Humor bereits andeutete, und eigentlich jeder von Kubricks Filmen zu einem gewissen Grad, sei es durch die eigentlich abwegig erscheinende Verwendung von Musik oder zynische Charaktere, ironische Elemente beinhaltet, ist sein siebter Spielfilm mit dem sperrigen, zungenbrechenden Titel „Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb“ („Dr. Seltsam oder Wie ich lernte die Bombe zu lieben“) aus dem Jahr 1964 sein mit Abstand lustigster Film. Aber – wie sollte es bei einem Filmemacher wie Kubrick auch anders sein – kommt der Humor auch hier aus einem absoluten Schreckensszenario, nämlich dem Kalten Krieg. Wie ich bereits in einem früheren Artikel anlässlich des 60. Jubiläums des Films schrieb, ist es die erschütternde Allegorie, dass die mächtigen Männer angesichts der bevorstehenden nuklearen Katastrophe zu kabbelnden, kindischen Streithähnen verkommen („Gentlemen, you can’t fight in here, this is the war room!“), die diesen Film zu einem zeitlos relevanten Meisterwerk macht. Statt einen beklemmenden Thriller zu drehen, wie es Kubrick mit dem Autor der Romanvorlage „Red Alert“, Peter George, ursprünglich vorhatte, dichtete er die Handlung mit Terry Southern zu einer bitterbösen Farce um, in der Peter Sellers als britischer Offizier Lionel Mandrake den wahnsinnig gewordenen General Jack D. Ripper (Sterling Hayden) aufhalten will, als er einen Atomangriff auf die Sowjetunion anordnet; als zutiefst besorgter und der Lage nicht Herr werdender US-Präsident Merkin Muffley und schließlich als titelgebender Wissenschaftler und Ex-Nazi „Dr. Strangelove“ die ganze Bandbreite seines schauspielerischen Talents aufbieten darf. Slim Pickens als lässiger, Cowboyhut-tragender Kampfpilot Major Kong geht mit seinem Ritt auf der Atomrakete in die Annalen der Filmgeschichte ein.

© 1968 MGM. Alle Rechte vorbehalten.

Sein größtes, aufwendigstes und meistzitiertes Werk ist und bleibt aber sein bahnbrechendes Science-Fiction-Abenteuer „2001: A Space Odyssey“ („2001: Odyssee im Weltraum„) (1968). Kubrick kontaktierte den Autor Arthur C. Clarke, nachdem er dessen Kurzgeschichte „The Sentinel“ (1951) gelesen hatte und entwickelte gemeinsam mit ihm neben dem Drehbuch auch eine Buchversion der Story. Es ist eine faszinierende, bildgewaltige und überwältigende Reise durch die Menschheitsgeschichte, angefangen von prähistorischen Primaten, die, von der Präsenz eines mysteriösen schwarzen Monolithen angestiftet, lernen, wie man sich gewaltsam durchsetzt, über eine interplanetare Reise von Dr. Heywood Floyd (William Sylvester), der auf den Weg zu einem Außenposten auf dem Mond ist, in dem ebenjener Monolith wieder auftaucht, hin zu der Weltraummission des Astronauten Dave Bowman (Keir Dullea), die vom sprechenden Bordcomputer HAL-9000 (Douglas Rain) sabotiert wird. Später wird Bowman noch eine denkwürdige Reise durch ein sogenanntes „Sternentor“ unternehmen und eine mysteriöse Evolution erleben, die wieder mit diesem ominösen Monolithen in Verbindung steht. Unterlegt mit klassischer Musik von György Ligeti, Aram Khachaturian und Richard Strauss, entwickelt der Film, der über weite Strecken ohne Dialoge auskommt, ein audiovisuelles Fest für die Sinne. Man kann „2001“ nicht einfach verstehen, man sollte ihn auch nicht verstehen wollen, aber man muss diesen Film erlebt haben. Im 70mm-Filmformat ist Kubricks Science-Fiction-Epos eine der besten Filmerfahrungen, die es je gegeben hat. Für die visuellen Effekte erhielt Kubrick dann auch – traurig, aber wahr – seinen einzigen Oscar.

© 1971 Warner Bros. Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Nach der aufwendigen Arbeit an „2001“ suchte sich Kubrick ein weniger opulentes, aber dafür umso umstritteneres und intensiveres Projekt aus: der Roman „A Clockwork Orange“ („Uhrwerk Orange„) von Anthony Burgess ist für seine brutale und sozialkritische Handlung berüchtigt. Alex DeLarge (Malcolm McDowell) ist der Anführer einer äußerst gewalttätigen Jugendgang, den „Droogs“, die gerne in einer Milchbar abhängen, klassische Musik hören, räubern, vergewaltigen und aufbegehren. Dabei spricht Alex in einem eigenen Slang, genannt „Nadsad“. Nach einem besonders perfiden Überfall wird Alex verraten und verhaftet. Im Gefängnis wird er einer neuartigen psychiatrischen Behandlung unterzogen, der „Ludovico-Technik“, einer Aversionstherapie, in der er an einen Stuhl gefesselt und mit Drogen betäubt wird und seine Augen mit Klammern gewaltsam offengehalten werden, um zu Beethovens Klängen einer endlosen Ansammlung an gewalttätigen und sexuell expliziten Inhalten ausgesetzt zu werden. Scheinbar „geheilt“ und rehabilitiert, soll er anschließend wieder in die Gesellschaft zurückkehren, wird dann aber wieder mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Kubricks dystopischer Film war zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung so umstritten, dass der Regisseur selbst veranlasste, den Film im Vereinigten Königreich zeit seines Lebens nicht mehr aufzuführen, weil man Nachahmungstaten befürchtete. Kaum ein Film wurde so breit und hitzig diskutiert wie „A Clockwork Orange“, aber er genießt, wie auch die meisten seiner Filme, mittlerweile Kultstatus und wird besonders in Hinsicht auf Themen wie Moral, Psychologie und Gesellschaftskritik nach wie vor studiert und analysiert.

© 1975 Warner Bros. Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Seinen Plan, eine filmische Biografie über den französischen Feldherrn Napoleon Bonaparte zu drehen, gab Kubrick trotz fortgeschrittener Vorbereitungen nach dem Misserfolg des Films „Waterloo“ (1970) auf. Stattdessen sicherte er sich die Verfilmungsrechte an dem Roman „The Luck of Barry Lyndon“ des englischen Schriftstellers William Makepeace Thackeray. Angesiedelt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, konnte Kubrick viel von seiner Recherchearbeit in dieses Projekt einfließen lassen. „Barry Lyndon“ (1975) erzählt den gesellschaftlichen Aufstieg und tiefen Fall des titelgebenden irischen Lebemanns, gespielt von Ryan O’Neal. Ein Charmebolzen, wie er im Buche steht, bezirzt er eine reiche Witwe, um sich ihren Wohlstand und sozialen Status einzuverleiben. Trotz eines gemeinsamen Sohns ist die Ehe aber nicht harmonisch. Zudem verachtet Lady Lyndons (Marisa Berenson) zehnjähriger Sohn aus erster Ehe seinen neuen Stiefvater und will sein Erbe um jeden Preis verteidigen und Barry wieder an seinen alten Platz verweisen. Ästhetisch ist „Barry Lyndon“ Kubricks schönster Film. Mit einer speziellen Objektivblende (f/0.7) gedreht, sind einige besonders malerische Szenen nur mit Kerzenschein ausgeleuchtet, was die Oscar-prämierten Bilder von John Alcott wie Gemälde aussehen lässt. Die prunkvolle Ausstattung, das detailgetreue Kostümdesign und Leonard Rosenmans Musikkompilation wurden ebenfalls ausgezeichnet. Und obwohl Kubrick bereits zum vierten Mal hintereinander für Regie und Drehbuch sowie zum dritten Mal nach „Dr. Strangelove“ und „A Clockwork Orange“ für den Besten Film nominiert wurde, ging er auch hier wieder leer aus. Er sollte nur noch ein einziges Mal nominiert werden.

© 1980 Warner Bros. Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Für Spielfilm Nr. 11 suchte sich Kubrick eine literarische Vorlage von Horrormeister Stephen King aus: „The Shining“ (1980). Der unter Schreibblockade leidende Autor Jack Torrance (Jack Nicholson) verbringt mit Ehefrau Wendy (Shelley Duvall) und Sohn Danny (Danny Lloyd), der über übernatürliche Fähigkeiten zu verfügen scheint, den Winter in einem abgelegenen und verwahrlosten Hotel in den Bergen. Bald schon verfällt Jack dem Wahnsinn und Wendy und Danny müssen um ihr Leben bangen. Der Ort ist nämlich verflucht. King selbst war von der Verfilmung seines Romans alles andere als begeistert und der Film, den Kubrick mit der Autorin Diane Johnson schrieb, blieb bei seiner Erstveröffentlichung hinter den Erwartungen zurück. Mehr als die Qualität des Endprodukts erinnerte man sich an die chaotische Produktion und die schier unerträglichen Bedingungen, unter denen die Darsteller, besonders Duvall, zu leiden hatten. Das Gespräch zwischen Scatman Crothers und Danny Lloyd wurde insgesamt 142mal wiederholt, womit die Szene im „Guinness Buch der Rekorde“ landete. Kubrick erhielt eine Nominierung für die Goldene Himbeere als schlechtester Regisseur des Jahres 1980. Heute gilt „The Shining“ als einer der besten Horrorfilme überhaupt und wurde schließlich 2019 sogar direkt fortgesetzt: unter Mike Flanagans Regie wird der erwachsene Danny (Ewan McGregor) in „Doctor Sleep“ wieder von Dämonen heimgesucht.

© 1987 Warner Bros. Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Erst sieben Jahre später, im Juni 1987, kehrte Kubrick auf die Kinoleinwände zurück, nämlich mit seinem vierten und letzten Kriegsfilm: „Full Metal Jacket“. Pate dafür stand der Roman „The Short-Timers“ von Gustav Hasford, der zusammen mit Kubrick und Michael Herr das Drehbuch schrieb, wofür Kubrick gemeinsam mit seinen Co-Autoren auch seine letzte Oscar-Nominierung erhielt. Im Roman verarbeitete Hasford seine Erfahrungen während des Vietnamkrieges. Neben Oliver Stones Oscar-prämierten Filmen „Platoon“ (1986) und „Born on the Fourth of July” (1989) und John Irwins thematisch ähnlichem Drama “Hamburger Hill” (1987) erschien „Full Metal Jacket” zu einer Zeit, in der das Thema verhältnismäßig oft dramatisiert wurde. Nichtsdestotrotz hat auch dieser Film einen nachhaltigen Kultstatus und ist besonders für R. Lee Ermeys intensive, kraftvolle und ausdrucksstarke Performance als knallharter Ausbilder Sergeant Hartman unvergessen. Der Drill Instructor, eigentlich nur als technischer Berater engagiert, beeindruckte Kubrick mit seinem Improvisationstalent und seinem Willen, die Rolle zu übernehmen, dermaßen, dass der Regisseur schnell einlenkte und Ermey seine unerbittlichen Schimpftiraden frei improvisieren ließ. Vincent D’Onofrio legte für seine Rolle als Rekrut Leonard „Gomer Pyle“ Lawrence stattliche 32 Kilogramm Körpergewicht zu, und das, obwohl er nur in der ersten Hälfte des Films vorkommt. In weiteren Soldatenrollen sind Matthew Modine als Kriegsfotograf „Joker“, Adam Baldwin als „Animal Mother“ und Dorian Harewood als „Eightball“ zu sehen. Die Szenen, die in Vietnam spielen, wurden allerdings in einer stillgelegten Gasfabrik in England gedreht. Es war dies seine letzte Abhandlung über die Sinnlosigkeit und das Grauen des Krieges.

Anfang der 1990er Jahre plante er allerdings noch einen Film über den Holocaust und wollte Louis Begleys Roman „Wartime Lies“ verfilmen. Die Geschichte über einen jüdischen Jungen und seine Tante, die sich vor den Nazis verstecken und dem Völkermord entkommen wollen, unter dem Titel „Aryan Papers“, befand sich zwar in aktiver Vorproduktion mit Johanna ter Steege und Joseph Mazzello in den Hauptrollen, aber das deprimierende Thema und der Erfolg von Steven Spielbergs thematisch ähnlicher Biografie „Schindler’s List“ (1993) überzeugten Kubrick, das Projekt aufzugeben.

© 1999 Warner Bros. Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Stattdessen begann er 1994, sein lange geplantes filmisches Äquivalent zu Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ umzusetzen. Oscar-Preisträger Frederic Raphael („Darling“ [1965]) wurde sein Co-Autor für das Projekt. „Eyes Wide Shut“ (1999) verlegt die Handlung des Ausgangsmaterials von Wien um 1900 ins New York der Gegenwart. Der gut situierte und augenscheinlich glücklich verheiratete Arzt Bill Harford (Tom Cruise) ist schockiert, als seine Frau Alice (Nicole Kidman) ihm eines Nachts unter dem Einfluss von Marihuana erzählt, ihn in ihrer Fantasie betrügen und ihn und ihre kleine Tochter sogar verlassen zu wollen. In seiner Eitelkeit gekränkt, macht er sich, nachdem er sich um eine Patientin kümmern muss, ins Nachtleben auf, wo er mehrere amouröse, aber letztlich harmlose Begegnungen hat. Von seinem alten Freund Nick (Todd Field) erfährt Bill von einer geheimnisvollen, exklusiven Maskenparty in einem Anwesen außerhalb der Stadt, zu der er sich verbotenerweise Zutritt verschafft, was ihm noch großen Ärger einbringen wird. Wie ein fieberhafter Albtraum inszeniert Kubrick Bills Odyssee durch die Nacht, dem ein böses Erwachen und ein letztes kathartisches Gespräch mit seiner Frau folgt, bevor sich der Meister mit einem letzten „Fuck!“ für immer verabschiedet. Nur sechs Tage vor seinem plötzlichen Tod am 07. März 1999 stellte Kubrick seine finale Schnittfassung zu seinem letzten Film dem Studio und seinen Schauspielern vor. Posthum im Juli 1999 veröffentlicht, stieg „Eyes Wide Shut“ als einziger Film Kubricks auf Platz eins der nordamerikanischen Kinocharts ein und spielte weltweit 162 Millionen $ ein – auch dank der Starpower von Cruise und Kidman. Kubrick bezeichnete ihn als besten seiner eigenen Filme. Das erotische Drama, dessen Dreharbeiten sich über 18 Monate hinzogen, von denen alleine drei Wochen für eine Szene in einem Billardraum benötigt wurden, ist ein letzter inszenatorischer Kraftakt eines Mannes, der es wie kaum ein anderer Filmemacher verstand, sich mühelos von einem Genre zum anderen zu bewegen, zeitlos relevante und akribisch recherchierte Themen zu verhandeln und dabei eine eigene, unverkennbare Handschrift zu entwickeln. Mit nur 13 Filmen hat sich Stanley Kubrick ein Vermächtnis geschaffen, dass in der Filmgeschichte seinesgleichen sucht.

© 1975 Warner Bros. Entertainment. Alle Rechte vorbehalten.

Gerade zu seinen Lebzeiten waren sich Kritiker und Publikum oftmals uneins über die Qualität seiner Filme, was besonders daher rührt, dass Kubrick nie davor zurückschreckte, besonders heikle und kontroverse Themen aufzugreifen und diese auch dementsprechend zu inszenieren. Viele seiner Filme entwickelten dadurch auch eine zeitlose Relevanz oder haben über die Jahre an ebensolcher zugenommen. Wurden Werke wie „A Clockwork Orange“ oder „The Shining“ damals sträflich missverstanden, so haben neue kritische Evaluierungen ihren Stellenwert in der Filmgeschichte relativiert. Besonders Kubricks Vielseitigkeit und Stilsicherheit, egal in welchem Genre er sich bewegte, zeichnen ihn als einen der außergewöhnlichsten Filmemacher der Geschichte aus.

Kubricks legendärer Perfektionismus und seine Detailversessenheit sind nicht nur berüchtigt, sie zeichnen sein Werk auch aus. Einige Schauspieler arbeiteten trotz alledem öfter mit ihm, so etwa Sterling Hayden, Peter Sellers, Frank Silvera und natürlich Kirk Douglas. Obwohl er viele seiner Schauspieler an den Rand des Wahnsinns und darüber hinaus getrieben hat, wird er von vielen von ihnen für sein Talent und sein Auge für eindrückliche Darbietungen gelobt und bewundert.

© 1980 Warner Bros. Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Generell lässt sich der typische Protagonist eines Kubrick-Films durch eine emotionale Distanziertheit charakterisieren. Kühl, fast schon steril gelangen Jack Torrance in „The Shining“, Leonard und “Joker” in „Full Metal Jacket”, auch Bill in “Eyes Wide Shut” in ihren Geschichten an einen schwierigen mentalen Punkt, aus dem es keinen einfachen Ausweg geben kann. Ein wichtiges wiederkehrendes Thema ist die zunehmende Entmenschlichung, die bereits in „Paths of Glory“ zum Ausdruck kommt und besonders in seiner äußerst brutalen Dystopie „A Clockwork Orange“, dem Horrorfilm „The Shining“ und dem späteren Kriegsdrama „Full Metal Jacket“ verhandelt wird.

© 1971 Warner Bros. Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Und da gibt es in diesem Zusammenhang auch das wiederkehrende Motiv des furchteinflößenden, ja diabolischen „Blicks“: obwohl der Kopf der Figur leicht nach unten geneigt ist, so schauen die Augen doch geradeaus und erzeugen so eine Aura des Bösen, so z.B. legendär Alex in „A Clockwork Orange“, Jack in „The Shining“, Leonard kurz vor seinem Suizid in „Full Metal Jacket“ und Bill im Taxi in „Eyes Wide Shut“.

© 1968 MGM. Alle Rechte vorbehalten.

Was bei allgemeiner Betrachtung von Kubricks Filmen besonders auffällt, ist seine symmetrische, auf einen einzigen Fluchtpunkt in die Tiefe ausgerichtete Bildkomposition, die in nahezu jedem seiner Filme mindestens einmal zum Einsatz kommt. Es ist dies ein beklemmendes, oftmals einengendes visuelles Detail, welches in vielen Fällen, etwa in „2001“ oder „The Shining“, die Spannung kammerspielartig ankurbelt. Kubricks Farbauswahl bei der Ausstattung ist zumeist simpel, erzeugt dafür aber starke, einprägsame Kontraste, die seine Bilder umso intensiver wirken lassen.

© 1980 Warner Bros. Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Aber Kubrick ist nicht nur bekannt für die Komposition und kontrastreiche Farbgestaltung seiner Bilder, sondern auch für deren Bewegung. Mit „The Shining“ perfektionierten er und Kameramann Garrett Brown den Umgang mit der „Steadycam“, einer am Körper des Operators angelegte Vorrichtung, die es ermöglicht, lange, manuelle Kamerafahrten so flüssig und ruckelfrei wie möglich zu bewerkstelligen. Lange Kamerafahrten gab es in Kubricks Filmen natürlich bereits vor „The Shining“: man denke dabei nur an die langen Schützengräben in „Paths of Glory“ oder Bowmans Joggingrunde im Raumschiff in „2001“.

Die musikalische Untermalung ist ein herausragendes und faszinierendes Merkmal der Filmografie Kubricks: in vielen Fällen, etwa bei „2001“, griff er nicht auf einen eigens für den jeweiligen Film komponierten Soundtrack zurück, sondern wählte bereits existierende Stücke klassischer Komponisten wie Strauss, Ligeti, Händel und vielen anderen. Manche Filme, wie etwa „Eyes Wide Shut“, haben auch eigens für den Film geschriebene Musik, in diesem Fall von Jocelyn Pook, sind aber weniger einprägsam als die von Kubrick selektierten Songs, wobei man aber dennoch nicht auf den Einfluss von Walter Carlos‘ (heute Wendy Carlos) futuristischem Synthesizer-Soundtrack zu „A Clockwork Orange“ vergessen darf.

© 1987 Warner Bros. Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Überhaupt benutzt Kubrick Musik gerne, um einen gegenteiligen Effekt von dem zu erzielen, was mit ebenjener generell assoziiert wird: während eines gewalttätigen Einbruchs in „A Clockwork Orange“ etwa singt Alex fröhlich und beschwingt Gene Kellys Evergreen „Singin‘ in the Rain“, während das überfallene Ehepaar um ihr Leben schreit. Die durch die Ruinen in Vietnam marschierenden Soldaten in „Full Metal Jacket“ singen wiederum den Titelsong des „Mickey Mouse Club“, während Joker in einem Voice-Over seinen Gedanken freien Lauf lässt. Und das Ende von „Dr. Strangelove“ mit den furchterregenden und realistisch anmutenden Rauchpilzen explodierender Atomsprengköpfe? Diese erschreckenden Bilder werden zu den Klängen von Vera Lynns heiterem Lied „We’ll Meet Again“ unterlegt, dass die nahende Apokalypse konterkariert und stattdessen Optimismus versprühen soll – ein typisch schwarzhumoriger Needle Drop a la Stanley Kubrick.

Was unterm Strich von Stanley Kubrick erhalten bleiben wird, sind 13 nahezu überlebensgroße, epische, unvergessliche und nachhaltig beeindruckende Filme, die Generationen von Filmemachern beeinflusst haben und auch weiterhin werden. Einen solch enigmatischen, faszinierenden und facettenreichen Geschichtenerzähler wie ihn gibt es nur mehr selten, und sein Einfluss ist auch ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod immer noch spürbar.

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