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Zum 60. Jubiläum: meisterhaft schwarzhumorige Kriegssatire mit einem entfesselten Peter Sellers in gleich drei Rollen (!) in Stanley Kubricks lustigstem Film

Die erste Testvorführung des Films war ursprünglich für den 22. November 1963 angesetzt. Als aber an jenem Tag US-Präsident John F. Kennedy in Dallas erschossen wurde, verzögerte sich der Start des Films um mehrere Wochen. So hatte diese Cold War-Farce ihre Uraufführung am 29. Januar 1964 – und war damit immer noch am Puls der Zeit. Keine anderthalb Jahre zuvor stand die Welt kurz vor dem nuklearen Armageddon, als die Vereinigten Staaten ihre im Mittelmeer vor Italien und der Türkei positionierten Atomsprengköpfe im April 1962 einsatzbereit machten. Im Gegenzug stationierte die Sowjetunion drei Monate später Militärpersonal und Atomraketen auf Kuba, dessen Staatsoberhaupt Fidel Castro ein erklärter Feind der US-Regierung und für Nikita Chruschtschow ein wichtiger Verbündeter war. Das nukleare Wettrüsten erreichte ihren Höhepunkt, als die Welt im Oktober 1962 für zwei Wochen kollektiv den Atem anhält. Erst nach langwierigen Verhandlungen und Eingeständnissen beider Seiten wird der Super-GAU abgewendet. Eigentlich überhaupt kein Grund, sich darüber lustig zu machen. Oder etwa doch?

© 1964 Columbia Pictures, Sony Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Es bedarf jedenfalls eines Genies mit einem ganz eigenartigen Sinn für Humor, aus einem so weitreichenden Konflikt wie dem „Kalten Krieg“ eine bitterböse und über Generationen hinweg beliebte und oft zitierte Parabel zu zaubern. Peter George ist so ein Genie, hat er doch bereits 1958 mit „Red Alert“ einen Thriller-Roman geschrieben, der veranschaulicht, was passieren kann, wenn man die Abschusscodes für Nuklearsprengköpfe den falschen Leuten anvertraut. Das wirklich traurige an dieser Geschichte ist aber, dass diese eigentlich völlig hanebüchene Handlung heute, 60 Jahre später, so brandaktuell – kein Wortspiel intendiert – ist wie damals, wenn man sich die aktuelle Situation in der Weltpolitik vor Augen führt. „Red Alert“ erregte die Aufmerksamkeit des Filmemachers Stanley Kubrick, der mit George den Roman für eine Verfilmung adaptierte. Nachdem sie sich entschieden, eine schwarze Komödie daraus zu machen, holten sie Romanautor Terry Southern hinzu.

In der Burpelson Air Force Base verliert der kommandierende General Jack D. Ripper (Sterling Hayden) plötzlich den Verstand und veranlasst seinen ausführenden Offizier, Colonel Lionel Mandrake (Peter Sellers zum Ersten), die B-52-Staffel mit Wasserstoffbomben an Bord startklar zu machen und jegliche Funkverbindung zur Außenwelt unverzüglich zu unterbinden. Ripper glaubt, die Sowjets kontaminieren das amerikanische Leitungswasser, um so deren „Körpersäfte“ zu verunreinigen. Währenddessen sitzen in der Kommandozentrale der US-Regierung neben Präsident Merkin Muffley (Peter Sellers zum Zweiten) auch der hitzköpfige Vorsitzende des Generalstabs, General Buck Turgidson (George C. Scott) und Muffleys geheimnisvoller wissenschaftlicher Berater, der schrullige, im Rollstuhl sitzende ehemalige Nazi Dr. Strangelove (Peter Sellers zum Dritten). Fieberhaft suchen sie nach einem Ausweg aus dem Dilemma, besonders, als der sowjetische Botschafter dem verblüfften Generalstab erklärt, dass die Sowjets für den Fall eines amerikanischen Erstschlags eine passende Antwort in Form einer „Doomsday-Maschine“ entwickelt haben, deren radioaktiver Ausstoß die Erde für Generationen hinweg unbewohnbar machen wird. Zur gleichen Zeit macht sich ein unscheinbarer B-52-Bomber, pilotiert vom lässigen und mit Cowboy-Hut fliegenden Major J.T. „King“ Kong (Slim Pickens) auf den Weg nach Osten, um möglicherweise der Menschheit den Garaus zu machen.

© 1964 Columbia Pictures, Sony Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Es ist dies – leider – Stanley Kubricks einzige Komödie, wiewohl viele seiner Filme mit witzigen Momenten durchsetzt sind, wenn auch nicht immer als solche intendiert. Anders als sonst erweist sich „Dr. Strangelove“, trotz oder aber auch wegen des Themas, als erstaunlich leichtfüßig und kurzweilig. In diesem Stadium seiner Karriere – mit dem aufrüttelnden Kriegsdrama „Paths of Glory“ (1957), dem historischen Sklavenepos „Spartacus“ (1960) und der Verfilmung des polarisierenden Skandalromans „Lolita“ (1961) hinter sich – ist Kubrick erst langsam, aber sicher zu dem epischen Geschichtenerzähler herangereift, als der er bis heute gerechtfertigt gepriesen und studiert wird. Hier ist es weniger die Bildgewalt, weniger die Ästhetik, die den Film unvergessen macht, sondern die Allegorie, die er aus dem ganzen Schlamassel zieht, welche sich am besten in einer der besten Dialogzeilen der gesamten Filmgeschichte subsumieren lässt: „Gentlemen, you can’t fight in here, this is the war room!“ Wenn die mächtigsten Männer der Welt im Angesicht der nuklearen Katastrophe anfangen, sich wie kleine Kinder zu kabbeln, dann muss man aus einem angeborenen Reiz heraus lachen, ertappt sich dann aber im nächsten Moment wieder dabei, beim Gedanken daran sofort wieder zu erschaudern. Genau darin liegt die Genialität dieses Films, und Stanley Kubrick schafft es wie sonst nur ganz wenige begnadete Geschichtenerzähler, diesen hauchdünnen Grat zwischen Satire und Horror von Anfang bis Ende stilsicher zu durchlaufen.

Peter Sellers gelingt hier das Kunststück, gleich drei exzentrische und wirklich komische Figuren zu verkörpern, wobei der titelgebende „Dr. Seltsam“ besonders in seinem herrlich überdrehten Schlussmonolog am meisten heraussticht. Mehr noch sind es die Nebendarsteller, die zum Niederknien komisch sind: George C. Scott als Turgidson, dessen komödiantisches Timing passt, Sterling Hayden, der dem paranoiden General Ripper eine überzeichnete Ernsthaftigkeit in die absurden Dialoge legt. Mein persönliches Highlight ist und bleibt aber Slim Pickens‘ Major Kong, dessen berühmteste Szene auch beim hundertsten Mal noch ein Lachen in mein Gesicht zaubert.

© 1964 Columbia Pictures, Sony Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Kubricks Wagnis, sich dem Tabuthema „Kalter Krieg“ mit einer bissigen, schwarzhumorigen und überdrehten Lesart anzunähern, geht voll und ganz auf, denn anders als andere Cold War-Filme, die lieber auf eindringliche Schockmomente und genuine Schreckensszenarien setzen, zeigt der Meisterregisseur hier, dass man dem Ganzen auch etwas Galgenhumor abgewinnen kann, der einen die Angst vor dem baldigen Ende der Menschheit ein wenig leichter verdauen lässt.

Übrigens: die weltberühmte „Doomsday Clock“, die „Weltuntergangsuhr“, die symbolisch die Zeit bis zur Vernichtung der Menschheit in Minuten/Sekunden vor Mitternacht – Mitternacht heißt demnach „Licht aus“ – anzeigt und jedes Jahr im Januar neu gestellt wird, steht jetzt auf 90 Sekunden (!) vor Mitternacht.

Trailer:

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