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Oscar-Special 2024: Einer der bekanntesten und bedeutendsten Antikriegsromane von Erich Maria Remarque in der Oscar-gekrönten Urversion von 1930 – und im Oscar-gekrönten Remake von 2022

Wenn große Meisterwerke der Filmgeschichte neu verfilmt werden, macht sich im ersten Atemzug immer so etwas wie eine Skepsis breit. Einerseits fragt man sich, ob den Filmemachern der Gegenwart wirklich nichts Neues mehr einfallen mag, andererseits macht man sich über die Sinnhaftigkeit eines solchen Unterfangens so seine berechtigten Gedanken, denn, seien wir mal ehrlich, man muss nicht alles noch einmal neu durchdeklinieren. Dass sich diese Fragen auch gestellt haben dürften, als angekündigt wurde, dass Erich Maria Remarques 1929 publizierter Roman „Im Westen nichts Neues“ neu aufgelegt wird, überrascht an dieser Stelle wohl nicht. Der deutsche Regisseur und Ko-Autor Edward Berger hat sich mit dem Streaming-Riesen Netflix zusammengetan, um eine nahe an der Vorlage angelehnte Neuversion zu drehen. Es ist dies die insgesamt dritte: die erste entstand erst ein Jahr nach Veröffentlichung des Romans unter der Regie des amerikanischen Regisseurs Lewis Milestone. 1979 folgte ein Fernsehfilm von Oscar-Preisträger Delbert Mann („Marty“ [1955]).

© 1930 Universal Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Zu Beginn der Geschichte richtet Professor Kantorek (Arnold Lucy 1930, fehlt im Remake) einen flammenden Appell an seine Schüler, ihren Dienst fürs Vaterland zu leisten und in die Schlacht zu ziehen. Von jugendlichem Leichtsinn geblendet und voll maskuliner Überzeugung, melden sich Paul Bäumer (1930: Lew Ayres, 2022: Felix Kammerer) und seine Freunde zum Militärdienst. Doch bereits die Grundausbildung unter dem strengen und erbarmungslosen Leutnant Himmelstoss (John Wray [1930]), im zivilen Leben eigentlich ein liebenswerter Briefträger, erweist sich als kräftezehrend und nervenaufreibend. Im Remake wird dies weggelassen. Als die jungen Männer dann an die Front geschickt werden, enthüllt sich ihnen erst das wahre Ausmaß der brutalen Auseinandersetzungen. Eingekesselt im Schützengraben, ständig von Artillerie befeuert, verlieren die jungen Soldaten zunehmend ihren Verstand, und einer nach dem anderen in weiterer Folge auch sein Leben. Halt gibt den Männern der erfahrene Kamerad Katczinsky (1930: Louis Wolheim, 2022: Albrecht Schuch). In Bergers Remake wurde ein kompletter Subplot hinzugefügt, in dem der deutsche Minister Matthias Erzberger (Daniel Brühl), die Aussichtslosigkeit der anhaltenden Kämpfe und die steigende Zahl der Verluste auf deutscher Seite begreifend, in den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs im November 1918 Verhandlungen um eine Kapitulation und Waffenstillstand mit den Alliierten Mächten bemüht, während Paul an der französischen Westfront weiter um sein Leben kämpft.

Die Wucht von Milestones Original rührt nicht nur daher, wie erschütternd und technisch eindrucksvoll er für damalige Verhältnisse das sinnlose Kriegsgräuel inszeniert, sondern an der erschreckenden Tatsache, dass der Film neun Jahre vor (!) Ausbruch des Zweiten Weltkrieges (!!) entstanden ist. Den Film im Spiegel der Geschichte zu betrachten, macht das Original zu einem noch monumentaleren Werk, als es ohnehin schon ist. Ein Kriegsfilm, an dem sich bis heute alle anderen Kriegsfilme messen müssen. Bilder, die sich ins Gedächtnis brennen. Die bewegte Geschichte des Films an sich, der von den Nationalsozialisten vehement bekämpft, boykottiert und verboten wurde und jahrzehntelang nur in geschnittener Fassung erhalten geblieben ist und durch verschiedene, verschollen geglaubte, Kopien aber fast wieder in seine Ursprungsversion restauriert werden konnte, ist ein Faszinosum für sich selbst. So oder so ist Lewis Milestones Film, der ihm nach der Komödie „Two Arabian Knights“ (1927) seinen zweiten Regie-Oscar einbrachte, neben dem „Besten Film“, ein pazifistisches Mahnmal für die Ewigkeit.

Felix Kammerer as Paul Bäumer in All Quiet on the Western Front, Courtesy of Netflix © 2023

Das Remake, das im selben Jahr Premiere feierte wie die russische Invasion auf die Ukraine, den größten bewaffneten Konflikt in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs, hat zwar selbst noch einen langen Weg vor sich, um in die Annalen der Filmgeschichte einzugehen, aber das vierfach Oscar-prämierte Werk – für James Friends Kameraarbeit, Volker Bertelmanns Filmmusik, das Produktionsdesign und als bester internationaler Film – steht seinem 92 Jahre vorher entstandenen Original in Sachen Bildgewalt, Eindringlichkeit, Relevanz und pazifistischer Botschaft in nichts nach. Auch wenn sich in der Geschichte vieles ändert, auch wenn sich die Filmsprache stets weiterentwickelt, manche Themen sind zeitlos: die Sinnlosigkeit und Brutalität des Krieges ist eins davon.

Trailer zum Original:  

Trailer zum Remake:

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