In zwei Tagen werden die begehrten Filmpreise verliehen und die Spannung erreicht langsam ihren Höhepunkt. Wer sind die großen Favoriten in allen 23 Kategorien? Wer könnte überraschen?
Die Tage vor der Oscar-Verleihung sind immer die spannendsten der ganzen Award-Saison. Der Moment, auf den alle Nominierten hingearbeitet haben, steht kurz bevor und die Awards-Kampagne, die die Filmschaffenden unternehmen, um möglichst viele Wählerinnen und Wähler der Academy zu erreichen und zu überzeugen, biegt in die Zielgerade ein.
Dieses Jahr gestaltete sich das Rennen in den meisten Kategorien von Beginn an recht eindeutig, in anderen Sparten bleibt es aber bis zum letzten Moment offen, wer letztlich als Gewinner aus dem Kuvert gezogen wird. Es ist also absolut möglich, dass ich in manchen, vielleicht sogar einigen Fällen daneben liegen werde. Nahezu jeder hätte den Oscar verdient, am Ende kann es aber bekanntlich nur einen geben.
Hier also meine ultimative Oscar-Prognose 2024 – ohne Gewähr!
Bester Film

Wird gewinnen: „Oppenheimer“ (Charles Roven, Christopher Nolan, Emma Thomas)
„Oppenheimer“ hat alles abgeräumt, was man in der Award-Saison abräumen kann, vom Golden Globe, zu den Hauptpreisen der großen Gewerkschaften der Produzenten, Regisseure und Schauspieler. Der Film hat fast eine Milliarde Dollar eingespielt und ist, dank seines brisanten und hochaktuellen Themas, auch ein wichtiges Zeichen der Zeit. Und der Film ist in 13 Kategorien nominiert, von denen mindestens 7 an „Oppenheimer“ gehen dürften.
Sollte gewinnen: „The Zone of Interest“ (James Wilson)
Das ungewöhnliche, aber dafür umso beklemmendere und beeindruckendere Holocaust-Drama aus Sicht der Familie eines KZ-Lagerkommandanten ist, ähnlich wie Edward Bergers Kriegsdrama „Im Westen nichts Neues“ vor allem für internationale Voter eine hervorragende Wahl. Ein filmisches Mahnmal gegen das Vergessen des größten Menschenrechtsverbrechens der Geschichte, das sein Publikum noch lange aufrüttelt.
Beste Regie:

Wird gewinnen: Christopher Nolan für „Oppenheimer“
Er wurde erst einmal in seiner überaus erfolgreichen Karriere für seine Regieleistung nominiert („Dunkirk“ 2017), und gilt spätestens seit seinem Science-Fiction-Geniestreich „Inception“ (2010) als längst überfällig. Sein großes Vorbild, Stanley Kubrick, gewann den Preis nie, auch Alfred Hitchcock ging in seiner langen Laufbahn leer aus. Die Academy wird diesen Fehler nicht bei einem weiteren Erfolgsregisseur begehen wollen. Außerdem steht er heuer so gut wie außer Konkurrenz.
Sollte gewinnen: Jonathan Glazer für „The Zone of Interest“
Ich hätte auch Martin Scorsese für „Killers of the Flower Moon“ nennen können, denn auch dieser Film verdient hohe Anerkennung für seine detailgetreue Aufarbeitung der unheimlichen Mordserie an den Osage in den 1920er Jahren. Aber auch hier hat das britische Drama die herausragendere künstlerische Leistung hervorgebracht. Glazers grandiose und exakte Inszenierung hätte Gold verdient.
Bester Hauptdarsteller:

Wird gewinnen: Cillian Murphy für „Oppenheimer“
Es sah lange danach aus, als würde es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Murphy und dem phänomenalen Paul Giamatti als exzentrischem Lehrer in „The Holdovers“ geben. Beide gewannen in ihren Sparten – Drama für Murphy, Komödie für Giamatti – den Golden Globe. Während die Filmkritiker Giamatti bevorzugten, gewann Murphy den britischen Filmpreis sowie den SAG Award der Schauspielgewerkschaft. Das Momentum liegt daher klar auf Murphys Seite. Allzu sicher darf er sich aber trotz alledem nicht sein.
Sollte gewinnen: Paul Giamatti für „The Holdovers“
Ich fand beide Performances großartig. Wie dem auch sei, meine Tendenz geht, seit ich „The Holdovers“ auf der letztjährigen Viennale gesehen habe, eindeutig zu Giamatti, nicht nur weil er seit Jahrzehnten ein anerkannter Charakterdarsteller ist, sondern auch, weil seine Darbietung eine größere Resonanz bei mir auslöst. Außerdem ist er mehr als überfällig.
Beste Hauptdarstellerin:

Wird gewinnen: Lily Gladstone für „Killers of the Flower Moon“
Hier verhält es sich eigentlich genau umgekehrt: meine Favoritin für diesen Preis steht auch kurz vor ihrem Triumph – wobei auch hier noch ein anderer Ausgang mehr als realistisch erscheint. Nicht, dass ich Emma Stone für „Poor Things“ keinen weiteren Oscar gönnen würde. So wie letztes Jahr Cate Blanchett ihren dritten Goldjungen zugunsten des historischen Gewinns von Michelle Yeoh verloren hat, so wird es aller Voraussicht nach auch dieses Jahr sein. Gladstone als erste indigene Preisträgerin ist ein wichtiges Zeichen für mehr Diversität, außerdem wäre es eine späte Genugtuung für die amerikanischen Ureinwohner: die Osage, deren Morde endlich thematisiert wurden, aber auch, nach über 50 Jahren, die Kontroverse um Sacheen Littlefeather, die im Namen Marlon Brandos dessen Oscar für „The Godfather“ ablehnte und dafür viel Hass und Ablehnung erfahren musste.
Bester Nebendarsteller:

Wird gewinnen: Robert Downey, Jr. für „Oppenheimer“
Auch dieser Preis steht völlig außer Frage: Downey hat alle Preise gewonnen, die es während der Award-Saison zu gewinnen gibt. Er hat ein ereignisreiches Leben voller Höhen und Tiefen hinter sich, als Hauptdarsteller des erfolgreichsten Franchises der Filmgeschichte ein Megacomeback hingelegt und steht jetzt vor der Krönung seiner Karriere. Seine brillante Performance, besser noch als Murphy, sticht aus dem ohnehin schon beeindruckend besetzten Ensemble noch einmal heraus. Mehr als verdient, Robert, mehr als verdient!
Beste Nebendarstellerin:

Wird gewinnen: Da’Vine Joy Randolph für „The Holdovers“
Das Gleiche hier. Randolph, die eine Kantinenchefin eines Internats spielt, deren Sohn im Vietnamkrieg gefallen ist, bildet den emotionalen Anker des Films und sie und Giamatti harmonieren hervorragend in diesem Film. Es wäre schön, wenn beide dafür mit einem Oscar belohnt werden. So oder so hat Randolph den Preis verdient. Sie steht außer Konkurrenz.
Bestes Originaldrehbuch:

Wird gewinnen: „Anatomie d’un chute“ (Justine Triet, Arthur Harari)
Ist dieses Drehbuch gut? Von seiner Struktur mit den vielen Rückblenden und der stark gespielten Streitszene zwischen Sandra und Samuel her vielleicht. Aber muss es dann gleich einen Oscar gewinnen? In jedem anderen Jahr wäre die Antwort ein entschiedenes „No“, aber dieser Jahrgang lässt es nun einmal zu.
Sollte gewinnen: „The Holdovers“ (David Hemingson)
Großartige Figuren, eine herzerwärmende Handlung, brillante, zum Brüllen komische Dialoge. „The Holdovers“ hat alles, was man von einem unterhaltsamen Film erwartet. Dass die Handlung im Jahr 1970 spielt, aber trotzdem auch für die heutige Zeit relevant ist, macht diesen Film zu einem der Highlights des abgelaufenen Kinojahres.
Bestes adaptiertes Drehbuch:

Wird gewinnen: „American Fiction“ (Cord Jefferson, nach dem Roman „Erasure“ von Percival Everett)
In dieser Kategorie entfaltet sich ein besonders enges Rennen, denn sowohl „American Fiction“, „The Zone of Interest“, „Oppenheimer“ als auch „Barbie“ – dass letzterer aus unerfindlichen Gründen als adaptiertes Drehbuch gilt, macht keinen Sinn – könnten hier siegreich hervorgehen und es würde kaum jemanden stören. Die relevanten Preise vor der Verleihung – die Gewerkschaft der Drehbuchautoren verleiht ihre Preise, auch nach dem langen Streik, erst im April – zeigen aber klar in Richtung Jeffersons. Der Film über einen schwarzen Autor, der seinen neuesten Roman bewusst mit Klischees und Vorurteilen überlädt, nur um einen unerwarteten Erfolg zu feiern, hat hier seine einzige ernsthafte Siegchance. Wenn die Academy diesem Publikumsliebling einen Preis verleihen will, dann wird es dieser sein müssen.
Sollte gewinnen: „Barbie“ (Greta Gerwig, Noah Baumbach, nach Charakteren von Ruth Handler)
Gerechtigkeit für Greta Gerwig – das ist alles!
Beste Filmmusik:

Wird gewinnen: Ludwig Göransson für „Oppenheimer“
An dieser Musik führt in diesem Jahr einfach kein Weg vorbei. Tracks wie „Can You Hear the Music?”, „Oppenheimer“ und die phänomenale Untermalung des “Trinity”-Tests machen Nolans Film zu einer besonders intensiven audiovisuellen Erfahrung. Hat bereits den Grammy gewonnen!
Bester Filmsong:

Wird gewinnen: „What Was I Made for?” (Billie Eilish und Finneas O’Connell) von „Barbie“
Apropos Grammy: auch Eilish hat für ihre feministische Hymne bei den Grammy Awards abgeräumt. Dazu kommt auch noch der Golden Globe. Dass die Vereinigung der Filmkritiker lieber Ryan Goslings Power-Ballade „I’m Just Ken“ auszeichnet, tut ihrem Momentum keinen Abbruch. Auch wenn Gosling seitdem ein Popkultur-Phänomen geworden ist, ändert das nichts an der Favoritenrolle Eilishs, die mit gerade einmal 22 Jahren (!) auf ihren zweiten Oscar (!!) zusteuert. Ernstzunehmende Konkurrenz hat sie jedenfalls keine.
Bester internationaler Film:

Wird gewinnen: „The Zone of Interest” (Großbritannien, R: Jonathan Glazer)
In fünf Kategorien nominiert, inklusive Bester Film. Seit Cannes 2023 von der Kritik gefeiert. Eine sichere Bank!
Bester Animationsfilm:

Wird gewinnen: „Spider-Man: Across the Spider-Verse“ (Justin K. Thompson, Kemp Powers, Phil Lord, Christopher Miller, Amy Pascal)
Auch wenn der Mega-Flop „Madame Web“ die Studiobosse von Sony in Erklärungsnot bringen dürfte, so ändert das nichts daran, dass die Fortsetzung des bereits mit dem selben Oscar ausgezeichneten „Into the Spider-Verse“ hier wieder triumphieren wird. Ein großer Erfolg bei Kritikern und Publikum. Hat bei den „Annie Awards“ abgeräumt.
Sollte gewinnen: „The Boy and the Heron” (Hayao Miyazaki)
Miyazakis angeblich wirklich allerletzter Film ist eine bewegende, bildgewaltige Reise in eine mystische Welt. Besonders internationale Wähler dürften sich von den universellen Themen angesprochen und berührt fühlen. Einen letzten Oscar hätte sich die japanische Anime-Legende redlich verdient.
Beste Kamera:

Wird gewinnen: Hoyte van Hoytema für „Oppenheimer“
Seit „Interstellar“ (2014) zaubert van Hoytema für Nolan die Bilder aus der Kamera. „Oppenheimer“ entfaltet insbesondere in IMAX und auf 70mm eine ungeheure Wucht und Bildgewalt, die noch lange nachwirkt. „Killers of the Flower Moon“ (Rodrigo Prieto) ist zwar ebenfalls beeindruckend fotografiert, aber van Hoytema war dieses Jahr in einer anderen Liga unterwegs.
Bester Schnitt:

Wird gewinnen: Jennifer Lame für „Oppenheimer“
Auch hier steht ein „Oppenheimer“-Durchmarsch nicht zur Diskussion. Dass Scorseses langjähriger Editorin Thelma Schoonmaker die ausufernde Laufzeit von 206 Minuten für „Killers of the Flower Moon“ zum Verhängnis wird, sollte man nicht als Argument ins Feld führen – „Oppenheimer“ dauert ja auch 181 Minuten. Nur kreiert Lame mit ihrem Schnitt eine Spannung, die eine eigentlich langweilige Geschichtsstunde in einen packenden Thriller verwandelt.
Bestes Produktionsdesign:

Wird gewinnen: James Price, Shona Heath und Zsuzsa Mihalek für „Poor Things“
Hier und beim Kostümdesign erwarte ich ein enges Rennen zwischen Team „Barbie“ und Team „Poor Things“. In diesen beiden Kategorien ist so ziemlich alles für die Beiden möglich. Das farbenprächtige Set-Design von „Barbie“ ist ebenso beeindruckend und detailliert wie jenes von „Poor Things“, welches wiederum cooler und abgründiger aussieht als die Puppenstadt.
Bestes Kostümdesign:

Wird gewinnen: Jacqueline Durran für „Barbie“
Wie in der vorigen Kategorie bereits angeführt, wird das ein enges Rennen zwischen Jacqueline Durran, die Margot Robbie und Ryan Gosling grellbunt einkleiden durfte und Holly Waddington mit ihrem Goth-inspirierten Kleiderschrank für Emma Stone. Keiner der beiden Filme sollte am Ende des Abends völlig leer ausgehen, aber gerade diese beiden Kategorien sind sehr, sehr schwer einzuschätzen.
Bestes Make-Up und Frisuren:

Wird gewinnen: Kazu Hiro, Kay Georgiou und Lori McCoy-Bell für „Maestro“
Die einzige Chance für den siebenfach nominierten „Maestro“ ist zugleich jene Kategorie, die besonders eindrucksvolle und detailgetreue Transformationen würdigt. Bradley Cooper mit einer prosthetischen Nase und authentischen Frisuren in den legendären Komponisten Leonard Bernstein zu verwandeln, schreit nach dem Oscar! Und was ist mit der Kontroverse um besagte Nase? Wenn „The Whale“ letztes Jahr mit einem Fat-Suit für Brendan Fraser durchgehen kann, was auch für Diskussionen gesorgt hat, dann sollte man „Maestro“ mit dem gleichen Maß behandeln!
Bester Ton:

Wird gewinnen: Willie Burton, Richard A. King, Gary A. Rizzo und Kevin O’Connell für „Oppenheimer“
Christopher Nolan und der Ton – das ist immer so eine schwierige Sache. Man versteht oft das gesprochene Wort nicht, aber nachsynchronisieren ist bei ihm einfach nicht. Trotzdem gewann „Dunkirk“ vor sechs Jahren noch die zweigeteilte Tonsparte mit Toneffekten und Tonmischung. Besonders die Szenen vor, während und nach dem „Trinity“-Test mit ihrer unheimlichen auditiven Aura dürften einen lange nachhallenden Eindruck auf die Wählerschaft gemacht haben.
Sollte gewinnen: Johnnie Burn und Tarn Willers für „The Zone of Interest“
Allein schon für das akribisch recherchierte und erschreckend authentische und realistische Sounddesign hinter den Mauern des Familienanwesens Höß hätten sich Burn und Willers den Oscar redlich verdient. Jeder Schuss, jeder Schrei, jede Wehklage, die sich durch die ruhigen, malerischen Bilder in die Gehörgänge gräbt, macht dieses unvergessliche filmische Erlebnis aus.
Beste visuelle Effekte:

Wird gewinnen: Takashi Yamazaki, Kiyoko Shibuya, Masaki Takahashi und Tatsuji Nojima für „Godzilla Minus One“
Diese Kategorie ist sehr schwer einzuschätzen, obwohl es auch hier nur zwei ernstzunehmende Favoriten gibt. Wenn man auch hier auf die internationalen Wähler vertraut, und Miyazaki erwartungsgemäß nicht den Oscar gewinnt, so denke ich, wird zumindest eine andere Legende der japanischen Filmindustrie seinen wohlverdienten Preis erhalten. Tatsächlich wäre es nach 70 Jahren der erste Oscar für die legendäre Riesenechse. Am anderen Ende des Duells stehen Neil Corbould, Andrew Roberts, Jay Cooper und Ian Comley für ihre effiziente Arbeit an Gareth Edwards‘ Science-Fiction-Abenteuer „The Creator“. Einen 80 Millionen Dollar teuren Film wie einen 200 Millionen-Blockbuster aussehen zu lassen, ist eine beachtliche Leistung. Wenn man bedenkt, dass die Macher von Godzilla ihr effektvolles Werk mit einem Bruchteil von deren Budget bewerkstelligen konnten, ist das aber noch einmal eine andere Hausnummer.
Bester Dokumentarfilm:

Wird gewinnen: „20 Days in Mariupol“ (Mstyslav Chernov, Michelle Mizner, Raney Aronson-Rath)
Letztes Jahr gewann die Doku über Alexei Nawalny den Preis. Es hätte kaum zeitgemäßer sein können. Dass diese Kategorie gerne in zeitgenössische politische Gefilde geht, hat sich in der Geschichte der Oscars oft gezeigt. Der leider immer noch brandaktuelle Krieg in der Ukraine dürfte daher auch dieses Jahr die Academy nicht kaltlassen.
Bester Kurzfilm:

Wird gewinnen: „The Wonderful Story of Henry Sugar” von Wes Anderson und Steven Rales
Wes Anderson ist spätestens seit seinem Film „The Grand Budapest Hotel“ (2014) längst überfällig für seinen ersten Oscar. Dass er ihn ausgerechnet in der Kategorie Kurzfilm gewinnen würde, hätte sich wahrscheinlich auch keiner gedacht. Aber mit dieser Adaption einer Kurzgeschichte Roald Dahls dürfte er sich durchsetzen. Gerade namhafte Filmschaffende haben es in dieser Kategorie prinzipiell leichter.
Bester animierter Kurzfilm:
Wird gewinnen: „War is Over: Inspired by the Music of John & Yoko“ von Dave Mullins und Brad Booker
Ähnlich wie in der Dokumentarfilmkategorie. Profitiert zusätzlich vom Nostalgiefaktor rund um Beatles-Legende John Lennon und seiner Frau Yoko Ono.
Bester dokumentarischer Kurzfilm:
Wird gewinnen: „The ABCs of Book Banning” von Sheila Nevins und Trish Adlesic