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Das pure Grauen ist nur ein paar Hundert Meter entfernt: Jonathan Glazer inszeniert die Banalität des Bösen als beklemmendes, eindringliches und lange nachwirkendes Drama. Grand Prix in Cannes 2023, dazu fünffach Oscar-nominiert.

1943: Idyllisch hat sie es hier, die Familie Höß: ein zweistöckiges Haus, mit jüdischen Bediensteten, draußen ein weitläufiger Garten mit einem kleinen Planschbecken, einem Gewächshaus, Blumenbeeten und anwachsendem Gemüse. Ein Traum von einem Wohnort. Direkt nebenan? Liegt das berüchtigte Konzentrationslager Auschwitz. Familienvater Rudolf Höß (Christian Friedel) ist Lagerkommandant. Immer wieder gibt er via Telefon Anweisungen durch, wie etwa nicht die Fliederbüsche zu beschneiden. Er empfängt hochrangige SS-Offiziere vor seiner Haustür, und nimmt seinen ältesten Sohn gerne mal zum Ausritt mit, um die Umgebung zu inspizieren. Mit seinen fünf Kindern badet er im nahegelegenen Fluss Sola – zumindest solange, bis menschliche Überreste angeschwemmt werden. Seine Frau Hedwig (Sandra Hüller), die von einem Kururlaub in Italien schwärmt und wieder dorthin möchte, nennt er liebevoll „Königin von Auschwitz“, ein Nimbus, den die selbstbewusste und nach außen hin arrogant wirkende Matriarchin wie ein Zepter schwingt. Ihre zu Besuch angereiste Mutter (Imogen Kogge) wird sich in dieser Umgebung nicht lange wohlfühlen.

© 2023 A24, Access, Film4. Alle Rechte vorbehalten.

Das Idyll der Familie Höß wird jedoch getrübt, als Rudolf, dessen Verdienste innerhalb des Deutschen Reichs mit großer Bewunderung und Achtung verfolgt werden, nach Oranienburg nahe Berlin versetzt werden soll. Hedwig weigert sich standhaft, ihr Domizil aufzugeben und so tritt ihr Göttergatte, der ohnehin bis zum Hals in Arbeit steckt, die Reise alleine an. Lange wird er von seinen Liebsten aber ohnehin nicht getrennt sein, denn die Nationalsozialisten haben noch ein gewaltiges Projekt vor sich.

Steven Spielberg nannte diesen Film den besten über den Holocaust seit seinem eigenen, „Schindler’s List“ (1993) – nun, damit hat er nicht ganz Unrecht, wobei man Roman Polanskis erschütternde Biographie über Władysław Szpilman, „The Pianist“ (2002), nicht vergessen sollte. Generell haben wir es hier mit Filmen gegen das Vergessen zu tun. „The Zone of Interest“ ist definitiv der außergewöhnlichste und einzigartigste Film, der jemals über das dunkelste Kapitel der Menschheitsgeschichte gedreht wurde. Jonathan Glazer adaptierte den gleichnamigen Roman von Sir Martin Amis – der just während der Filmfestspiele in Cannes 2023, wo der Film uraufgeführt wurde, verstarb – sehr lose und beschränkt sich überwiegend auf das Familienleben der Höß‘. Einfache, zumeist unbewegte Bilder zeugen von der traumhaften Fassade, die sich Rudolf und Hedwig für sich und ihre Kinder geschaffen haben und die sie auf jeden Fall für sich bewahren wollen. Empathielos, kalt, ignorant ob der Vorfälle und Schicksale um sie herum gibt Sandra Hüller hier eine bärenstarke Vorstellung ab und zementiert – neben ihrer Rolle in Justine Triets ausuferndem und etwas enttäuschendem Justizdrama „Anatomie eines Falls“ ein überragendes Jahr, das ihr die Oscar-Nominierung aber für den falschen Film einbrachte. Friedel besteht neben ihr mit einer ebenso kühlen, nuancierten und präzisen Performance.

© 2023 A24, Access, Film4. Alle Rechte vorbehalten.

Der ausschließlich in natürlichem Licht und mit unzähligen geschickt platzierten Kameras gedrehte Film schafft besonders mit den mit Thermokameras aufgenommenen Bildern, unterlegt mit Mica Levis brummender, minimalistischer und an die Nieren gehender Musik eine ungeheure Intensität, die mit der schlichten, ja alltäglichen Bildsprache im Hause Höß kontrastiert.

Was diesen Film aber so auszeichnet – und wofür er hoffentlich auch ausgezeichnet wird – ist das beeindruckende Sounddesign. Johnnie Burn bereitete sich akribisch und penibel auf seine schier übermenschliche Aufgabe vor, das Grauen des Holocaust allgegenwärtig unter die malerischen Bilder zu mischen. Schreie, Schüsse, die Geräusche der Krematorien, ein- und ausfahrende Züge – hier haben wir es mit einem außergewöhnlichen Tonfilm zu tun, der dem Film eine zweite, verdeckte, aber dafür umso bedeutendere Ebene verleiht. Während wir den unbeteiligten und unverantwortlichen Personen der Geschichte folgen, nimmt vor ihrer Haustür der Horror seinen Lauf. Aber nur, weil man ihn nicht sehen kann – bis auf ein paar wenige einprägsame Bilder vom qualmenden Einäscherungsofen im Hintergrund; am Ende zeigt Glazer das Auschwitz-Museum der Gegenwart – heißt das nicht, dass das Grauen nicht existiert. Die auditiven Eindrücke aus dem Vernichtungslager bahnen den ganzen Film hindurch ihren Weg in die Gehörgänge der Zuschauer. Man kann diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht verleugnen, selbst wenn man seinen Blick davon abwenden und sich auf die Sicherheit seiner eigenen vier Wände verlassen möchte. Es wird den Personen, die den Holocaust nach wie vor verleugnen – und davon gibt es leider immer noch einige – zwar nicht zwangsläufig ihre Illusion nehmen, aber Glazer gelingt es irgendwie, ihnen einen Spiegel vorzuhalten.

Dicht inszeniert, beeindruckend gespielt, schön und effizient bebildert, mit einem beklemmenden, realistischen und authentischen Sounddesign, welches eine unheimliche Atmosphäre erschafft. Warum dieser Film nicht die Goldene Palme in Cannes gewonnen hat, werde ich wohl nie verstehen. Der Oscar für den besten internationalen Film und hoffentlich auch jener für den Sound wären für Glazer bzw. Burn aber ein mehr als verdienter Lohn ihrer Arbeit.

Wertung: vier von vier Sternen!

Trailer:

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