Eine Familientragödie landet vor Gericht – und wird für Mutter und Sohn zur emotionalen Zerreißprobe. Ausgezeichnet mit der Goldenen Palme in Cannes. Achtung, Spoiler!
Wenn Familienangelegenheiten vor Gericht ausgetragen werden müssen, geht das Ganze in der Regel schlecht für die Beteiligten aus. Ob Sorgerechtsstreitigkeiten, Erbschaftsscharmützel und dergleichen, am Ende ist nichts mehr wie vorher. Für die Familie im Zentrum dieses Films geht es um etwas ganz anderes.
Sandra (Sandra Hüller) und ihr Ehemann Samuel (Samuel Theis) verbringen den Winter mit ihrem stark sehbehinderten Sohn Daniel (Milo Machado-Graner) in einem Chalet im winterlichen Grenoble. Zu Beginn versucht sie ein Interview mit einer Literaturstudentin zu führen, welches von ihrem Gatten dadurch sabotiert wird, dass er eine Instrumentalversion von 50 Cents „P.I.M.P.“ in Endlosschleife dermaßen laut spielt, dass Sandra das Interview entnervt abbricht und ihr Sohn den Hund spazieren führt. Bei seiner Rückkehr ertastet er panisch die Leiche seines Vaters, aus dem Dachfenster in den Schnee gestürzt. Von da an stellt sich, nicht nur für das Publikum, die Frage: Hat sich Samuel in purer Verzweiflung in den Suizid geworfen? Oder hat Sandra entscheidend nachgeholfen? Der Fall landet vor Gericht, wo die fragile Beziehung des Paars bis ins kleinste Detail seziert wird, sehr zum Leidwesen aller Beteiligten.

Zugegeben, sonderlich originell klingt diese Prämisse nicht. Familiendramen, die vor Gericht ausgefochten werden, tendieren oft dazu, in Schlammschlachten auszuarten, wo Worte mehr Schaden anrichten als Taten. Auch Justine Triet, die zusammen mit ihrem Partner Arthur Harari auch das Drehbuch schrieb, weicht kaum von den allseits bekannten Justizklischees ab. Verteidigung und Anklage wechseln sich im Verhör ab, schlagen so dermaßen über die Stränge, dass die Gegenseite „Einspruch!“ ruft, und es am Ende an den Geschworenen liegt, über Schuld und Unschuld der Angeklagten zu richten. Ein bisschen erinnert mich das Prozedere an Sidney Lumets packendes Drama „The Verdict“ (1982) mit Paul Newman als alkoholkrankem Pflichtverteidiger, dessen Ausgang hier ähnlich verläuft. Zu keiner Zeit stelle zumindest ich mir die Frage, ob Sandra wirklich schuldig ist, sondern einfach nur, ob und wenn ja wie sie letztendlich entlastet und freigesprochen wird. Dass Triet hier ein wenig mit den Klischees spielt, etwa mit jenem des ergreifenden Schlussplädoyer, sticht zumindest positiv hervor.
Die Dramaturgie des Falls (des Gerichtsfalls, nicht jener Samuels) ist dafür packend konstruiert, und die Darsteller sind durch die Bank wirklich hervorragend. Sandra Hüller gelingt hier eine bravouröse Darstellung, auch ihr Filmsohn macht eine gute Figur. Das hilft ein wenig über die Tatsache hinweg, dass der Film doch etwas langatmig geraten ist.
Ob „Anatomie eines Falls“ ein würdiger „Palme d’Or“-Gewinner ist, darüber ließe sich vorzüglich streiten (da der „Grand Prix“-Gewinner „The Zone of Interest“ von Jonathan Glazer, ebenfalls mit Hüller, hierzulande noch nicht gezeigt wurde, kann ich kein endgültiges Urteil fällen – kein Wortspiel beabsichtigt), ist aber dennoch ein einigermaßen rundes Filmerlebnis.
Wertung: zweieinhalb von vier Sternen!
Trailer:
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