ACHTUNG: Der folgende Text bespricht ausführlich den Film „Parasite“ von Bong Joon-Ho und kann daher einige wichtige Handlungselemente vorwegnehmen. Wer den Film also noch nicht gesehen hat und nicht gespoilert werden möchte, sollte jetzt bitte nicht weiterlesen.
Zwar nicht im Programm der diesjährigen Viennale, dennoch ein äußerst empfehlenswerter Film für Cineasten. Bong Joon-Hos bitterböse Sozialsatire „Parasite“ wurde beim Filmfestival in Cannes 2019 verdient als erster koreanischer Film überhaupt mit der „Goldenen Palme“ geehrt und stach damit unter anderem Konkurrenten wie Quentin Tarantinos langatmige Ode an das klassische Hollywood und Pedro Almodovars selbstreflexive Quasi-Autobiographie „Leid und Herrlichkeit“ aus.
Der Film handelt davon, wie die mittel- und arbeitslose Familie Kim durch einen Freund des Sohnes die Gelegenheit bekommt, ins Haus einer gut situierten Familie einzudringen. Erst gelingt es dem Sohn, weniger dank geschickt gefälschter Dokumente, sondern vielmehr durch schauspielerisches Talent und Improvisationskunst, als Nachhilfelehrer in Englisch für die junge Tochter der reichen Familie Park engagiert zu werden. Dann schafft es die Tochter, ebenso überzeugend, als Kunsttherapeutin für den traumatisierten kleinen Sohn anzuheuern, indem sie nach eigener Aussage Basiswissen gegoogelt und den Rest einfach dazuerfunden hat. Kurz darauf nutzt die Tochter der Kims die Gutmütigkeit des Chauffeurs aus und lässt „versehentlich“ ihren Slip im Auto, damit dieser durch ihren Vater ersetzt wird. Und schlussendlich nutzt die Familie die Marillen-Allergie der langjährigen Haushälterin aus, um ihr eine ernsthafte Tuberkulose-Erkrankung anzuhängen. Dank dieser geschickten Intrigen gelingt es der gesamten Familie, Einzug in das noble Haus der Parks zu halten. Dabei werden hier die Kontraste der beiden Wohnverhältnisse stark akzentuiert. Während die Parks in einem großen, weitläufigen Haus mit modernster Einrichtung hausen, leben die Kims auf engstem Raum in einer Kellerwohnung. Das WLAN wird von den Nachbarn angezapft, zumindest solange, bis diese kein Passwort dafür generieren. Der Lebensunterhalt wird zunächst damit bestritten, Pizzaschachteln für ein nahegelegenes Restaurant zu falten – nicht immer zu deren vollster Zufriedenheit. Der Zweck heiligt die Mittel, und ihnen ist jedes Mittel recht.

Ganz anders die Familie Park: leichtgläubig und naiv lässt sich die Frau von der vermeintlichen Expertise der beiden Teenager blenden und öffnet ihnen so unbewusst Tür und Tor in ihr Domizil. Auch sonst scheint in ihr wenig Verdacht aufzukeimen, dass hinter der freundlichen Fassade ihrer neuen Bediensteten etwas anderes steckt. An einer Stelle des Films wird dies explizit angesprochen: wenn man reich und vermögend ist, dann muss man sich keine Sorgen machen. Da reicht dann bereits der kleinste Verdacht aus, und man zieht die notwendigen Konsequenzen. Für die Familie Park scheint es ein Leichtes, Angestellte zu ersetzen, die sie selbst wie eine Ware oder ein Möbelstück in ihrem Haus dulden, solange sie ihrem sorgenfreien Leben dienlich sind. Diese beiden unterschiedlichen Wertevorstellungen prallen in der ersten Hälfte von „Parasite“ aufeinander. Dass sich Gegensätze gut und gerne anziehen, wird hier eindrucksvoll demonstriert, insbesondere in der Beziehung, die sich zwischen der Tochter der Parks und ihres „Englischlehrers“ anbahnt. Noch bevor es zur unvermeidlichen Katastrophe kommt, fragt er sie, ob er jemals in ihre Welt passen könnte. Eine Antwort liefert der Film nicht – aber ein mögliches utopisches Szenario, in dem er als wohlhabender Mann in das Haus einzieht, wenn er denn endlich eine Ausbildung und einen gut bezahlten Job erhält.
Die Geschichte mutet auf den ersten Blick simpel an – arme Familie intrigiert sich erfolgreich in das Leben einer reichen – nimmt dann aber, wenn sie sich erst einmal eingenistet hat, an Fahrt auf. Spätestens wenn die buchstäbliche „Leiche im Keller“ der früheren Haushälterin auf der Bildfläche erscheint und das Spiel auffliegt, kommt der so arglos ins Rollen gebrachte Plot der Familie ins Wanken. Dass sie und ihr Mann genauso Opfer einer kapitalistischen Gesellschaft inklusive Schuldenfalle sind, fällt da kaum ins Gewicht.
Die zweite Hälfte wartet mit wendungsreichen Ereignissen auf, und steigert die Spannung. Unvorhergesehene Wendungen treiben die Handlung auf ihren unweigerlichen Höhepunkt zu. Nachdem der alljährliche Campingausflug der Familie Park wortwörtlich ins Wasser fällt, veranstalten die Parks tags darauf eine spontane Geburtstagsfeier für ihren Sohn, in dessen Verlauf die Tragödie ihren Lauf nimmt.

©Während die Kims in ihrer Kellerwohnung mit echten Parasiten zu kämpfen haben, und daher, ohne zu überlegen die Fenster offenhalten, wenn auf der Straße Schädlingsbekämpfer versprüht werden – was ihnen später, bei den sintflutartigen Regenfällen, zum Verhängnis wird – sind sie andererseits selbst Parasiten, die Einzug in einen noblen Haushalt halten, ohne je wirklich dazuzugehören.
Bong Joon-Ho gelingt mit seinem Film hier eine bissige Gesellschaftssatire, die nicht nur das Arm-Reich-Gefüge in Südkorea ins Visier nimmt, sondern auch ein verblüffendes Bild der gegenwärtigen Gesellschaft zeichnet, in dem die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden und diese beiden Klingen einer Schere aufeinander zuklappen lässt.
Wertung: vier von vier Sternen!
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