Oscar-Special 2024: Taktvoll inszenierte und hervorragend gespielte Hommage an einen der besten Komponisten und Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Nominiert für sieben Oscars.
Man muss nicht unbedingt Musikwissenschaft und Musiktheorie studiert haben, um zu verstehen, warum Leonard Bernstein allgemeingültig als musikalisches Genie bezeichnet wird, dessen Vielseitigkeit, Melodik und überlebensgroße Präsenz einen bleibenden Eindruck auch Jahrzehnte nach seinem Tod hinterlassen haben. Mehr noch als der öffentlichkeitswirksame Impresario fasziniert die geheimnisvolle Person hinter den Partituren zu Meisterwerken wie „West Side Story“, „On the Town“ oder „Candide“, genauer gesagt sein ambivalentes Liebesleben. „Maestro“ versucht diesem Mysterium auf den Grund zu gehen: Bradley Cooper rollt den Vorhang auf und stellt sich als „Lenny“ gleich selbst auf das Dirigentenpult. Gemeinsam mit Josh Singer arbeitete er auch die Dramaturgie des Films aus und konzentriert sich dabei auf Bernsteins komplizierte Beziehung zu seiner Frau Felicia.

Der Film setzt 1943 ein, als der junge Lenny unverhofft und unvorbereitet die New York Philharmoniker dirigieren soll, weil der eingeladene Bruno Walter kurzfristig erkrankt ist. Der Auftritt wird zu einem Triumph und legt den Grundstein für Bernsteins Karriere. Dass er zu jener Zeit mit Klarinettist David (Matt Bomer) liiert ist, hindert ihn nicht daran, sich einige Zeit später auf einer Party Hals über Kopf in die chilenische Schauspielerin Felicia Montealegre (Carey Mulligan) zu verlieben, und, nach langem Überlegen, zu heiraten, obwohl sie sich Lennys Bisexualität von Anfang an bewusst ist. Gemeinsam werden sie Eltern dreier Kinder und unterstützen sich gegenseitig in ihren professionellen Unterfangen. Dass Leonard trotz der nach außen hin harmonisch wirkenden Ehe immer noch Affären mit anderen Männern unterhält, wird für die Beiden zu einer emotionalen Zerreißprobe, und auch ihre Kinder leiden mit fortschreitendem Alter an der ständigen Ungewissheit sowie dem zunehmenden Alkohol- und Drogenkonsum Leonards. Dennoch bleiben die Bernsteins, wenn auch zeitweise getrennt lebend, ein verheiratetes Paar – bis zum tragischen Ende.
In einem Jahr, das von filmischen Highlights nur so überflutet wurde, reiht sich „Maestro“ als eines der stilsichersten ein. Über weite Teile des Films fühlte ich mich, als würde ich in eine längst vergessen geglaubte Ära des Hollywood-Kinos zurückversetzt. Tatsächlich mutet Coopers Film wie ein Rückschritt in die filmische Praxis Mitte des vergangenen Jahrhunderts an, und das ist überhaupt kein Kritikpunkt. Im Gegenteil sogar: Matthew Libatiques Kameraarbeit ist besonders zu Beginn, als Bernstein zu den Klängen seiner einzigen Filmmusik – Elia Kazans Klassiker „On the Waterfront“ (1954) – Richtung Philharmoniker aufbricht, bestechend. Die dramatische Wucht des Films entlädt sich in langen, ununterbrochenen Einstellungen, die den Figuren die Zeit und den begrenzten Raum zur Entfaltung und emotionalen Entladung geben. Der Einsatz von Bernsteins Musik untermalt diese intensiven und melodramatischen Szenen mit viel Elegie.

Die Handlung des Films gestaltet sich konventionell und ändert wenig an der Formel typischer Hollywood-Biopics, dafür wartet „Maestro“ mit geschliffenen, oftmals poetischen, oftmals lyrischen Dialogen auf. Das kommt seinen Darstellerinnen und Darstellern mehr als zugute. Bradley Cooper in seiner vielleicht besten Rolle verschmilzt nahezu mit seiner überlebensgroßen Figur. Man müsste nur seine Dirigierszenen Seite an Seite mit dem Original stellen, um Anerkennung für seine jahrelange Vorbereitung und Hingabe an seine Performance zollen zu können. Ja, er trägt für seine Rolle eine prosthetische Nase, aber die Arbeit, die die Make-Up-Künstler und Hairstylisten in diesem Film geleistet haben, ist überdurchschnittlich, und sollte mit dem Oscar gewürdigt werden – Kontroversen hin oder her (im vergangenen Jahr wurden neben Brendan Fraser auch die Make-Up-Künstler und Hairstylisten für „The Whale“ ausgezeichnet, trotz Kritik am Fat-Suit). Mehr noch als Cooper gibt auch Carey Mulligan als Bernsteins Frau eine schauspielerische Glanzleistung ab, die ihre Verletzlichkeit und ihre schwindende Gewogenheit zu Leonard perfekt auszudrücken vermag und besonders gegen Ende Felicias gesundheitlichen Niedergang eindrücklich verkörpert. Beiden gelingt es, ihren historischen Vorbildern mehr als nur gerecht zu werden und ihre komplizierte Beziehung würdevoll und niemals effekthascherisch darzustellen.
Coopers eindringliche Inszenierung und die großartigen Darbietungen der beiden Hauptdarsteller machen „Maestro“ zu einem verdienten Award-Kandidaten, der zwar hinter seinen Konkurrenten verweilt, aber, unabhängig davon betrachtet, eine der besten künstlerischen Leistungen des vergangenen Kinojahres ist. Damit beweist Cooper nach „A Star is Born“ (2018) auch mit seiner zweiten Regiearbeit ein vielversprechendes inszenatorisches Talent neben seinen Fähigkeiten als Charakterdarsteller, auch wenn er erneut von seiner Szenenpartnerin fast an die Wand gespielt wird. Nichtsdestotrotz werden Cooper und Mulligan für ihre Performances noch lange in Erinnerung bleiben.
Wertung: drei von vier Sternen!
Trailer: