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Kammerspielartig lässt Darren Aronofsky Brendan Fraser in einem kleinen Appartement um sein Leben, seine Familie und sein Vermächtnis kämpfen

Mit dem Namen Brendan Fraser assoziieren Kinogänger – besonders Millennials – seine Rollen in seichten Komödien wie „Airheads“ (1994), der Tarzan-Persiflage „George of the Jungle“ (1997) und „Bedazzled“ (2000) oder aber actiongeladene Blockbuster wie „Journey to the Center of the Earth“ (2008) und natürlich die „Mummy“-Trilogie (1999 – 2008), in welcher er als charmant-gutaussehender Abenteurer Rick O’Connell untote Relikte aus der Antike bekämpfte. Dass der stattliche Schauspieler aber auch im ernsten Fach ganz gut aufspielen kann, wissen bislang vermutlich nur wenige. Insbesondere in „Gods and Monsters“ (1998), einer Filmbiografie des legendären Horrorregisseurs James Whale (!) neben Ian McKellen und der Graham Greene-Verfilmung „The Quiet American“ (USA 2002) an der Seite von Michael Caine bewies Fraser, dass er sich vor solchen Schauspiellegenden keinesfalls verstecken muss. Hier nun, in Darren Aronofskys herzzerreißendem, melancholischem und emotionalem Drama „The Whale“, ist er es, der im Mittelpunkt steht und nach vielen Jahren der professionellen und vor allem persönlichen Rückschläge ein triumphales Comeback feiert.

Fraser spielt Charlie, einen stark übergewichtigen Mann, der Nachhilfestunden in Englisch via Chatroom gibt. Sein Fenster, zentral in der Mitte des Bildschirms, bleibt stets schwarz, weil er seinen Anblick – den eines 272 Kilogramm schweren, ausgemergelten und zunehmend kraftlosen Übermenschen – seinen Schülern lieber nicht zumutet. Seine einzige Stütze ist Krankenschwester Liz (eine hervorragende Hong Chau), die Charlie zu Beginn des Films eine Herzinsuffizienz diagnostiziert, die ihn binnen einer Woche, sofern er nicht endlich medizinische Hilfe im Krankenhaus in Anspruch nimmt, tötet. Seit dem Tod seines Lebensgefährten, ein ehemaliger Schüler, für den er einst seine Frau (Samantha Morton) und die mittlerweile zum Teenie herangereifte Tochter Ellie (Sadie Sink) verließ, stopft der gutmütige, hoffnungslos optimistische Mann Unmengen an ungesundes Essen in sich hinein, was ihm seine außergewöhnliche Statur einbrachte. Nun, nach Jahren der Entfremdung, will sich Charlie mit seiner Tochter, die verständlicherweise nach wie vor stinksauer auf ihn ist, versöhnen. Nicht einmal seine Hilfe bei ihren schulischen Aufgaben und auch nicht eine beträchtliche Geldsumme, die er für sie hinterlegt hat, können Ellie besänftigen. Die Begegnung mit Thomas, einem Missionar, der regelmäßig bei Charlie vorbeischaut und ihn religiös belehren möchte, hinterlässt bei allen Beteiligten – Charlie, Liz und Ellie – Eindruck. Aber kann die lange aufgeschobene Familienzusammenführung, die alte Wunden wieder aufreißt, Charlie wirklich die Erlösung bringen, nach der er sich sehnt?

*** Local Caption *** The Whale, Darren Aronofsky, USA 2022, V’22 Features. © 2022 Viennale. Alle Rechte vorbehalten.

Samuel D. Hunter adaptierte sein Theaterstück, welches 2012 Off-Broadway Premiere feierte, selbst für die Leinwand. Die Handlung spielt zur Gänze in Charlies kleiner Wohnung, und die reduzierte Aspect Ratio von 1,33:1 trägt zusätzlich zu einem eingeengten und nahezu klaustrophobischen Sehgefühl bei. Nach seinen polarisierenden und kontrovers diskutierten religiösen Filmen „Noah“ (2014) und „mother!“ (2017) nimmt sich Regisseur Aronofsky hier angenehm zurück und inszeniert ein Drama um Sühne, Vergebung, (Selbst-)Hass und religiöser Offenbarung – ganz ohne religiöse Symbolik, ob implizit oder explizit, kommt anscheinend kein Film Aronofskys aus. Dazu versammelt er ein starkes, handverlesenes Ensemble, das die fünf Hauptfiguren mit starker Leinwandpräsenz ausfüllen. Ty Simpkins gibt den anfangs überzeugten Bibelprediger, der zwar oberflächlich betrachtet etwas deplatziert wirkt und dem Familiengefüge wenig Dramatik hinzufügen kann, und überdies an manchen Stellen überfordert zu sein scheint, aber dennoch glaubwürdige Tiefe besitzt. Samantha Mortons kurzer Auftritt als verbitterte Exfrau verdankt der Film eine seiner intensivsten und emotionalsten Szenen. Sink erfüllt das Klischee der rebellischen, desinteressierten und hasserfüllten Teenagergöre, ohne ihrem Charakter allzu viel mehr beizugeben, ihr Zusammenspiel mit Fraser ist aber wirklich bestechend. Chau beweist in ihrer Rolle, dass sie eine außerordentlich talentierte Charakterdarstellerin ist, die sowohl intensiv-gefühlsbetont als auch beschwingt-humorvoll ihre Töne trifft.

Aber das hier ist – und das ohne auch nur einen Funken Zweifel – Brendan Frasers Sternstunde. Man mag über die Tatsache, dass er für seine Rolle in einen Fat-Suit mit zusätzlichen Prothesen gesteckt werden musste, lang und breit diskutieren, aber das schmälert seine schauspielerische Glanzleistung in keiner Weise. Denn statt über körperliche Attribute, ist es über die Emotionen in seinen markanten und ausdrucksstarken Augen, mit denen er seine Verzweiflung, Resignation und zunehmende Angst – nicht über den unvermeidlichen bevorstehenden Tod, sondern darüber, als Vater vollends versagt zu haben – abbildet. Irgendwo zwischen Nicolas Cage als suizidaler Trinker in Mike Figgis‘ „Leaving Las Vegas“ (1995) und Mickey Rourke als ähnlich von der Welt entfremdeter, herzkranker, titelgebender „The Wrestler“ (2008, ebenfalls von Aronofsky) tänzelt Frasers Figur langsam, aber sicher ihrem Abgrund zu, aber man kommt dennoch nicht umhin, angewidert aber doch fasziniert, dem Trauerspiel mit stockendem Atem beizuwohnen. Die stehenden Ovationen, die der bärenstark aufspielende Fraser dafür bei jeder Galavorstellung erhält (und ihn sichtlich berühren) und die großen Award-Chancen, die ihm für seine Leistung zugerechnet werden, bezeugen dies mehr als berechtigt.

Stark gespielt, hochemotional und überraschend sensibel, ist „The Whale“ Aronofskys bester Film seit „Black Swan“ (2010).

Fazit: vier von vier Sternen!

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