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Ein packender, erschütternder und zutiefst emotionaler Justizthriller voll zeitloser Relevanz, der wichtige Fragen aufwirft

Viel wird dieser Tage über Justine Triets erfolgreichen Thriller „Anatomie d’un chute (Anatomie eines Falls)“ berichtet, der soeben für fünf Oscars nominiert wurde: Bester Film, Beste Regie (Triet), Beste Schauspielerin (Sandra Hüller), Bestes Originaldrehbuch (Triet und Arthur Harari) und Bester Filmschnitt. Eine Familientragödie, in der besonders die Perspektive des stark sehbehinderten Sohns eine tragende Rolle spielt, die die Mutter-Sohn-Beziehung auf eine harte Probe stellt. Ansonsten eine routiniert erzählte, überraschungsarme Angelegenheit, die zumindest aber in seinem Ursprungsland Frankreich noch lange diskutiert wird – wenn auch aus gänzlich anderen Gründen, die hier nichts zur Sache beitragen. In meiner Kritik hierzu stellte ich auch Vergleiche zu anderen, weitaus besseren Gerichtsfilmen, her. So z.B. Sidney Lumets Klassiker „The Verdict“ (1982) nach Drehbuch von David Mamet mit einem brillanten Paul Newman als alkoholkranker Pflichtverteidiger, der die Familie einer schlecht behandelten Patientin eines katholischen Krankenhauses vertritt und sein Gewissen und sein Verantwortungsbewusstsein wiederentdeckt. Nun möchte ich aber zu meiner heutigen Filmempfehlung kommen.

© 2019 Constantin Film, Edith Held. Alle Rechte vorbehalten.

Ein Justizdrama aus Deutschland? Mit Elyas M’Barek in der Hauptrolle? Das soll ein Meisterwerk sein? Ja, richtig gelesen. „Der Fall Collini“ ist in der Tat ein meisterhaft inszenierter Thriller um einen folgenschweren Justizirrtum, der – und das ist das wahrlich erschreckendste – von wahren Begebenheiten inspiriert ist, wenn auch für den Roman und den auf ihm basierenden Film fiktional aufbereitet. Jurist, Dramatiker und Autor Ferdinand von Schirach hat sich im deutschsprachigen Raum schon lange einen Namen als ausgesprochen begabter Urheber von packenden Romanen und aufreibenden Theater- und Fernsehexperimenten gemacht. In „Terror – Ihr Urteil“ (2016) etwa lässt er das Publikum über Schuld oder Unschuld eines Luftwaffen-Piloten entscheiden, der ein von Terroristen gekapertes Linienflugzeug voll mit unschuldigen Zivilisten abschießt. Die Resonanz zu „Der Fall Collini“, erstmals 2011 publiziert, führte sogar zu weitreichenden juristischen Bestrebungen des deutschen Bundesjustizministeriums, vergangene Justizirrtümer aufzuarbeiten. 2019 verfilmte Marco Kreuzpaintner diesen Roman fürs Kino.

2001: Der junge Rechtsanwalt Caspar Leinen (Elyas M’Barek), gerade einmal drei Monate berufstätig, erhält seine erste Pflichtverteidigung: Der Italiener Fabrizio Collini (Franco Nero) erschießt kaltblütig in der Präsidentensuite eines Berliner Hotels den Unternehmer Jean-Baptiste Meyer (Manfred Zapatka). Als Leinen erfährt, dass es sich bei Meyer um den Hans Meyer handelt, der ihn in seiner Jugend wie einen eigenen Enkelsohn behandelt hatte und mit dessen Enkelin Johanna (Alexandra Maria Lara) ihn nach wie vor eine enge Bande verbindet, will er sein Mandat jedoch wieder abgeben, wird aber von seinem ehemaligen Strafrechtsdozenten Richard Mattinger (Heiner Lauterbach), der Johanna als Nebenkläger vertritt, dazu überredet, weiterzumachen. Collini schweigt eisern, sagt, er will seinem Anwalt keine Probleme machen, und so läuft alles auf eine Mordanklage mit lebenslanger Haft hinaus. Doch schon bald erkennt Leinen Zusammenhänge zwischen Meyer und Collini, die die erschütternden wahren Hintergründe von Collinis Motiv offenlegen und drohen, einen jahrzehntelangen Justizskandal aufzudecken.

Ich hüte mich bewusst davor, allzu viele Details der Handlung preiszugeben, denn diesen „Fall“ muss man gesehen haben, um einen nachhaltigen Eindruck von der Geschichte, seinen Implikationen und seinem Ausmaß zu gewinnen. Dramaturgisch ist „Der Fall Collini“ jedenfalls genial konstruiert, denn er erzeugt Spannung ab der ersten Minute und deckt die Hintergründe erst nach und nach und selten übermäßig explizit auf. So fühlen sich die knapp zwei Stunden Laufzeit überraschend kurzweilig an.

© 2019 Constantin Film, Edith Held. Alle Rechte vorbehalten.

Publikumsliebling Elyas M’Barek als Leinen zu besetzen, erweist sich als Glücksgriff, denn der hauptsächlich für komödiantische Rollen bekannte Schauspieler legt eine erstaunliche Reife an den Tag und macht an der Seite seiner gestandenen Kollegen eine gute Figur, was, gemessen an der Starpower, kein leichtes Unterfangen ist. Alexandra Maria Lara gibt ihrer Figur, die etwas mehr Tiefe und Präsenz verdient hätte, Emotion. Heiner Lauterbach füllt seinen Charakter mit Charisma und Ambivalenz aus, was besonders gegen Ende hervorsticht. Das große Highlight des Films ist aber der Auftritt der italienischen Schauspiellegende Franco Nero, der 1966 in Sergio Corbuccis Western-Klassiker „Django“ als wortkarger Revolverheld mit Sarg im Schlepptau Filmgeschichte schrieb. Nero ist auch hier kein Freund vieler Worte, aber die braucht er nicht. Seine eindringliche Präsenz, seine Zerrissenheit zwischen Rache, Schuld, Sühne und intensiver Vergangenheitsbewältigung und die erst mit der Zeit nachlassende stoische Ruhe, die ihn umgibt, fügen dem Fall seine erschütternde tragische Dimension hinzu.

Der Fall Collini“ ist ein wichtiger, aufwühlender, glänzend gespielter Justizfilm, der die Frage, ob es denn wirklich Gerechtigkeit für alle geben kann, von neuem befeuert und dabei ein düsteres Kapitel deutscher Vergangenheitsbewältigung aufschlägt. Ein Film nicht nur für Jurastudenten und Rechtsgelehrte. Wer gute Gerichtsthriller mag, wird von diesem hier keinesfalls enttäuscht.

Trailer:

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