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Die Verdammten des Krieges: Oscar Isaac brilliert als verschrobener, aber intensiver Antiheld in einem von Paul Schrader routiniert umgesetzten Rachethriller

Kriegsveteranen, denen der Wiedereinstieg in die Gesellschaft schwerfällt. Einzelgänger, die zwischen Schuld und Sühne zerrieben werden. Anti-Helden, die man ebenso bewundert wie verachtet. Wem dieser Rollentypus bekannt vorkommt, der hat sicher schon einmal einen Film gesehen, an dem Paul Schrader beteiligt gewesen ist – als Autor und später auch als Regisseur. Vor mittlerweile 48 Jahren schenkte Schrader dem Publikum einen der ikonischsten Antihelden der Filmgeschichte mit Travis Bickle, dem von Robert de Niro grandios verkörperten, titelgebenden „Taxi Driver“, einem Vietnamkriegsveteranen, der sich in Martin Scorseses Psychothriller einem persönlichen Feldzug verschreibt, die Stadt von allem Gesindel zu „säubern“, und dann eine minderjährige Prostituierte (Jodie Foster) von ihrem schmierigen Zuhälter (Harvey Keitel) befreit.

© 2021 HanWay Films, PolyFilm, Viennale. Alle Rechte vorbehalten.

William Tell (Oscar Isaac), Protagonist von Schraders Film „The Card Counter“, unter anderem produziert von Scorsese, kann getrost als modernes Update von Schraders archetypischen Protagonisten angesehen werden. Für Gräueltaten während des Irakkrieges achteinhalb Jahre im Gefängnis, bestreitet Tell seinen Lebensunterhalt damit, in Casinos durch Kartenzählen beim Pokern zu gewinnen. Dabei hält er stets den Ball flach, geht kein unnötiges Risiko ein und hinterlässt auch sonst keine Spuren – er verhüllt seine billigen Motelzimmer immer gänzlich mit weißen Decken. Eines Tages, während eines Vortrages seines einstigen zivilen Army-Vorgesetzten in Abu Ghraib, John Gordo (Willem Dafoe), trifft er auf den jungen Cirk (Tye Sheridan), der Tell für eine brutale Rachemission an Gordo gewinnen will, weil Cirks Vater die Schuldgefühle für die begangenen Kriegsverbrechen nicht verwinden konnte und sich das Leben genommen hat. Tell beschließt daraufhin, mithilfe der Investorin La Linda (Tiffany Haddish) bei hochdotierten Pokerturnieren anzutreten und mit dem Preisgeld Cirks Schulden abzubezahlen sowie ihn dazu zu bringen, zu seiner Mutter zurückzukehren und das College fortzusetzen, bevor Tell sich endgültig zur Ruhe setzt. Doch sind die Schatten der Vergangenheit so einfach hinter sich zu lassen?

Wie von einem filmischen Auteur wie Paul Schrader nicht anders zu erwarten, ändert er auch hier wenig an seinen altbekannten Zutaten. Schwermütige, zynische und unnahbare Figuren, die einen Ausweg aus ihren gescheiterten Existenzen suchen, nur um dann doch wieder in eine neue Katastrophe zu schlittern. Die Auswirkungen, die traumatische Erlebnisse, insbesondere in Zeiten des Krieges, auf seine Figuren haben. Atmosphärisch dicht inszeniert Schrader seine Geschichte über Vergeltung, Schuld und Sühne und kann sich dabei auf seine stark aufspielende Schauspieler verlassen. Oscar Isaac beweist mit seiner ruhigen, mitunter äußerst intensiven Performance das Zeug zum Charakterdarsteller, dessen Figur sich nahtlos in die Galerie von Schraders anderen Protagonisten einfügt. Jungschauspieler Tye Sheridan überzeugt als tragischer, rachsüchtiger Junge, der die Scherben seiner zerrütteten Familie aufsammelt und seine Wut darüber am wahren Schuldigen auslassen will. Am überraschendsten ist sicherlich Tiffany Haddish, die sonst für ihre Rollen in leichten Komödien bekannt ist und hier eine etwas andere Performance abliefert, ohne dabei ihren Charme einzubüßen. Diese drei unterschiedlichen Figuren finden im Laufe des Films zu einer Art Ersatzfamilie zueinander, was den großen Twist am Ende von Akt II umso tragischer macht.

© 2021 HanWay Films, PolyFilm, Viennale. Alle Rechte vorbehalten.

In zumeist einfachen, kühlen Bildern erzählt und mit einem famosen Soundtrack von „Black Rebel Motorcycle Club“-Bassist Robert Levon Been unterlegt, ist es zwar kein einfacher Film, aber einer, der eine eindrucksvolle Resonanz hervorrufen kann.

Filmfans, die gerne auch mal abgründigere Unterhaltung schätzen und sich von den von Schrader so perfektionierten Charakteren angesprochen und angezogen fühlen, denen sei nicht nur „The Card Counter“ sehr empfohlen, denn dieser Film ist das Mittelstück einer inoffiziellen Trilogie, die 2017 mit dem ebenso brillanten, erschütternden und aufrüttelnden Drama „First Reformed“ – mit Ethan Hawke in seiner womöglich besten Rolle als ein vom Glauben abdriftender Pastor sowie einer hochschwangeren Amanda Seyfried – ihren Anfang nahm und 2022 mit „Master Gardener“ – inhaltlich nahezu identisch mit „The Card Counter“, kämpft hier Joel Edgerton doch mit seiner Vergangenheit als Rechtsextremist – überzeugend zu Ende geführt wurde.

Trailer:

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