Skip to main content

Lukas Dhont wirft einen ungeschönten und melancholischen Blick auf eine Freundschaft zweier Kinder, die mit Einsetzen der Pubertät jäh endet

Die heurige Viennale hat gleich zwei Filme über den jähen Zusammenbruch einer innigen Freundschaft im Programm: während Martin McDonagh in „The Banshees of Inisherin“ zwei erwachsene, trinkfeste Iren auseinanderbringt und – mal urkomisch, mal schockierend – die Konsequenzen heraufbeschwört, wählt der junge belgische Regisseur Lukas Dhont einen ungleich ernsteren, melancholischen Zugang zu dieser Prämisse, und schildert die Entfremdung zweier Jungen, am Beginn ihrer Pubertät.

Rémi (Gustav De Waele, l.) und Léo (Eden Dambrine, r.) *** Local Caption *** Close, Lukas Dhont, Belgien/Frankreich/Niederlande 2022, V’22 Features.
© 2022 Viennale. Alle Rechte vorbehalten.

Remi und Léo, zwei dreizehnjährige Burschen, sind unzertrennliche beste Freunde, die nahezu jede Minute miteinander verbringen. Auch im neuen Schuljahr, in der gleichen Klasse sitzend, ist die Nähe der Beiden mehr als auffällig – so auffällig, dass eine ihrer Mitschülerinnen den verlegenen Léo fragt, ob sie denn „zusammen seien“. Ein großer Schock, der in dem Jungen eine pubertäre Identitätskrise auslöst. Fortan entfremdet er sich immer mehr von Remi, der wiederum den plötzlichen Sinneswandel seines Freundes nicht nachvollziehen und akzeptieren kann. Léo schließt sich dem schulischen Eishockeyteam an und hält Remi auf Distanz. Diese zunehmende Zurückweisung mündet schließlich in einer Katastrophe, die die Familien der Beiden vor eine emotionale Zerreißprobe stellt.

Gefühlvoll und ohne allzu viel Melodramatik erzählt Dhont eine tragische Geschichte, die laut seiner Aussage von wahren Begebenheiten inspiriert ist. Es ist eine Tragödie mit viel Wiedererkennungspotenzial, zeigt sie doch die Auswirkungen gesellschaftlicher Stereotypen, und wie sie schon früh in der menschlichen Entwicklung Früchte tragen – auch Früchte der Entfremdung und der Selbstakzeptanz. Aus der Sicht Léos erzählt, gelingt es Dhont, ein glaubwürdiges und zutiefst menschliches Portrait eines Heranwachsenden zu schaffen, der die Tragweite seiner eigenen Entscheidungen und die Auswirkungen, die sie auf seine unmittelbare Umgebung nehmen, noch nicht gänzlich begreifen kann und lernen muss, damit umzugehen und Verantwortung zu übernehmen. Dabei kann sich der belgische Regisseur ganz auf seinen Hauptdarsteller verlassen: der junge Eden Dambrine vermag mit seiner Mimik, ohne viel Worte zu verlieren, die Gefühle Léos glaubwürdig und tiefsinnig zu repräsentieren, und ihm gelingt dabei das Bravourstück, den Film fast im Alleingang zu schultern. Das soll nicht heißen, dass der Rest der Besetzung nicht auch zum Gelingen des Dramas beiträgt, wobei insbesondere Gustav de Waele als tragische Figur Remi eine tolle Darbietung leistet.

Léo (Eden Dambrine) *** Local Caption *** Close, Lukas Dhont, Belgien/Frankreich/Niederlande 2022, V’22 Features. © 2022 Viennale. Alle Rechte vorbehalten.

Bei den Filmfestspielen in Cannes im Mai 2022 durfte sich Lukas Dhont – gemeinsam mit Claire Denis für „Stars at Noon“ – den Grand Prix, die zweitwichtigste Auszeichnung des Festivals, abholen. Anders als Denis‘ etwas verquastes, langweiliges Politdrama mit inkludierter Romanze, ist die Prämierung Dhonts in jedem Fall gerechtfertigt, ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass „Close“ sich sogar die „Palme d’Or“ redlich verdient hätte, die letztlich an den Schweden Ruben Östlund für seine Sozialsatire „Triangle of Sadness“ ging. Ungeachtet dessen ist „Close“ ein stark gespieltes, emotional aufwühlendes und einprägsames Portrait einer zerbrochenen Kinderfreundschaft geworden, an die man sich vielleicht noch eine Weile erinnern wird können.

Wertung: vier von vier Sternen!

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Manuel Stephan

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen