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Die 79. Internationalen Filmfestspiele von Cannes sind seit Samstag, 23. Mai 2026 Geschichte. Wer durfte sich über eine Auszeichnung freuen? Wer ging leer aus? Was gibt es sonst noch aus Südfrankreich zu berichten?

Die multitalentierte Hollywoodlegende Barbra Streisand, die sich einst 1968 den Oscar als Beste Hauptdarstellerin im Musical „Funny Girl“ mit der unvergleichlichen Katharine Hepburn für „The Lion in Winter“ teilen durfte und damit eine Weltkarriere als Schauspielerin, Sängerin, Regisseurin und Produzentin startete, erhielt im Rahmen der Abschlussgala eine „Goldene Palme“ fürs Lebenswerk – wie zuvor bereits Peter Jackson zur Eröffnung und John Travolta bei der Premiere seines Regiedebüts „Propeller One-Way Night Coach“. Anders als ihre beiden Kollegen war die 84-jährige aber wegen einer Knieverletzung nicht persönlich nach Cannes gereist, sondern bedankte sich in einer Videobotschaft.

Auch wenn in diesem Jahr nahezu keine großen Hollywood-Produktionen namhafter Studios auf dem dicht getakteten Programm standen, so war es doch wieder ein reger Starauflauf auf dem roten Teppich vor dem „Grand Thèâtre Lumière“. Insgesamt standen heuer 22 Filme im Aufgebot des Hauptwettbewerbs, die allesamt von der internationalen Jury rund um Präsident Park Chan-wook und seine Kollegen, darunter die Schauspielveteranen Demi Moore und Stellan Skarsgård, begutachtet wurden. Der Kritikerspiegel von „Screen Daily“, hier einsehbar, hat im Vorfeld ein spannendes Palmenrennen vorhergesagt, und die Entscheidungen, die natürlich auf die persönlichen Geschmäcker der Jury zurückgehen, sind durchaus im erwartbaren Rahmen ausgefallen.

© 2026 Neon, Goodfellas. Alle Rechte vorbehalten.

Mit dem Hauptpreis – der „Palme d’Or“ für den besten Wettbewerbsbeitrag 2026 – wurde der rumänische Regisseur und Drehbuchautor Cristian Mungiu ausgezeichnet. Sein Familiendrama „Fjord“ mit Sebastian Stan und Renate Reinsve in den Hauptrollen handelt von einer rumänisch-norwegischen Familie, die an ein Fjord in die nordische Heimat der Frau zieht und sich mit den Nachbarn anfreundet bis der Verdacht aufkommt, dass die Neuankömmlinge ihre Kinder misshandeln. Es ist dies für Mungiu die erste in englischer Sprache gedrehte Produktion, und damit triumphiert er zum zweiten Mal beim glamourösesten Festival der Welt, 19 Jahre nach „4 luni, 3 săptămâni și 2 zile (4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage)“, womit der 58-jährige der insgesamt zehnte Filmemacher ist, der eine zweite „Palme d’Or“ sein Eigen nennen darf. Für den Verleih „Neon“ ist es ebenfalls ein besonderer Sieg, denn es ist inzwischen der siebte Gewinnerfilm in Folge (!) im Verleih des amerikanischen Independent-Outfits, das sich die Vertriebsrechte an „Fjord“ bereits vor dem Festival gesichert hatte.

© 2026 MUBI, MK Productions. Alle Rechte vorbehalten.

Mit der zweitwichtigsten Auszeichnung des Wettbewerbs, dem „Großen Preis der Jury“, wurde der russische Filmemacher Andrey Zvyagintsev prämiert. „Minotaur“ ist ein Remake des französischen Films „La femme infidèle (Die untreue Frau)“ (1969) von Claude Chabrol. Zvyagintsev verlegt die Handlung seiner Version vor den Hintergrund der russischen Invasion auf die Ukraine ins Jahr 2022. In einer russischen Provinz erfährt ein Unternehmer, der gerade dabei ist, seine Mitarbeiter zu kündigen, von der Untreue seiner Ehefrau. Der von Kritikern einhellig gelobte Polit-Thriller wird im deutschsprachigen Raum von „MUBI“ vertrieben.

© 2026 Komplizen Film, Panama Film. Alle Rechte vorbehalten.

Der Jurypreis geht in diesem Jahr an die Deutsche Valeska Grisebach. Die in Wien ausgebildete Filmemacherin trat mit „Das geträumte Abenteuer“ an und konnte – ähnlich wie Mascha Schilinski mit „In die Sonne schauen“ im vergangenen Jahr – Kritiker und Jury überzeugen. Ihr 167-minütiger Film in bulgarischer Sprache handelt von einer Frau an der bulgarisch-türkisch-griechischen Grenze, die einer alten Bekanntschaft bei einem illegalen Unterfangen unter die Arme greift. Zu den Produzenten des Films zählt unter anderem Maren Ade, die vor zehn Jahren mit „Toni Erdmann“ in Cannes für Furore gesorgt hatte.

© 2026 MUBI, Kino Świat. Alle Rechte vorbehalten.

Der große Favorit der Kritiker, wenn es nach dem Spiegel von „Screen Daily“ geht, „Vaterland“ von Paweł Pawlikowski, erhielt einen der beiden Regiepreise. In ökonomischen 82 Minuten schickt er darin den deutschen Schriftsteller Thomas Mann (Hanns Zischler) und seine Tochter Erika (Sandra Hüller in einer weiteren starken Performance) auf eine Reise durch das vom Kalten Krieg gezeichnete Deutschland. Pawlikowski teilt sich die Ehre mit dem spanischen Regieduo Javier Ambrossi und Javier Calvo, die für ihr umjubeltes LGBTQ-Triptychon „La Bola Negra (The Black Ball)“, das in drei Zeitebenen zwischen 1932, 1937 und 2017 erzählt wird, ebenfalls für ihre Inszenierung ausgezeichnet wurden. In Nebenrollen spielen Penélope Cruz und Glenn Close mit.

© 2026 Diaphana Distribution, Bitters End. Alle Rechte vorbehalten.

Fürs beste Drehbuch ging eine Palme an den Franzosen Emmanuel Marre, der mit seinem Film „Notre Salut (A Man of His Time)“ seinem Urgroßvater Henri Marre ein filmisches Denkmal setzt, indem er erzählt, wie der Schriftsteller 1940 sein Manuskript „Notre Salut“ in Opposition zum Vichy-Regime in Frankreich veröffentlichen will. Bei den beiden Darstellerpreisen gab es, wie beim Regiepreis, Doppelsiege, jeweils für den gleichen Film. Bei den Frauen waren dies die Belgierin Virginie Efira und die Japanerin Tao Okamoto, die in Ryusuke Hamaguchis über dreistündigem Drama „Soudain (All of a Sudden)“ zwei Frauen in einem Pariser Pflegeheim spielen, die vom Schicksal zusammengeschweißt werden, als sie sich für eine neue Pflegemethode einsetzen und sich gegen Widerstände durchsetzen müssen. Und die beiden besten männlichen Darsteller sind die beiden Protagonisten in Lukas Dhonts Kriegsdrama „Coward“, Emmanuel Macchia und Valentin Campagne, die als Soldaten 1916 an der belgischen Front beschließen, für ihre Kameraden eine Theaterrevue auf die Beine zu stellen.

© 2026 Panama Film, The Barricades. Alle Rechte vorbehalten.

In der Nebenschiene „Un Certain Regard“ ging unterdessen der Hauptpreis an ein österreichisches Drama: Sandra Wollners „Everytime“. Birgit Minichmayr unternimmt darin eine Reise mit ihrer Tochter und einem Teenagerjungen nach Teneriffa, nachdem sie den Verlust ihres anderen Kindes betrauern muss. Nichts wurde es mit einer Auszeichnung ihrer Landsfrau Marie Kreutzer, die mit ihrem Film „Gentle Monster“ im Wettbewerb vertreten war. Mit Léa Seydoux, Jella Haase, Laurence Rupp und Altstar Catherine Deneuve prominent besetzt, dürfte die schwierige Thematik über den Besitz von Kinderpornografie doch zu brisant gewesen sein, zumal die thematische Nähe zu Florian Teichtmeister, der mit Kreutzer an ihrem Historiendrama „Corsage“ (2023) gearbeitet hatte, erschwerend hinzu kommt. Nichtsdestotrotz steht der Film Medienberichten zufolge kurz vor einem Deal mit Netflix.

© 2026 Neon. Alle Rechte vorbehalten.

Ebenfalls leer ausgegangen sind die beiden amerikanischen Wettbewerbsfilme 2026: Ira Sachs‘ Musical-Drama „The Man I Love“, das während der HIV-Epidemie der späten 1980er Jahre spielt, wird besonders für Rami Maleks zentrale Rolle als todkranker Schauspieler gefeiert, der sich auf seine letzte Rolle vorbereitet. James Gray kehrte zum sechsten Mal in den Wettbewerb zurück, um seinen unkonventionellen Crime-Thriller „Paper Tiger“ zu präsentieren, in denen Adam Driver und Miles Teller als Brüderpaar gemeinsam mit Scarlett Johansson an die Russenmafia geraten, was ihre Loyalität zueinander auf eine harte Probe stellt. Andere renommierte Filmemacher, die noch im Wettbewerb angetreten waren, sind die internationalen Auteurs Pedro Almodóvar („Amarga Navidad“), László Nemes („Moulin“), Asghar Farhadi („Histoires Parallèles“) und der ehemalige „Palme d’Or“-Gewinner Hirokazu Kore-eda („Sheep in the Box“).

Damit war es das auch schon wieder aus dem frühsommerlichen Cannes. Während die Zelte abgebaut und roten Teppiche wieder eingerollt werden, darf unter Brancheninsidern fleißig analysiert und reflektiert werden. Das nächste große Festivalhighlight steht dann ab 2. September an, wenn sich die internationale Filmprominenz in Venedig versammelt, um traditionell die nächste Award-Saison einzuläuten. Es lohnt sich aber auf jeden Fall, auch die Gewinnerfilme aus Cannes weiterzuverfolgen, und sich den einen oder anderen auch selbst im Kino anzuschauen. Ich werde es definitiv tun, also behaltet meine Seite im Auge. Merci beaucoup et au revoir!

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