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Zum 79. Mal versammelt sich die internationale Filmbranche an einem südfranzösischen Küstenort, um neue Filme renommierter Regisseure vorzustellen und auszuzeichnen. Auf wen darf man sich dieses Jahr freuen?

© 2006 Warner Bros. Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Das Festival steht auch in diesem Jahr wieder unter der Schirmherrschaft der deutschen Festivalpräsidentin Iris Knobloch und des Leiters der künstlerischen Delegation, Thierry Frémaux. Er hatte die wirklich nicht zu beneidende Aufgabe, knapp 3.000 – in Worten, dreitausend – Werke aus allen Ecken der Welt zu begutachten und daraus eine Auswahl für die verschiedenen Wettbewerbsschienen zu kuratieren. Letztendlich stehen bei der 79. Ausgabe, die am 12. Mai beginnen und am 23. Mai enden wird, 22 Filme im Hauptwettbewerb. Mit allzu großer Hollywood-Prominenz ist in diesem Jahr allerdings nicht zu rechnen, auch eine große Blockbuster-Premiere, wie es sie etwa in den vergangenen Jahren mit Tom Cruises letztem „Mission: Impossible“-Abenteuer 2025, „Indiana Jones“ 2023 oder der „Top Gun“-Rückkehr 2022 gab, sucht man heuer vergeblich. Dafür wird es ein Special Screening zum 25. Jubiläum von „The Fast and the Furious“ mit Vin Diesel und seinen Ko-Stars geben. Und 20 Jahre, nachdem Guillermo del Toro mit seinem Fantasy-Märchen „Pan’s Labyrinth“ für die bis heute rekordträchtigen 22 Minuten Standing Ovations gesorgt hat, kehrt er heuer mit einer neuen Restaurierung seines Werks an die Ursprungsstätte seines großen Erfolgs zurück. Das diesjährige Cannes-Festival verspricht jedenfalls ein spannender und faszinierender Jahrgang zu werden.

© 2003 CJ Entertainment, Show East, Polyfilm. Alle Rechte vorbehalten.

Das beginnt schon einmal mit der Auswahl der Wettbewerbsjury. Den Vorsitz, der im vergangenen Jahr von der französischen Schauspielerin Juliette Binoche bekleidet wurde, nimmt in diesem Jahr der südkoreanische Filmemacher Park Chan-wook ein. 2004 nahm er mit seinem meisterhaften Rachedrama „Oldboy“, dem Mittelstück seiner „Vengeance“-Trilogie (2002 – 2005), am Wettbewerb teil und begeisterte den damaligen Jurypräsidenten Quentin Tarantino sehr. Zur „Palme d’Or“ reichte es nicht – die erhielt „Fahrenheit 9/11“ von Michael Moore – aber immerhin für den „Großen Preis der Jury“, der zweitwichtigsten Auszeichnung. Weitere Festivalteilnahmen unternahm Park 2009 mit dem Horrorfilm „Bakjwi (Thirst)“, für den er den dritten Preis, den „Jurypreis“, erhielt, 2016 mit dem Erotik-Thriller „Agassi (The Handmaiden)“ und zuletzt 2022 mit dem romantischen Crime-Thriller „Heeojil gyeolsim (Decision to Leave)“, der ihm den Regiepreis eintrug. Im vergangenen Jahr sorgte Park dann mit seiner bitterbösen Arbeitsmarkt-Satire „Eojjeol Suga Eopda (No Other Choice)“ in Venedig für Furore.

© 2024 MUBI, Working Title. Alle Rechte vorbehalten.

Ihm zur Seite gestellt wird eine Riege weltbekannter Filmschaffender, mit der Park sicherlich viele interessante Gespräche über die 22 Filme im Wettbewerb führen wird. Am bekanntesten ist natürlich die 63-jährige US-amerikanische Schauspielerin Demi Moore, die auf eine über vier Jahrzehnte lange Karriere zurückblicken kann mit Kassenhits wie „Ghost“ (1990) oder „A Few Good Men“ (1992). Vor zwei Jahren feierte sie in Cannes ein umjubeltes Comeback mit Coralie Fargeats Body-Horror-Schocker „The Substance“, für den sie nicht nur überschwängliches Kritikerlob erhielt, sondern später auch bis zur Oscar-Verleihung konkurrierte. Einen ähnlichen Siegeszug trat im vergangenen Jahr der schwedische Hollywood-Export Stellan Skarsgård an, der nach vielen Jahren als verlässlicher Charakterdarsteller in Film und Fernsehen mit seiner famosen Nebenrolle eines abwesenden Filmemacher-Vaters zweier erwachsener Töchter in Joachim Triers „Affeksjonsverdi (Sentimental Value)“ die besten Rezensionen seiner Karriere und eine „Golden Globe“-Auszeichnung sowie eine „Oscar“-Nominierung erhielt. Ebenfalls gerade erst „Oscar“-nominiert, nachdem sie den Regiepreis als erst zweite Frau 2021 für „Nomadland“ entgegennehmen durfte, ist Chloé Zhao, deren fiktionale Shakespeare-Quasi-Biografie „Hamnet“ auch zu den besten Filmen des letzten Jahres zählt. Ruth Negga, US-amerikanische Schauspielerin, feierte ihren großen Durchbruch mit „Loving“ (2016), der wahren Liebesgeschichte einer schwarzen Frau und eines weißen Mannes, die trotz Mixed-Race-Eheverbots in den USA Mitte des 20. Jahrhunderts bis vor den Obersten Gerichtshof zogen, um ihr Recht auf freie Liebe durchzusetzen. Negga erhielt eine „Oscar“-Nominierung.

© 2006 Sony Pictures Releasing, MGM. Alle Rechte vorbehalten.

Seit vielen Jahren gern gesehener Charakterdarsteller in großen Hollywood-Produktionen wie auch im Independent-Kino ist der aus der Elfenbeinküste stammende Schauspieler Isaach de Bankolé, dessen Filmografie unter anderem einige Werke von Jim Jarmusch, den James Bond-Hit „Casino Royale“ (2006), „Miami Vice“ (2006) und „Le Scaphandre et le Papillon (Schmetterling und Taucherglocke)“ (2007) beinhaltet. Der irisch-schottische Drehbuchautor Paul Laverty ist hauptsächlich für seine Arbeit mit dem britischen Regisseur Ken Loach bekannt, welcher bis heute den Rekord für die meisten Wettbewerbsteilnahmen in Cannes mit 16 Werken hält. Laverty schrieb auch die Drehbücher für Loachs zwei „Palme d’Or“-Filme „The Wind That Shakes the Barley“ (2006) und „I, Daniel Blake“ (2016). Zuletzt waren sie mit „The Old Oak“ 2023 in Cannes. Die belgische Regisseurin Laura Wandel brachte ihre ersten beiden Filme, „Un monde (Playground)“ (2021) und „L’intérêt d’Adam (Adam’s Interest)“ (2025) in Nebenschienen nach Cannes. Vervollständigt wird die Jury durch den chilenischen Filmemacher Diego Céspedes, der im Vorjahr mit seinem Film „La misteriosa mirada del Flamenco (The Mysterious Gaze of the Flamingo)“ den Hauptpreis in der „Un Certain Regard“-Sektion erhielt.

© 2026 Diaphana Distribution, Bitters End. Alle Rechte vorbehalten.

Im Hauptwettbewerb befinden sich in diesem Jahr Filme, die von 22 Ländern koproduziert wurden. Am häufigsten ist, und das sollte wohl kaum überraschen, Frankreich vertreten, mit Heimvorteil sozusagen. Darunter befindet sich auch das neueste Werk des japanischen Regisseurs und Drehbuchautors Ryusuke Hamaguchi, „Soudain (All of a Sudden)“ mit Virginie Efira und Tao Okamoto in den Hauptrollen, ein Drama über zwei Frauen in einem Pflegeheim, die sich für eine revolutionäre Behandlungsmethode einsetzen. Arthur Harari, Ko-Autor des Gewinnerfilms 2023, „Anatomie d’un chute (Anatomie eines Falls)“, kehrt als Regisseur mit dem Film „L’Iconnue (The Unknown)“ zurück. Léa Seydoux und Niels Schneider spielen die Hauptrollen in diesem psychologischen Fantasy-Drama. Seydoux wird auch mit dem neuen Film der österreichischen Filmemacherin Marie Kreutzer, „Gentle Monster“, im Wettbewerb vertreten sein. Darin geht es um zwei Frauen, die andere gespielt von Jella Haase, die sich mit den dunklen Seiten der Männer in ihren Leben auseinandersetzen müssen. Frankreichs Schauspiellegende Catherine Deneuve übernimmt eine Nebenrolle, als Seydoux‘ Leinwandpartner fungiert der designierte neue österreichische „Tatort„-Ermittler Laurence Rupp.

© 2026 Warner Bros. Pictures, El Deseo. Alle Rechte vorbehalten.

Aus Spanien macht sich Regielegende Pedro Almodóvar auf den Weg an die Côte d’Azur, um sein neuestes Werk, das in seiner Heimat bereits angelaufen ist, vorzustellen: „Amarga Navidad (Bitter Christmas)“. Eine Tragikomödie auf zwei verschiedenen Zeitebenen, in denen die kreativen Auswüchse zweier Künstler miteinander verschmelzen. Der iranische Starregisseur Asghar Farhadi meldet sich mit dem in Frankreich produzierten Film „Histoires Parallèles (Parallel Tales)“ zurück, für den er sich von Krzysztof Kieślowski inspirieren hat lassen. Der „Palme d’Or“-Gewinner 2018, der Japaner Hirokazu Kore-eda, schickt „Sheep in the Box“ ins Palmen-Rennen, ein Science-Fiction-Drama, das an Steven Spielbergs „A.I.“ (2001) erinnert. Der ungarische Filmemacher László Nemes, dessen erschütterndes KZ-Drama „Son of Saul“ (2015) den Auslands-Oscar gewann, erzählt in „Moulin“ die Geschichte des französischen Widerstandskämpfers Jean Moulin (Gilles Lellouche), der im Nazi-besetzten Frankreich von der Gestapo unter Leitung des sadistischen Klaus Barbie (Lars Eidinger) gefangengenommen und gefoltert wird.

© 2026 MUBI. Alle Rechte vorbehalten.

Zu den vielversprechendsten Beiträgen 2026 zählen das neueste Werk des polnischen Filmemachers Paweł Pawlikowski, „Vaterland“, ein Road-Movie, in dem Schriftsteller Thomas Mann (Hanns Zischler) mit seiner Tochter Erika (Sandra Hüller) während des Kalten Krieges durch Deutschland reist. Ein Familiendrama im hohen Norden bietet der rumänische Regisseur und Autor Cristian Mungiu, Palmengewinner 2007 („4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“): in „Fjord“ ziehen Sebastian Stan und Renate Reinsve mit ihren Kindern in ein norwegisches Dorf, wo sie bald mit sonderbaren Verdächtigungen die Aufmerksamkeit ihrer Nachbarn auf sich ziehen. James Gray holt für sein neues Krimidrama „Paper Tiger“ Adam Driver und Miles Teller als Brüder sowie Scarlett Johansson vor die Kamera, um sie an die Russenmafia geraten zu lassen, was ihre Loyalität auf eine harte Probe stellt. Ira Sachs wiederum, zuletzt mit „Peter Hujar’s Day“ 2025 in Berlin, blickt mit seinem Fantasy-Musical „The One I Love“ auf die HIV-Epidemie der späten 1980er Jahre in New York zurück und lässt Rami Malek als todkranken Schauspieler sich auf seine letzte Rolle vorbereiten, während Tom Sturridge, Rebecca Hall und Ebon Moss-Bachrach in Nebenrollen auftreten.

© 2026 Neon. Alle Rechte vorbehalten.

Außer Konkurrenz dürften viele Augen auf das neueste Genrewerk des dänischen Exzentrikers Nicolas Winding Refn gerichtet sein, der zuletzt vor zehn Jahren mit seiner Fashion-Satire „The Neon Demon“ für Aufsehen sorgte. Sein in Tokio gedrehter Horror-Thriller „Her Private Hell“ mit Sophie Thatcher, Charles Melton und Havana Rose Liu in den Hauptrollen verspricht abgründige Unterhaltung, wenn eine junge Frau in einer vernebelten Großstadt verzweifelt nach ihrem Vater sucht. Eine etwas andere Vater-Tochter-Geschichte gibt es unterdessen von Querkopf Quentin Dupieux, der in „Full Phil“ Woody Harrelson und Kristen Stewart einen etwas anderen Trip nach Paris erleben lässt.

© 2026 MUBI, Plan B Entertainment. Alle Rechte vorbehalten.

Weitere interessante Filme in Nebenschienen: in der „Un Certain Regard“-Sektion ist auch eine österreichisch-deutsche Koproduktion vertreten, nämlich „Everytime“ von Sandra Wollner, in der Birgit Minichmayr mit ihrer Tochter und einem Teenagerjungen einen Urlaub nach Teneriffa unternimmt. Jane Schoenbrun stellt in der gleichen Schiene ihren neuen Film „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ vor, ein humorvoller Abgesang auf die Tropen des Slasher-Horrors. Produziert von Brad Pitts „Plan B Entertainment“. In der „Director’s Fortnight“-Sektion bringt Dupieux einen zweiten Film, „Le Vertige (Vertiginous)“, nach Cannes, während dort auch Radu Jude („Le Journal d’une Femme de Chambre (The Diary of a Chambermaid)“) und Lisandro Alonso („La Libertad Doble (Double Freedom)“) vertreten sind. In der „Cannes Premiere“-Sektion stellt der inzwischen auch schon 72-jährige Hollywood-Star John Travolta seine erste Regiearbeit vor: der leidenschaftliche Pilot erzählt in „Propeller One-Way Night Coach“ eine autobiografisch gefärbte Geschichte über einen flugbegeisterten Jungen und seiner Mutter. Travolta selbst und seine Tochter Ella Bleu übernehmen Rollen darin.

© 1968 Columbia Pictures, Rastar. Alle Rechte vorbehalten.

Eröffnet wird das Festival am 12. Mai mit dem außer Konkurrenz gezeigten französischen Comedy-Drama „La Vénus électrique (The Electric Kiss)“ von Pierre Salvadori, das 1928 in Paris spielt und in dem ein verzweifelter Maler die Hilfe eines Mediums in Anspruch nimmt, um Kontakt zu seiner verstorbenen Frau aufzunehmen, damit seine Inspiration zurückkehrt. Zwei Ehrenpreisträger wurden schon im Vorfeld des Festivals bekanntgegeben: die vielfach ausgezeichnete 84-jährige Sängerin, Schauspielerin, Regisseurin und Produzentin Barbra Streisand, die noch nie mit einem Film in Cannes vertreten war, erhält ebenso eine „Goldene Palme“ für ihr beeindruckendes Lebenswerk wie der visionäre 64-jährige neuseeländische Filmemacher Peter Jackson, der sich mit seinen wuchtigen Adaptionen der Romanreihe „The Lord of the Rings“ (2001 – 2003) und deren Vorgeschichte „The Hobbit“ (2012 – 2014) nach J.R.R. Tolkien unsterblich gemacht hat, nachdem er seine Karriere mit blutrünstigen Splatter-Horror-Komödien Ende der 1980er Jahre gestartet hatte. Die Verleihung der Preise ist dann für den 23. Mai vorgesehen. Film ab in Cannes!

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