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Jetzt geht’s um die Goldjungen: die spannendste Nacht des Jahres verspricht Historisches, Überraschendes und viel Denkwürdiges. Wer hofft, wer zittert? Versuch einer Einordnung.

Das Dolby Theatre im Herzen Hollywoods ist bereit, Moderator Conan O’Brien ist es auch. Die Stars machen sich fertig für die Ankunft auf dem größten – und für viele wohl längsten – Roten Teppich der Welt. Ja, die Oscars sind wirklich mit nichts zu vergleichen. Über allem schwebt die Frage: wer gewinnt die Preise? Nur die Mitarbeiter der Wirtschaftsprüfungsfirma „Price Waterhouse Cooper“ wissen es bereits, haben sie doch die Abstimmungsergebnisse gezählt, notariell beglaubigt und die Siegernamen in Kuverts verewigt, von denen Angestellte zwei Exemplare zur Verleihung mitnehmen und streng bewachen. Auf das jetzt nichts mehr schiefgeht – „Moonlight“, anyone?

© 2025 Warner Bros. Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Die Ausgangslage ist seit Wochen eindeutig: mit rekordträchtigen 16 Nominierungen ist Ryan Cooglers Vampir-Horror-Musical-Drama „Sinners“ am häufigsten vorgeschlagen. Dahinter, mit 13 Nennungen, lauert bereits Paul Thomas Andersons Polit-Action-Thriller „One Battle After Another“. Ebenfalls stark im Rennen sind die Filme „Sentimental Value“ (9) aus Norwegen, Josh Safdies Pingpong-Drama „Marty Supreme“ (9), Guillermo del Toros gotischer Horror-Schöpfungsmythos „Frankenstein“ (9) und Chloé Zhaos Dichter-Tragödie „Hamnet“ (8). Die Zahlen sprechen hier eine eindeutige Sprache. Wie sieht es mit den bisherigen großen Preisverleihungen aus?

Da zeichnet sich ein spannendes Bild ab: in der Kategorie bester Film hat bis jetzt immer „One Battle After Another“ die Nase vorne gehabt: bei den Globes als beste Komödie, bei den Kritikern, und auch bei der Gewerkschaft der Produzenten. Nur die Schauspielergewerkschaft vergab den Preis fürs beste Ensemble, in etwa gleichzustellen mit dem Hauptpreis der Oscars, an „Sinners“. Weil die Schauspieler die größte Fraktion in der Mitgliederschaft der Academy einnimmt, könnte dieser letzte Triumph das Pendel vielleicht noch einmal in ihre Richtung schlagen. Und das sieht gar nicht einmal so schlecht aus, wenn man das Timing und die Entwicklungen im Rennen in den letzten Tagen in Betracht zieht.

© 2025 Warner Bros. Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

In der Frage nach dem besten Regisseur läuft alles auf einen großen Triumph des bislang in seiner Karriere 14-mal für einen Oscar nominierten Paul Thomas Anderson hinaus. Alle relevanten Preise hat er im Vorfeld gewonnen. Er ist längst überfällig für seinen ersten Sieg. Coogler wird zwar von einigen führenden Experten ein Überraschungssieg prophezeit, vor allem weil „Sinners“ so oft nominiert ist und das Momentum klar für den Horrorstreifen spricht, doch selbst wenn es am Ende für den besten Film reicht, so sollte doch Anderson die Oberhand behalten. Die historische Chance, dass endlich einmal ein schwarzer Regisseur die Trophäe gewinnt, darf dabei aber trotzdem nicht vergessen werden.

© 2025 Warner Bros. Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Wesentlich spannender ist der Kampf um den besten Hauptdarsteller: Timothée Chalamet für „Marty Supreme“ ist längst nicht der Favorit, der er immer zu sein schien, noch bevor er sich mit seinen zweifelhaften öffentlichen Auftritten und kontroversen Äußerungen einen Bock geschossen hat. Der Golden Globe für den besten komödiantischen Auftritt und der „Critics Choice Award“ haben ihm zu Beginn der Saison viel Rückenwind gegeben, der aber mit den beiden Niederlagen beim britischen Filmpreis „BAFTA“ an den lokalen Underdog Robert Aramayo für das Tourette-Drama „I Swear“, und dann beim „Actor Award“ der SAG gegen seinen schärfsten Konkurrenten Michael B. Jordan für „Sinners“ verpufft ist. Gerade Jordans Sieg und die unglaubliche Unterstützung und Rückendeckung bei der Verleihung für den Schauspielveteranen, der mit 38 bereits auf eine über zwei Jahrzehnte dauernde Karriere zurückblicken kann, die mit „The Wire“ auch noch prestigeträchtig ins Rollen kam, sollten ein gutes Indiz dafür sein, dass es heuer vielleicht doch Jordan für eine seltene Doppelrolle machen dürfte.  

© 2025 Warner Bros. Pictures, New Line Cinema. Alle Rechte vorbehalten.

Während Jessie Buckley als beste Hauptdarstellerin für „Hamnet“ eigentlich schon in Stein gemeißelt ist, gibt es auch in den Nebenrollen-Kategorien noch spannende Kopf-an-Kopf-Rennen zu beobachten. Bei den Männern sehe ich kurz vor Schluss gleich drei Kandidaten in Podiumsnähe, wo alles noch möglich zu sein scheint. Ausgehend von den bisherigen Verleihungen sollte Sean Penns explosiver Auftritt in „One Battle After Another“ in Führung liegen und ihm zu seinem dritten Goldjungen nach zwei Hauptrollen („Mystic River“ 2003 und „Milk“ 2008) verhelfen. Aber man sollte den schwedischen Veteranen Stellan Skarsgård für seine überragende Leistung in Joachim Triers sensationellem Familiendrama „Sentimental Value“ nicht unterschätzen, die mit dem „Golden Globe“ geehrt wurde. Bei den „Actor Awards“ war Skarsgård, wie übrigens alle internationalen Kandidaten, nicht einmal nominiert, was nicht unbedingt für ihn spricht. Und dann ist da noch Publikumsliebling Delroy Lindo, der mit seinen 73 Lenzen für „Sinners“ noch die Anerkennung einer langen Karriere als verlässlicher Charaktermime einsacken könnte. Er hat es trotz keiner großen Nominierung im Vorfeld in die Kategorie geschafft und wird dafür gefeiert, als wäre er bereits der große Sieger. Bei der besten Nebendarstellerin liegt Amy Madigan vorn, die für Tante Gladys im Horrorfilm „Weapons“„Critics Choice“ und „Actor“ Awards gewonnen hat, während ihre schärfste Rivalin, „One Battle After Another“-Mimin Teyana Taylor mit dem Globe dekoriert wurde. Bei den BAFTAS war dann plötzlich Wunmi Mosaku aus „Sinners“ siegreich, was vielleicht in der internationalen Ecke der Academy für Bewegung sorgt. Hier liegt der Vorteil aber klar auf Madigans Seite.

Die beiden Topfavoriten auf die großen Preise sind auch beide die Frontrunner, wenn es um die Drehbuchpreise geht, da sie nicht direkt gegeneinander antreten müssen. Hier ist es eigentlich fast schon ausgemachte Sache, dass Ryan Coogler für das beste Originaldrehbuch zu „Sinners“ und Paul Thomas Anderson für die beste Adaption, „One Battle After Another“, gewinnt.

© 2025 Filmladen MK2 Films, Neon. Alle Rechte vorbehalten.

Der Preis für den besten internationalen Film wird ein Ländermatch zwischen Norwegen und Brasilien: „Sentimental Value“, einer der am besten bewerteten Filme 2025 mit neun Nominierungen insgesamt darf sich berechtigte Hoffnungen machen. Aber Brasilien, das bereits im vergangenen Jahr mit „Ainda Estou Aqui (Für immer hier)“ siegreich war, hat mit „O Agente Secreto (The Secret Agent)“ ebenfalls einen Kandidaten für die Königskategorie im Rennen, der noch dazu von Globe-Gewinner und Hauptrollen-Kandidat Wagner Moura angeführt wird. Hier ist es wirklich schwer, einen eindeutigen Favoriten zu küren, da „Golden Globe“ und „Critics Choice“ wenig Überschneidung mit der „Academy“ haben, was „The Secret Agent“ keinen großen Vorteil verschafft. Diese Kategorie könnte für „Sentimental Value“ zum „Trostpreis“ verhelfen, sollte Skarsgård leer ausgehen.

© 2025 Netflix. Alle Rechte vorbehalten.

Beim Animationsfilm schaut es wiederum sehr gut für den großen Netflix-Erfolg „KPop Demon Hunters“ aus, zumal auch der Hit-Song „Golden“ als haushoher Favorit auf den Song-Oscar gilt. Bei der Filmmusik sollte es Ludwig Göransson zum dritten Mal innerhalb von nur acht Jahren machen und für „Sinners“ siegen. In den technischen Kategorien könnte die Stunde für die ansonsten unterlegenen Filme schlagen, da hat „Frankenstein“ die besten Chancen auf Produktionsdesign, Kostüme und natürlich das Make-Up. Der sensationell für den besten Film nominierte „F1“ sollte eigentlich problemlos für den Sound gewinnen, so wie „Top Gun: Maverick“ vor drei Jahren. Auch eine Wiederholung von vor drei Jahren sollte James Camerons „Avatar: Fire and Ash“ in der VFX-Kategorie gelingen, zumal die Konkurrenz nicht wirklich mithalten kann.

© 2025 Warner Bros. Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Besonderes Augenmerk sollte noch auf die Kategorien Kamera und Schnitt gelegt werden. Bei ersterem bietet sich die historische Chance, dass mit „Sinners“‘ Autumn Durald Arkapaw erstmals eine Frau den Oscar gewinnt. Die erste weibliche Nominierte war erst 2017 Rachel Morrison für „Mudbound“, danach haben es noch Ari Wegner für Jane Campions Spätwestern „The Power of the Dog“ (2021) und Mandy Walker für Baz Luhrmanns Biopic „Elvis“ (2022) zur Verleihung geschafft. Auch hier liegt „One Battle After Another“ in Führung, dank der furiosen Kameraführung von Michael Bauman, speziell die unvergessliche Autoverfolgung am Ende des Films. Beim Schnitt liegt daher auch Baumans Kollege Andy Jurgensen vorn.

Hier nun meine finale Einschätzung zum Siegerbild der 98. Oscar-Verleihung. Alle Angaben ohne Gewähr:

Bester Film: „Sinners“ für Ryan Coogler, Zinzi Coogler und Sev Ohanian

Beste Regie: Paul Thomas Anderson für „One Battle After Another

Bester Hauptdarsteller: Michael B. Jordan für „Sinners

Beste Hauptdarstellerin: Jessie Buckley für „Hamnet

Bester Nebendarsteller: Stellan Skarsgård für „Sentimental Value

Beste Nebendarstellerin: Amy Madigan für „Weapons

Bestes Casting: Francine Maisler für „Sinners

Bestes Originaldrehbuch: „Sinners“ von Ryan Coogler

Bestes adaptiertes Drehbuch: „One Battle After Another“ von Paul Thomas Anderson

Bester internationaler Film: „Sentimental Value“ aus Norwegen von Joachim Trier

Bester Animationsfilm: „KPop Demon Hunters“ von Maggie Kang, Chris Appelhans und Michelle L.M. Wong

Beste Filmmusik: Ludwig Göransson für „Sinners

Bester Filmsong: „Golden“ aus „KPop Demon Hunters

Beste Kamera: Michael Bauman für „One Battle After Another

Bester Schnitt: Andy Jurgensen für „One Battle After Another

Bestes Produktionsdesign: Tamara Deverell und Shane Vieau für „Frankenstein

Bestes Kostümdesign: Kate Hawley für „Frankenstein

Bestes Make-Up und Hairstyling: Mike Hill, Jordan Samuel und Cliona Furey für „Frankenstein

Bester Sound: Gareth John, Al Nelson, Gwendolyn Yates Whittle, Gary A. Rizzo und Juan Peralta für „F1 the Movie

Beste visuelle Effekte: Joe Letteri, Richard Baneham, Eric Saindon und Daniel Barrett für „Avatar: Fire and Ash

Bester Dokumentarfilm: „Mr. Nobody Against Putin“ von David Borenstein, Pavel Talankin, Helle Faber, and Alžběta Karásková

Bester dokumentarischer Kurzfilm: „All the Empty Rooms“ von Joshua Seftel und Conall Jones

Bester animierter Kurzfilm: „Retirement Plan“ von John Kelly und Andrew Freedman

Bester Kurzfilm: „Two People Exchanging Saliva“ von Alexandre Singh und Natalie Musteata

Titelbild: © 2026 Richard Harbaugh

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