Zur Einstimmung aufs Oscar-Wochenende: fast ein Jahrhundert voller Triumphe, Überraschungen, Sensationen und allerlei Kurioses und Faszinierendes. Bühne frei für den begehrtesten Filmpreis der Welt. Teil II: ein Streifzug durch die denkwürdigsten und kontroversesten Verleihungen.
Es wäre keine Oscar-Saison, würde es nicht immer Stimmen geben, die sagen, dass das Ergebnis nicht dem entspricht, was sie sich erhofft haben. Das liegt nun einmal in der Natur der Sache, denn es können pro Jahr nur zehn Filme in der Königskategorie und je 5 Haupt- und Nebenrollen pro Geschlecht nominiert werden. Da bleibt zwangsläufig immer jemand außen vor, und leider trifft es oft großartige Künstler, bei denen es unverständlich ist, dass sie nie die Würdigung erhalten haben, die ihnen ohne den geringsten Zweifel zusteht. Ich denke dabei besonders an Schauspieler wie Peter O’Toole, der mit acht erfolglosen Nominierungen trauriger Rekordhalter ist, den er sich inzwischen mit der nicht minder legendären Glenn Close teilen muss. Einige der besten Regisseure der Filmgeschichte wurden nie von den Oscars berücksichtigt, darunter Alfred Hitchcock, Stanley Kubrick – der immerhin für die Spezialeffekte von „2001: A Space Odyssey“ (1968) ausgezeichnet wurde, ein schwacher Trost – und Sidney Lumet.
Die Entscheidungen, die die Mitglieder der Academy Jahr für Jahr treffen, spiegeln nicht immer den Zeitgeist wieder. Manche Entscheidungen sind sogar gealtert wie Milch. Und das sind nicht die einzigen Skandale in 98 Jahren Oscar-Geschichte. Hier gebe ich nun einen Überblick über die meiner Meinung nach umstrittensten Sieger der „Academy Awards“, und von denen gibt es wahrlich nicht wenige. Aber von Anfang an:
14. Oscar-Verleihung (1941)

Das früheste Anzeichen, dass sich die Mitglieder der „Academy of Motion Picture Arts & Sciences“ gerne von politischen Mächten vereinnahmen lassen oder zumindest bestechlich sind, sieht man im Jahr 1941. Während sich die ganze Welt im Krieg befindet – Pearl Harbor ereignete sich im Dezember jenen Jahres – sah sich Zeitungsmagnat William Randolph Hearst durch Orson Welles‘ brillantem Drama „Citizen Kane“ dermaßen in seiner Ehre gekränkt, weil ihm die Parallelen von Welles‘ Figur mit seiner eigenen Persönlichkeit nicht gustiert haben, dass er alles in seiner Macht stehende unternahm, um den möglichen Erfolg bei der Oscar-Verleihung zu verhindern. Und leider ist es ihm gelungen: heute als einer der absolut besten Filme aller Zeiten angepriesen und für seine technischen und narrativen Innovationen gefeiert und zu Tode seziert, blieb „Citizen Kane“ damals nur der Preis fürs revolutionäre Drehbuch, um dessen Autorenschaft sich Welles dann auch noch bitter mit Herman J. Mankiewicz stritt, was Anlass zu hitzig diskutierten Meinungsverschiedenheiten zwischen renommierten Filmkritikern führte. Welcher Film triumphierte in jenem Jahr über „Kane“? Das in einem walisischen Bergbaudorf spielende Familiendrama „How Green Was My Valley“ von Regielegende John Ford. An diesen Film erinnert man sich eigentlich nur noch, weil er die ultimative Würdigung eines ultimativen Klassikers verhinderte. Auch das nennt man ein Vermächtnis.
24. Oscar-Verleihung (1951)

Das Jahr 1951 war für die USA ebenfalls ein politisch turbulentes, und eines, das sich negativ auf die gesamte Filmindustrie auswirkte. Damals stand das Land am Höhepunkt des sogenannten zweiten „Red Scare“: von der vom umstrittenen und ruchlosen Senator Joseph McCarthy angeheizten und vom Kongresskomitee für unamerikanische Umtriebe (HUAC) gnadenlos vorangetriebenen Verfolgung vermeintlicher Sympathisanten der Kommunisten blieb kaum jemand verschont. Nachdem bereits 1947 eine ganze Riege kooperationsunwilliger Filmschaffender auf die „Hollywood Blacklist“ gesetzt und mit Berufsverbot belegt wurde, kehrte das Komitee 1951 mit voller Kraft zurück, um Hollywood weiter und gründlicher von angeblich subversiven Stimmen zu „säubern“. Das spiegelte sich auch in der Oscar-Verleihung wider: „A Streetcar Named Desire“ hatte die historische Chance, in allen Hauptkategorien abzustauben, denn er gewann als erster von bislang nur drei Filmen – „Network“ (1976) und „Everything Everywhere All at Once“ (2022) folgten – drei der vier Darstellerpreise. Während Vivien Leigh für ihre herausfordernde Hauptrolle der desillusionierten Blanche DuBois und Karl Malden und Kim Hunter für ihre Nebenrollen prämiert wurden, ging ausgerechnet der große Star des Films, Marlon Brando, dessen intensives Schauspiel Generationen von aufstrebenden Mimen inspirierte und das sogenannte „Method Acting“ populär und umstritten machte, leer aus. Dafür durfte eine andere Legende, Humphrey Bogart, seinen einzigen Oscar für John Hustons Abenteuerfilm „The African Queen“ entgegennehmen. Und inmitten der HUAC-Anhörungen, bei denen er dann als „freundlicher Zeuge“ seine Reputation für immer einbüßte, musste auch Elia Kazan seine Hoffnungen auf einen zweiten Regie-Oscar vorerst aufgeben – sein großer Triumph mit „On the Waterfront“ folgte drei Jahre später –und sich George Stevens geschlagen geben, dessen auf wahren Ereignissen basierendes Krimimelodram „A Place in the Sun“ sechsmal geehrt wurde. Zum besten Film des Jahres kürte die „Academy“ indes Vincente Minnellis Musical „An American in Paris“, das ebenfalls sechsmal reüssierte.
25. Oscar-Verleihung (1952)

Auch im Jahr darauf legte die unerbittliche Kommunistenverfolgung einen großen Schatten über die Oscar-Verleihung. Cecil B. DeMilles aufwendig inszeniertes Zirkusdrama „The Greatest Show on Earth“ gewann für den besten Film, und seit „The Fabelmans“ (2022) wissen wir, dass er Steven Spielberg dazu inspirierte, Filmemacher zu werden. Das ist immerhin etwas. Aber dass der Film Fred Zinnemanns Westernklassiker „High Noon“ mit Gary Cooper – der immerhin den Hauptdarsteller-Preis erhielt – und Grace Kelly für den Top-Preis ausgestochen hat, mit seiner offensichtlichen Allegorie auf die unmenschliche Hexenjagd in Form eines Sheriffs, der sich alleine gegen vier Banditen zur Wehr setzt, während die Kommune, die er immer aufopferungsvoll beschützt hat, ihn im Stich lässt, das ist unverzeihlich.
49. Oscar-Verleihung (1976)

Das ist ein durchaus schwieriger Jahrgang. So großartig „Rocky“ von Regisseur John G. Avildsen auch ist, mit Sylvester Stallones bester Rolle als Underdog, der alles auf eine Karte setzt und am Ende zwar nicht seinen Boxkampf, aber dafür den Respekt und die Freundschaft seines Gegners und die Liebe gewinnt, so stimmt mich dieser Sieg bis heute bittersüß. Den er geht zu Lasten eines der besten Filme nicht nur der 1970er Jahre. Die bissig-zynische Mediensatire „Network“, die unheimlich prophetisch ist und die Machenschaften eines Fernsehsenders rund um ihren außer Kontrolle geratenen Starmoderator Howard Beale (Peter Finch in einer der besten Abschiedsvorstellungen aller Zeiten) schildert, hat auch 50 Jahre später nichts von ihrer Faszination verloren. Ja, „Rocky“ spricht den idealistischen Träumer in uns an, und es ist die Geburtsstunde der „Trainingsmontage“, die von zahllosen Filmen zitiert und parodiert wird. Aber wenn es einen Film gibt, der es verdient hätte, als bester seines Jahrgangs zu gelten, dann ist es „Network“. Und Sidney Lumets Regie ist so wütend und exakt wie eh und je. Und mit drei von vier Darstellerpreisen – bis auf Nebendarsteller Ned Beatty und dem Finch unterlegenen William Holden wurden alle Darsteller belohnt, und das obwohl Nebendarstellerin Beatrice Straight in nur einer fünfminütigen Szene auftaucht – gilt er als Meilenstein großen Schauspielkinos.
53. Oscar-Verleihung (1980)

Das Jahr 1980 war schon unverschämt hochkarätig: neben dem vierfachen Abräumer „Ordinary People“, das zutiefst berührende Familiendrama, mit dem Hollywood-Legende Robert Redford sein Regiedebüt gab und prompt seinen einzigen Oscar gewann, neben Film, Drehbuchadaption und Timothy Huttons Nebenrolle, traten auch zwei andere Regielegenden mit bärenstarken Werken an. Viele werden sagen, dass der große Clou in jenem Jahr Martin Scorsese für sein raues und unvergessliches Boxerdrama „Raging Bull“ zugeständen hatte, zumal Robert De Niro für seine schier übermenschliche Leistung als jähzorniger und überaus impulsiver Jake LaMotta verdient gewonnen hat. Aber für mich ist es David Lynch, dessen „Elephant Man“ immer einen speziellen Platz in meinem Gedächtnis einnehmen wird. Die nicht minder übermenschliche Performance unter Bergen von Make-Up und Prothesen von John Hurt als John Merrick geht regelrecht unter die Haut. Stilistisch ganz anders als alles, was er in seiner beispiellosen Karriere gemacht hat, ist „The Elephant Man“ das Meisterwerk Lynchs, für das ihm am meisten Respekt und Anerkennung gebührt.
62. Oscar-Verleihung (1989)

Es gibt viele Gründe, warum die 62. Verleihung der „Academy Awards“ zu den umstrittensten ihrer Geschichte gehört. Ein Jahr nach dem Show-Debakel mit der unvergesslichen Musical-Einlage zu Beginn der Zeremonie mit Schneewittchen und „Brat Pack“-Alumni Rob Lowe brachte der neue Moderator Billy Crystal viel frischen Wind in das Prozedere. Schade, dass sein Einstand kein besseres Siegerbild hervorbringen konnte. Dass Spike Lees wichtiges und wuchtiges Rassismus-Exposé „Do the Right Thing“ nicht einmal für Film und Regie nominiert wurde, ist schon einmal ein grober Fehler der „Academy“-Mitglieder, der kein gutes Licht auf die Präferenzen und persönlichen Sichtweisen ebenjener wirft. Aber sie haben doch ein anderes Plädoyer gegen Rassismus und xenophobische Vorurteile ausgezeichnet, könnte man jetzt erwidern. Nur ist „Driving Miss Daisy“ von Bruce Beresford, der nicht einmal nominiert wurde, kein besonders guter Film, abgesehen von den Performances von Jessica Tandy, die mit 80 zur ältesten besten Hauptdarstellerin wurde, und Morgan Freeman, dessen Konkurrenz zu stark war. Vielleicht wäre Oliver Stones Antikriegsfilm „Born on the Fourth of July“ mit einer karriere-definierenden zentralen Performance von Tom Cruise als schwer traumatisierter und verwundeter Vietnamkriegs-Veteran, der zum entschiedenen Kriegsgegner wird, die bessere Lösung gewesen, und Stone erhielt nach „Platoon“ (1986) erneut den Regie-Oscar für seine Aufarbeitung des Krieges. Aber eigentlich hätte es das Jahr der „Dead Poets Society“ werden sollen. Auch wenn Robin Williams‘ zutiefst menschliche und inspirierende Rolle als Englischlehrer nicht mit Daniel Day-Lewis als Mann mit cerebraler Bewegungsstörung in „My Left Foot“ mithält, so ist Peter Weirs Drama doch der wohl herausragendste Beitrag eines ansonsten sehr guten Jahrgangs.
71. Oscar-Verleihung (1998)

Aufmerksame Leser werden sich jetzt wundern, warum ich gleich ins Jahr 1998 springe, wo es doch sehr umstrittene Entscheidungen in den frühen 1990er Jahren gegeben hat: nun, ich denke, dass Kevin Costners Westernepos „Dances with Wolves“ (1990) seine sieben Oscars, auch für den besten Film und die Regie, durchaus verdient hat, auch wenn Martin Scorseses „Goodfellas“ für viele als einer der besten Gangsterfilme aller Zeiten gilt. 1994 indes war ein besonders kniffliges Jahr, denn mit einer weiteren meisterhaften Gangsterballade, Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“, dem Indie-Hit des Jahrzehnts schlechthin und Frank Darabonts zeitlos kraftvoller Stephen King-Verfilmung „The Shawshank Redemption“ gab es gleich zwei ebenbürtige Anwärter neben Robert Zemeckis‘ wunderschöner Tragikomödie „Forrest Gump“, aber auch hier sehe ich persönlich keine groben Fehlentscheidungen. Erwähnen möchte ich an dieser Stelle aber noch das Jahr 1995, denn Ron Howard nicht für seine Regieleistung bei „Apollo 13“ zu nominieren, nehme ich der „Academy“ doch sehr übel. Wie dem auch sei…
Wo fange ich im Jahr 1998 überhaupt an? Es ist vielleicht meines Erachtens nach der am schlechtesten gealterte Jahrgang der Oscars, mit Fehlentscheidungen en masse. Warum zum Henker ist „Shakespeare in Love“ der beste Film? Er hat nichts, was sich über alle anderen Filme in jenem Jahr stellen lässt, mit Ausnahme eines inzwischen in Misskredit gefallenen Produzenten, dessen aggressive Kampagnentaktik ausschlaggebend für den überraschenden Sieg war. „Saving Private Ryan“ hingegen, Steven Spielbergs unvergessliches Kriegsdrama, ist, entgegen anderslautender Behauptungen, nicht einfach nur 30 Minuten pures Kriegschaos eingefangen in technischer und inszenatorischer Präzision, sondern eine knapp dreistündige Masterclass in großer Filmkunst. Dagegen stinkt eine fiktionalisierte Version des Barden, der seine eigene „Romeo und Julia“-Geschichte erlebt, gnadenlos ab.

Wo zum Teufel ist eigentlich die Nominierung für Jim Carrey? Gerade weil er in Peter Weirs Mediensatire „The Truman Show“eine Rolle spielt, die gegen seinen Typus als hemmungsloser Blödelbarde gestrickt ist, und Facetten seines erstaunlich vielseitigen Schauspieltalents zutage fördert, hätte er es zumindest verdient gehabt, sich mit anderen Größen seiner Zunft wie Tom Hanks, Nick Nolte und Edward Norton zu messen. Roberto Benigni in „La vita è bella (Das Leben ist schön)“ als Ausweichkandidat, der letztlich auch als Sieger nach Hause ging, ist, zu seiner Verteidigung, eine durchaus würdige Alternative. Cate Blanchett, die in diesem Jahr ihren großen internationalen Durchbruch als „Elizabeth“ feierte, wurde ebenfalls zugunsten von Shakespeares Muse Gwyneth Paltrow übergangen. Ein schrecklich schwaches Jahr für die Oscars.
72. Oscar-Verleihung (1999)

Ich muss zugeben, ich mag „American Beauty“ auch heute noch ein wenig. Als bissige Midlife-Crisis-Satire hat er mich vor 25 Jahren, obwohl ich damals selbst erst in die Pubertät gekommen war, erreicht und gut unterhalten. Kevin Spacey als lüsterner Familienvater, der seine biedere Haut abstreift und sich gegen Frau und Tochter auflehnt und nach der besten Freundin von letzterer giert, ist mittlerweile, nach #metoo, nicht mehr akzeptabel. Für Annette Bening tut es mir trotzdem nach wie vor ein wenig leid. Was wäre die bessere Alternative gewesen? Ich persönlich hätte gerne Paul Thomas Andersons „Magnolia“ in den Kategorien Film und Regie gesehen, von den Kandidaten, die es ins erlauchte Feld geschafft haben, wäre am ehesten Michael Manns Thriller über einen Whistleblower der Tabakindustrie, „The Insider“, passend und zeitgemäß gewesen.
78. Oscar-Verleihung (2005)

Dieser Jahrgang stimmt mich besonders wehmütig. Er erinnert daran, dass wir zwei großartige Künstler viel zu früh verloren haben, denn sowohl Philip Seymour Hoffman als auch Heath Ledger gaben herzzerreißende Darbietungen als konfliktbehaftete homosexuelle Männer. Hoffman als Truman „Capote“ hat einen wirklich außerordentlichen Job gemacht, den exzentrischen Schriftsteller auf der Leinwand zum Leben zu erwecken, und er fühlt sich zu keiner Zeit als Karikatur, sondern vielmehr als multidimensionales Reenactment an. Ledger wiederum schafft es in „Brokeback Mountain“, die Verzweiflung und die unterdrückten Emotionen seines Ennis auf eine Weise darzustellen, dass es unter die Haut geht. Dass nur einer der beiden Männer gewinnen konnte, liegt in der Natur der Sache, und Hoffmans Transformation war nun mal der ausschlaggebende Grund.
Aber warum, und das verstehe ich bis heute nicht, warum gibt die Academy „Brokeback Mountain“ nicht den Preis für den besten Film? Sind die Mitglieder wirklich so prüde oder gar homophob, dass sie einen filmischen Meilenstein in der Repräsentation der „LGBTQIA+“-Community ignorieren? „Crash“, das gut gemeinte, aber letztlich oberflächliche Rassismus-Drama von Paul Haggis, tut nichts großartig Neues. Es zeichnet kein nuanciertes Bild von den Zuständen in amerikanischen Großstädten. „Crash“ ist, bestenfalls, ein guter Film, dem seine eigenen Ambitionen über den Kopf steigen. Aber „Brokeback Mountain“, der Ang Lee zum ersten asiatischen Regie-Oscarpreisträger machte, ist ganz großes Kino. Shame on you, Academy!
83. Oscar-Verleihung (2010)

Als hätte die Academy aus ihren Fehlern von 1998 nichts gelernt, sahen sich die Mitglieder auch 2010 mit einem schier unlösbaren Dilemma konfrontiert: sollen wir ein historisches Drama mit viel Liebe zum Detail prämieren? Oder geben wir den Preis einem Film, der dem gegenwärtigen Zeitgeist entspricht und der noch in einigen Jahren auf vielen Bestenlisten vertreten sein wird? Wie vor zwölf Jahren nahmen sie den einfachen Weg. „The King’s Speech“ von Tom Hooper, der den britischen König George VI., liebevoll Bertie genannt, in den ersten Tagen seiner unverhofften Regentschaft begleitet, in der er seine Furcht vor öffentlichen Ansprachen und sein Stottern mithilfe eines unkonventionellen australischen Sprachtherapeuten bekämpft, ist routiniertes Geschichtskino. „The Social Network“, David Finchers Portrait über den jungen Harvard-Studenten Mark Zuckerberg, dessen Entwicklung der weltgrößten Internet-Community „Facebook“ nicht nur die Gesellschaft revolutionierte, sondern wie eine griechische Tragödie anmutet, wenn er seinen besten Freund gegen sich aufbringt, als er seine eigenen Ambitionen über alles stellt und dafür seine Ideale wegwirft, ist 2010 auf den Punkt gebracht. Man sieht, wie einfach es sich die Academy auch diesmal wieder gemacht hat. Dass es für Christopher Nolan für seinen schier grenzenlosen inszenatorischen Einfallsreichtum bei „Inception“ nicht einmal zu einer Nominierung reichte, ist das Tüpfelchen auf dem „i“. Und je weniger man über die Gala mit James Franco und Anne Hathaway nachdenkt, desto besser.
89. Oscar-Verleihung (2016)

Oh ja, der vertauschte Umschlag. Warren Beatty und Faye Dunaway ratlos auf der Bühne. Minutenlanges Chaos und ein peinlich berührtes Publikum, das nicht weiß, wie ihm gerade geschieht. Einen Monat, nachdem ein ehemaliger Reality-TV-Star mit mehr Kontroversen, als in ein Buch passen, ins Weiße Haus einziehen durfte. In jenem Jahr ging so ziemlich alles schief, was schiefgehen konnte. „Moonlight“ ist an sich ein würdiger Sieger, der nahezu jeden Punkt auf der Checkliste für einen zeitgemäßen Gewinnerfilm erfüllt. Ich sehe es trotzdem mit einem lachenden und einem weinenden Auge, weil ich Damien Chazelles liebevolles und mit viel Flair umgesetztes Musical „La La Land“ so großartig finde. Hier hätte ein freundschaftliches Unentschieden mit zwei strahlenden Gewinnern wohl am ehesten gedient. So bleiben dem Liebesbrief an die Träumer in der Stadt der Engel immerhin sechs Statuen, davon eine für Chazelle als jüngster Regisseur der Geschichte. Ein guter Trost.
91. Oscar-Verleihung (2018)

Und weil die Academy so gut darin ist, Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, tat sie es 2018 erneut. 29 Jahre nach „Driving Miss Daisy“ darf ein thematisch ähnlicher Film, diesmal mit vertauschten Rollen, über Spike Lee triumphieren. Peter Farrellys „Green Book“ ist ein hervorragender Film, und Viggo Mortensen und Mahershala Ali spielen zwei wunderbare Freunde auf den Weg durch den amerikanischen Süden während der Rassentrennung der frühen 1960er Jahre. Vielleicht hätte man ihm trotzdem nicht die höchste Auszeichnung überreichen sollen. Vielleicht wäre es 2018 schon an der Zeit gewesen, einem nicht-englischsprachigen Werk diese Würde zu geben, ein Jahr vor Bong Joon-ho und „Parasite“ (2019). Denn Alfonso Cuaróns „Roma“ ist ein wunderschön gefilmtes, elegisch inszeniertes und behutsam gespieltes Familiendrama in Mexiko-Stadt in den frühen 1970ern. Und wenn wir schon bei stilvollen Zeitreisen sind, warum dann nicht gleich „BlackKklansman“, das triumphale Comeback von Lee über die unglaubliche wahre Geschichte eines schwarzen Undercover-Polizisten, der den örtlichen Ku-Klux-Klan hochnimmt? Mein persönliches Highlight 2018 wiederum war das polnische Liebesmelodram „Zimna wojna (Cold War)“, eine berührende Hommage von Paweł Pawlikowski an seine Eltern, denen er die beiden leidenschaftlichen Hauptfiguren, gespielt von Tomasz Kot und Joanna Kulig, nachempfunden hat.
Das ist nur ein „kleiner“ Streifzug durch 98 Jahre Oscar-Geschichte. Man darf gespannt sein, welche interessanten Entscheidungen die Academy-Mitglieder dieses Jahr getroffen haben, wenn in der Nacht vom 15. auf den 16. März 2026 die Oscars fürs Jahr 2025 vergeben werden.