Zur Einstimmung aufs Oscar-Wochenende: fast ein Jahrhundert voller Triumphe, Überraschungen, Sensationen und allerlei Kurioses und Faszinierendes. Bühne frei für den begehrtesten Filmpreis der Welt. Teil 1: Zahlen, Daten, Fakten.
Die erste Verleihung

Als am 16. Mai 1929 im „Hollywood Roosevelt Hotel“ in Los Angeles die ersten „Academy Awards“ verliehen wurden, war vom Glanz und Pathos, den wir heute als selbstverständlich erachten, wenn wir an die Oscars denken, noch gar nichts zu spüren. Es war ein einfaches Galadinner, an dem 270 Menschen teilgenommen hatten (siehe Bild oben). 15 Minuten dauerte das Event, und die Gewinner erfuhren von ihrem Glück wie alle anderen Menschen auch aus der Zeitung. Dazu zählten der als bester Hauptdarsteller prämierte Deutsche Emil Jannings, der in diesem Jahr für zwei Rollen – in „The Way of All Flesh“ und „The Last Command“ – dekoriert wurde. Sein weiblicher Counterpart, Janet Gaynor, wurde gleich für drei Performances gewürdigt: in F.W. Murnaus Stummfilmklassiker „Sunrise“, in „7th Heaven“ und in „Street Angel“. Der Regiepreis wurde zweigeteilt, einmal in die beste komödiantische Regieleistung für Lewis Milestone („Two Arabian Knights“) und die beste dramatische Regieleistung für Frank Borzage („7th Heaven“). Auch der Preis für den besten Film wurde zunächst auf zwei Kategorien aufgeteilt, nämlich in den herausragenden Film (das Kriegsdrama „Wings“) und den einzigartigen Film („Sunrise“). Erst Jahre später entschied die „Academy of Motion Picture Arts & Sciences“, die die Preise vergibt, dass „Wings“ offiziell als erster bester Film zu gelten hat.
Vereinheitlichungen
Ab der zweiten Verleihung, die den Zeitraum zwischen 1. August 1928 und 31. Juli 1929 abdeckte, wurden die Hauptpreise vereinheitlicht, also nur mehr ein bester Film, ein bester Regisseur, und eine Performance, für die man den Darstellerpreis gewinnt. Als nächsten wichtigen Schritt verlegte man die Zeitspanne, in der ein Film veröffentlicht werden musste – traditionell mindestens eine Woche in einem Kino im Großraum Los Angeles für ein zahlendes Publikum – ab dem Jahr 1934 auf das gesamte Kalenderjahr. Eine Ausnahme wurde im Pandemiejahr 2020 gemacht, als man auch Filme zuließ, die aufgrund der besonderen Umstände erst im Januar oder Februar 2021 veröffentlicht wurden. Dabei wurden erstmals und bis 2022 auch Streaming-Veröffentlichungen ohne Kinoauswertung zugelassen.
Namensgebung
Warum nennt man den „Academy Award“ denn nun eigentlich „Oscar“? Nun, dies geht auf eine Legende zurück, nach der eine Bibliothekarin der Academy, Margaret Herrick, im Jahr 1931 die weltberühmte Statue mit dem Aussehen ihres Onkels Oscar verglich. Der Name hat sich seitdem gefestigt und ist von der Academy auch urheberrechtlich eingetragen. Es liegt aber auch besser auf der Zunge, Oscar-Preisträger zu sagen, auch wenn im Englischen immer noch der Begriff „Academy Award Winner“ gebräuchlicher ist. Außerdem ist der Moment vor der Enthüllung, „And the Oscar Goes to…“ längst zum geflügelten Wort mutiert. Früher sagte man traditionell immer „And the Winner is…“
Aufteilung in Haupt- und Nebenrollen

Zurück zur geschichtlichen Abfolge: die Kategorien „Bester Nebendarsteller“ und „Beste Nebendarstellerin“ wurden erst bei der 9. Oscar-Verleihung fürs Jahr 1936 eingeführt. Dies wurde notwendig, da im Jahr davor gleich drei Darsteller des Films „Mutiny on the Bounty“, der als bester Film ausgezeichnet wurde, ins Rennen um den besten Hauptdarsteller gingen. So wollte man den Fall vermeiden, dass zu viele Schauspieler eines Films gegeneinander antreten. Ob ein Schauspieler als Haupt- oder Nebendarsteller aufgestellt wird, ist von der Academy nicht strikt vorgeschrieben, sondern wird vom Studio und/oder den Produzenten festgelegt. So ist es durchaus möglich, dass zwei Hauptdarsteller aus einem Film um den Oscar konkurrieren. Bei den Männern war dies bislang sechsmal der Fall: „Becket“ (1964): Richard Burton und Peter O’Toole; „Midnight Cowboy“ (1969): Dustin Hoffman und Jon Voight; „Sleuth“ (1972): Michael Caine und Laurence Olivier; „Network“ (1976): Peter Finch und William Holden; „The Dresser“ (1983): Tom Courtenay und Albert Finney; „Amadeus“ (1984): F. Murray Abraham und Tom Hulce. Nur Finch, der zum Zeitpunkt der Verleihung bereits verstorben war und Abraham konnten den Oscar gewinnen. Bei den Frauen gab es diesen Fall bislang fünfmal: 1950 für „All About Eve“ (Anne Baxter und Bette Davis), 1959 für „Suddenly, Last Summer“ (Katharine Hepburn und Elizabeth Taylor), 1977 für „The Turning Point“ (Anne Bancroft und Shirley MacLaine), 1983 für „Terms of Endearment“ (nochmal MacLaine und Debra Winger) und 1991, als Geena Davis und Susan Sarandon beide für Ridley Scotts Road-Movie „Thelma & Louise“ nominiert waren. Nur MacLaine gewann für „Terms of Endearment“. In den Nebenrollen-Kategorien ist dies gar nicht so selten der Fall, da traten mitunter sogar drei Performer gegeneinander an, u.a. auch in den ersten beiden „Godfather“-Filmen 1972 und 1974, wobei Robert De Niro für letzteren gewann.
Die „Big Five“

Die wichtigsten Kategorien der Oscar-Verleihung sind jene für den besten Film, für die beste Regie, männliche und weibliche Hauptrolle, männliche und weibliche Nebenrolle sowie bestes Originaldrehbuch und bestes adaptiertes Drehbuch. Wenn man die beiden Nebenrollen wegnimmt und nur eine der beiden Drehbuchkategorien behält, bleiben so die fünf Königskategorien, auch „Big Five“ genannt, übrig. Drei Filme haben es in der langen Geschichte geschafft, alle diese fünf Preise zu gewinnen – und interessanterweise keinen anderen. Frank Capras Romantikkomödie „It Happened One Night“ (1934) mit Clark Gable und Claudette Colbert, Miloš Formans Psychiatrie-Drama „One Flew Over the Cuckoo’s Nest“ (1975) mit Jack Nicholson und Louise Fletcher sowie Jonathan Demmes Serienkiller-Schocker „The Silence of the Lambs“ (1991) mit Anthony Hopkins und Jodie Foster. Dass es in einer der Königskategorien zu einem Gleichstand kommt und deswegen zwei Gewinner ausgerufen werden, gab es insgesamt nur zweimal: Bei der fünften Oscar-Verleihung (1931/32) gewannen sowohl Wallace Beery für das Boxerdrama „The Champ“ und Fredric March für die Horroradaption „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ jeweils den Preis für den besten Hauptdarsteller, und bei der 41. Verleihung im Jahr 1968 schrieben Katharine Hepburn („The Lion in Winter“) und Barbra Streisand („Funny Girl“) – letztere in ihrem Filmdebüt – gemeinsam Geschichte. Dabei war Streisands Stimme ausschlaggebend, denn sie soll für sich selbst gestimmt haben.
Individuelle Rekorde

Wer hat die meisten Preise in den Hauptkategorien gewonnen? Zwei Produzenten haben jeweils drei Oscars für den besten Film erhalten: Sam Spiegel gewann für Elia Kazans Krimidrama „On the Waterfront“ (1954) sowie für zwei von David Leans epischen Prachtschinken, „The Bridge on the River Kwai“ (1957) und „Lawrence of Arabia“ (1962). Saul Zaentz nahm gemeinsam mit Michael Douglas den Preis für „One Flew Over the Cuckoo’s Nest“ (1975) entgegen, als Soloproduzent gewann er dann noch zweimal für „Amadeus“ (1984) und „The English Patient“ (1996). Am häufigsten nominiert wurde Steven Spielberg, bis einschließlich dieses Jahr stolze 14-mal. Bei den Regisseuren thront John Ford (im Bild rechts) nach wie vor über allen mit vier Preisen („The Informer“ [1935], „The Grapes of Wrath“ [1940], „How Green Was My Valley“ [1941], „The Quiet Man“ [1952]), die meisten Nominierungen erhielt William Wyler mit 12, er gewann den Preis dreimal, neben Ford und Frank Capra der einzige, der öfter als zweimal gewinnen konnte.

Bei den Darstellern hat sich Daniel Day-Lewis mit drei Hauptrollen-Oscars von seinen Kollegen abgesetzt: 1989 für „My Left Foot“, 2007 für „There Will Be Blood“ und 2012 für „Lincoln“. Laurence Olivier und Spencer Tracy sind die am häufigsten nominierten Hauptdarsteller mit neun, ersterer gewann für „Hamlet“ (1948) unter eigener Regie, letzterer zwei Jahre in Folge für „Captains Courageous“ (1937) und „Boys Town“ (1938). Bei den Damen ist bis heute Katharine Hepburn eine Klasse für sich, sie hat auch die meisten Preise aller Schauspieler, nämlich vier, alle für Hauptrollen: „Morning Glory“ (1933), „Guess Who’s Coming to Dinner“ (1967), „The Lion in Winter“ (1968) und „On Golden Pond“ (1981). Den Nominierungsrekord hält mit 17 Meryl Streep. Bei den männlichen Nebendarstellern liegt Walter Brennan vorn, der alle seine drei Oscars innerhalb von nur fünf Jahren gewann: „Come and Get It“ (1936), „Kentucky“ (1938) und „The Westerner“ (1940). Die meisten Nominierungen mit vier erhielten insgesamt acht Performer. Bei den Frauen haben nur Dianne Wiest („Hannah and Her Sisters“ 1986 und „Bullets Over Broadway“ 1994, beide von Woody Allen) und Shelley Winters („The Diary of Anne Frank“ 1959 und „A Patch of Blue“ 1965) den Award zweimal gewonnen, Thelma Ritter wurde mit sechsmal am häufigsten nominiert.

Wie sieht’s denn nun mit den Drehbuchautoren aus? Was Drehbuchadaptionen, also Übersetzungen von anderen Medien ins Drehbuchformat, angeht, so gelang es insgesamt zehn Autoren, zweimal zu triumphieren, darunter auch das Duo Francis Ford Coppola und Mario Puzo für die ersten beiden „Godfather“-Teile. Siebenmal nominiert wurde indes der legendäre und unvergleichliche Billy Wilder. Bei den Originaldrehbüchern liegt indes Woody Allen voran, sowohl bei der Anzahl an Siegen (3: „Annie Hall“ 1977, mit Marshall Brickman; „Hannah and Her Sisters“ 1986 und „Midnight in Paris“ 2011) als auch jener an Nominierungen (16). Nimmt man beide Kategorien zusammen, egalisieren Billy Wilder und Paddy Chayefsky den Rekord von Allen mit drei, wobei Chayefsky alle seine ausgezeichneten Skripts alleine schrieb.
Filme der Superlativen

Wenn wir nun einen Blick auf die Filme werfen, die für unglaubliche Rekorde gesorgt haben, dann kommt man nicht umhin, zuerst mit den Werken anzufangen, die die meisten Preise für sich beanspruchen durften. Und da ragen bis heute drei Filme heraus: William Wylers pompöses Monumentalepos „Ben-Hur“ legte 1959 die Messlatte vor, als er elf von insgesamt zwölf Nominierungen in Siege umwandeln konnte. Dieser Rekord wurde bislang zweimal egalisiert: einmal von James Camerons Katastrophenepos und Popkultur-Phänomen „Titanic“ (1997) und dann noch einmal von Peter Jacksons epochalem Fantasy-Finale „The Lord of the Rings: The Return of the King“ (2003), der mit einer perfekten Gewinnquote von 100% – elf Nominierungen, elf Preise – ein Alleinstellungsmerkmal innehat. Der Nominierungsrekord wurde in diesem Jahr ordentlich nach oben geschraubt: Ryan Cooglers Vampir-Horror-Musical-Drama „Sinners“ ist in 16 Kategorien nominiert, und bricht damit den „Titanic“-Rekord, der bis dahin in 14 verschiedenen Kategorien nominiert war. „La La Land“ erhielt 2016 ebenfalls 14 Nominierungen, diese in 13 Kategorien, da zwei Songs gegeneinander antraten. Joseph L. Mankiewicz‘ Showbiz-Satire „All About Eve“ erhielt 1950 auch 14 Preischancen, diese in 12 Kategorien, da sowohl zwei Hauptdarstellerinnen als auch zwei Nebendarstellerinnen gesetzt waren. Der Rekord für die meisten Darsteller-Nominierungen für einen einzelnen Film liegt übrigens bei fünf, dies gelang insgesamt neun Filmen.

Die größte Pechsträhne erlebten indes sowohl Herbert Ross‘ Ballett-Drama „The Turning Point“ (1977) und Steven Spielbergs Familiendrama „The Color Purple“ (1985), die beide mit elf Preischancen bedacht wurden und beide komplett leer ausgingen. Ebenfalls elf Preise verloren überdies Jane Campions Spätwestern „The Power of the Dog“ (2021), der von 12 Nominierungen nur den Oscar für die Regie erhielt und Jacques Audiards umstrittenes Crime-Drama-Musical „Emilia Pérez“ (2024), das zwar mit 13 Nennungen die meisten für einen nicht-englischsprachigen Film erhielt, aber unterm Strich mit Zoë Saldañas Nebenrollen-Preis und dem besten Song „El Mal“ enttäuschte.
Die einzigen „Best Picture“-Gewinner, die nur in dieser einen Kategorie berücksichtigt wurden, sind „The Broadway Melody“ (1928/29), „Grand Hotel“ (1931/32, einzige Nominierung) und „Mutiny on the Bounty“ (1935).Ein Siegerfilm, der nur in zwei Kategorien ausgezeichnet wurde, ist ebenfalls äußerst selten, davon gibt es insgesamt sechs, zuletzt „Spotlight“ (2015), der neben dem Hauptpreis noch den fürs beste Originaldrehbuch von Regisseur Tom McCarthy und Josh Singer erhielt. Davor muss man bis ins Jahr 1952 („The Greatest Show on Earth“) zurückgehen, um einen Film mit so wenig Ausbeute zu finden.
Das Alter ist auch nur eine Zahl

Die Altersrekorde bei den Oscars weisen eine hohe Spanne auf: der jüngste Produzent, der für den Oscar für den besten Film nominiert wurde und diesen auch einheimsen durfte, war mit gerade einmal 22 Jahren Carl Laemmle, Jr. für „All Quiet on the Western Front“ (1930). Der älteste Gewinner in dieser Kategorie ist Saul Zaentz (76) für „The English Patient“ (1996), ältester Nominierter ist Clint Eastwood (84) für „American Sniper“ (2014). Jüngster Regisseur ist seit 2016 Damien Chazelle, der mit 32 bereits den Oscar für sein Musical „La La Land“ erhielt. John Singleton schrieb 1991 mit „Boyz n the Hood“ Geschichte, denn er war mit 23 Jahren nicht nur bis heute der jüngste Nominierte, sondern auch der erste schwarze Regisseur in dieser Kategorie. Den Rekord für den ältesten Sieger hält bis auf Weiteres Clint Eastwood, der 2004 mit 74 Jahren für „Million Dollar Baby“ triumphierte, Martin Scorsese war bei seiner bislang letzten Nominierung für „Killers of the Flower Moon“ (2023) bereits 81.

Ältester Hauptrollen-Preisträger sowie Nominierter ist seit 2020/21 Anthony Hopkins mit damals 83 für „The Father“, der jüngste Gewinner ist Adrien Brody, der mit 29 für „The Pianist“ (2002) gewann. Mit gerade einmal neun Jahren wurde Jackie Cooper 1931 für „Skippy“ nominiert. Bei den Frauen ist Jessica Tandy die älteste Gewinnerin: mit 80 holte sie den Goldjungen für „Driving Miss Daisy“ (1989). Die jüngste Siegerin ist indes die gehörlose Marlee Matlin, die 1986 mit 21 für „Children of a Lesser God“ prämiert wurde. Im Jahr 2012 wurde sowohl der Rekord für die älteste als auch die jüngste Nominierte gebrochen: Quvenzhané Wallis (9) für „Beasts of the Southern Wild“ und Emmanuelle Riva (85) für Michael Hanekes „Amour“.

Bei den Nebendarstellern hält Christopher Plummer sowohl den Rekord als ältester Gewinner (82, für „Beginners“ 2011) als auch als ältester Nominierter (88, für „All the Money in the World“ 2017). Jüngster Gewinner ist seit 1980 Timothy Hutton, der 20-jährig für Robert Redfords Regiedebüt „Ordinary People“ gewann, im Jahr davor war Justin Henry mit gerade einmal acht Jahren als Dustin Hoffmans und Meryl Streeps Filmsohn in „Kramer vs. Kramer“ nominiert. Bei den Damen ist Peggy Ashcroft („A Passage to India“ 1984) mit 77 Jahren die älteste Gewinnerin, Gloria Stuart ist für ihre Rolle der älteren Rose DeWitt Bukater in „Titanic“ (1997) mit 87 Jahren Rekordhalterin, was das fortgeschrittene Alter angeht. Jüngste Nominierte und gleichzeitig auch Siegerin ist Tatum O’Neal, die 1973 an der Seite ihres Vaters Ryan in Peter Bogdanovichs Road-Movie „Paper Moon“ mit erst zehn Jahren gewann.
So viel zu Zahlen, Daten und Fakten der bisherigen 98 Oscar-Verleihungen. Als nächstes unternehme ich einen Streifzug durch die Geschichte und stelle besonders überraschende, schockierende und unvergessliche Jahrgänge vor. Dranbleiben, Filmfreunde. Es lohnt sich garantiert!