Ausgezeichnet mit der Palme d’Or beim Filmfestival in Cannes 2025: Jafar Panahis erstaunlich humorvolle Rachegeschichte, in der er eine Gruppe Kriegsversehrte ihr Martyrium aufarbeiten lässt.

Wie schwierig es ist, im Iran als Filmemacher zu arbeiten, weiß wohl kaum jemand besser als Jafar Panahi. Der für seine sozialkritischen politischen Dramen bekannte Auteur hat seit jeher mit Zensuren, Strafverfolgungen und sogar Gefängnisaufenthalten Vorlieb nehmen müssen. All das hat ihn jedoch nie daran gehindert, sein filmisches Werk unbeeindruckt fortzusetzen. 30 Jahre nachdem er mit seinem Regiedebüt „The White Balloon“ die „Camera d’Or für das beste Erstlingswerk entgegennehmen durfte, gelang ihm in diesem Jahr mit dem schwarzhumorigen Krimidrama „Yek Tasadof-e Sadeh“, im Französischen „Un Simple Accident“, international „It Was Just an Accident“ der große Triumph, und er erhielt die Palme d’Or. Damit hat er nach dem Goldenen Löwen von Venedig für „Dâyere (The Circle)“ (2000) und dem Goldenen Bären von Berlin für „Taxi Teheran“ (2015) alle Hauptpreise der drei größten internationalen Filmfestivals gewonnen, was neben ihm nur den Regielegenden Henri-Georges Clouzot, Michelangelo Antonioni und Robert Altman gelang.
Der neue Film des inzwischen 65jährigen Panahi wurde ohne Genehmigung im Iran gedreht, und weibliche Darstellerinnen tragen keine Hijab aus Protest gegen die Tragepflicht. Der illegal entstandene Film dürfte Panahis Standing in seinem Heimatland, ohnehin schon sehr umstritten, noch mehr beeinträchtigen. „Yek Tasadof-e Sadeh“ versteht sich, so meine Auffassung, aber weniger als offensichtliche Regimekritik am Iran als vielmehr eine kraftvolle Auseinandersetzung mit Kriegstrauma und den unmenschlichen Haftzuständen, denen politische Gefangene in iranischen Gefängnissen ausgesetzt sind. Panahi selbst weiß das natürlich nur allzu gut, und er nutzt dieses Drama einerseits als Abrechnung, andererseits jedoch auch als Mahnung. Er lässt seine Figuren zwar ihr erlebtes Trauma verarbeiten, vergisst dabei aber nie auf deren menschlichen Kern.

Eines Nachts fährt ein Mann (Ebrahim Azizi) mit seiner hochschwangeren Frau und kleinen Tochter mit dem Auto, als er einen Hund überfährt. Er sucht Hilfe in einer nahegelegenen Werkstatt, die dem Aserbaidschaner Vahid (Vahid Mobasseri) gehört. Als er den Mann, der eine Beinprothese trägt, sprechen und humpeln hört, glaubt Vahid, seinen Peiniger Eghbal aus dem Gefängnis identifiziert zu haben. Am nächsten Morgen fährt er dem Mann nach und steckt ihn in seinen Lieferwagen, um ihn in der Wüste lebendig zu begraben. Der Mann will jedoch nicht zugeben, „Holzbein“ zu sein und fleht Vahid an, ihn freizulassen. Unsicher, ob er nicht doch den falschen Mann erwischt hat, fährt er mit seiner Geisel nach Teheran zurück, um mithilfe anderer früherer Gefängnisinsassen seine Identität zweifelsfrei zu verifizieren. Vom Buchhändler Salah wird er an die Hochzeitsfotografin Shiva (Mariam Afshari) verwiesen, die gerade eine Bilderreihe mit einem Hochzeitspaar aufnimmt. Die Braut Golrokh (Hadis Pakbathen) vermutet ebenfalls, dass es sich bei dem Mann um Eghbal handelt, und auch Shivas Exfreund Hamid (Mohamad Ali Elyasmehr), der später dazustößt, erkennt ihn wieder. Nun entbrennt zwischen den ungleichen Kameraden eine hitzige Auseinandersetzung darüber, ob es gerechtfertigt wäre, den Familienvater zu ermorden, während seine Frau kurz der Entbindung steht.
So dunkel und düster die Ausgangsposition dieses moralischen Dilemmas, so überraschend humorvoll und wendungsreich gestaltet Panahi dieses Drama. Er lässt die Figuren einen regelrechten Spießrutenlauf durchleben, die mit vielen witzigen Momenten aufgelockert wird. Im Zentrum steht der Werkstattbesitzer Vahid, der eigentlich nur ein vergangenes Unrecht an ihm rächen will, und sich später dazu genötigt sieht, der Frau und Tochter seines Peinigers in der Klinik beizustehen und bei der Geburt ihres Sohnes zu helfen. Das ist ungemein kraftvoll und zeigt, dass man auch in schwierigen Zeiten nicht das Gute im eigenen Menschsein aufgeben darf. Dadurch nimmt Panahi dem Film auch einiges von der Schwere der Thematik ab, die trotzdem, insbesondere in den hitzigen und minutenlang ohne Schnitt auskommenden Auseinandersetzungen zwischen den Folteropfern Eghbals, allgegenwärtig ist.

Die Darsteller machen ihre Sache allesamt hervorragend, wobei die ausdrucksstärkste Performance von Mohamad Ali Elyasmehr als Hamid kommt, die stellenweise aber auch ein bisschen ins Übersteigerte abdriftet. Besonders gegen Ende, wenn Vahid und Shiva ihren einstigen Peiniger zur Rede stellen, entlädt sich die ganze Wucht des ethischen Dilemmas und der schwierigen Vergangenheitsbewältigung, nicht nur für die Figuren, sondern auch für Autor und Regisseur Panahi selbst. Dass er einen antiklimatischen Lösungsweg wählt, ist stark und hoffnungsvoll, dürfte aber die iranischen Behörden und Zensoren dennoch nicht milde stimmen. Als humanistisches Werk ist „Yek Tasadof-e Sadeh“ Panahis Meisterstück.
Von der Wettbewerbsjury in Cannes unter Vorsitz von Juliette Binoche zu Recht, trotz ungemein starker Konkurrenz unter anderem von Sergei Loznitsa und Joachim Trier, mit der „Palme d’Or“ ausgezeichnet, bringt Jafar Panahi ein wuchtiges Moralitätenspiel auf die Leinwand, das dank seiner starken Schauspieler, cleveren und mitunter humorvollen Dramaturgie und einem aufreibenden und letztlich menschlichen Endes nachhaltig beeindruckt.
Wertung: vier von vier Sternen!
Trailer: