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In Yorgos Lanthimos‘ kammerspielartigem Psychothriller treffen der CEO eines großen Pharmaunternehmens und ein von Verschwörungstheorien verblendeter Loser aufeinander – mit irren Wendungen.

© 2025 Universal Pictures International, Focus Features. Alle Rechte vorbehalten.

Ich kann es selber kaum glauben, aber die Handlung dieses schwarzhumorigen Thrillers ist keine Erfindung der Gegenwart, sondern beruht auf einen 22 Jahre alten südkoreanischen Film namens „Jigureul jikyeora! (Save the Green Planet)“ von Jang Joon-hwan. Es ist aber durchaus treffend, dass der griechische Starregisseur Yorgos Lanthimos die Handlung dieser absurden Geschichte in die Gegenwart transportiert und neu auflegt. Abgesehen von den Science Fiction-Elementen fühlt sich „Bugonia“ erschreckend nah an der Realität an und führt die zunehmende Radikalisierung in der Gesellschaft eindrucksvoll vor Augen. Es ist ein Szenario, das wie aus den Schlagzeilen gegriffen anmutet. Aber auch wenn hier Yorgos Lanthimos hinter der Kamera steht, allzu viel zu lachen gibt es diesmal nicht.

Michelle Fuller (Emma Stone) ist der einflussreiche CEO des großen Pharmakonzerns „Auxolith“, gefürchtet, ja, aber sie möchte ihren Mitarbeitern auch etwas zurückgeben, indem sie es jedem Mitarbeiter freistellt, um 17:30 Uhr nach Hause zu gehen. Auf sie haben es zwei durchgeknallte junge Männer abgesehen, die eigentlich gar nicht zur Belegschaft von „Auxolith“ gehören, aber dennoch eine Rechnung mit Fuller offenhaben. Die Cousins Teddy (Jesse Plemons) und Don Gatz (Aiden Delbis) hecken einen perfiden Kidnapping-Plot aus, weil, und jetzt kommt’s, Teddy der festen Überzeugung ist, dass sie als Alien vom fremden Planeten „Andromeda“ geschickt wurde, die Menschheit auszukundschaften und zu unterjochen. Teddys Mutter Sandy (Alicia Silverstone), die in ihm das Faible für verrückte Verschwörungstheorien geweckt hat, liegt im Koma, weil sie als Testsubjekt ein Medikament von „Auxolith“ nicht verträgt, was Teddy eine zusätzliche Motivation gibt, Fuller zur Rede zu stellen. Im hauseigenen Keller ketten er und Don sie an, rasieren ihr den Kopf kahl, damit sie keinen Kontakt zu ihrem „Mutterschiff“ aufnehmen kann und zwingen sie, ihre diabolische Agenda zu gestehen, bevor die nächste Mondfinsternis eintritt. Doch zu einem Psychoduell gehören immer zwei, und der Machtkampf zwischen Teddy und Michelle wird immer erbitterter.

© 2025 Universal Pictures International, Focus Features. Alle Rechte vorbehalten.

Bugonia“ ist eigentlich ein gefilmter Sketch in Spielfilmlänge, mit einer abgefahrenen Schlusspointe, die der ganzen Scharade am Ende ein wenig den Wind aus den Segeln und damit den satirischen Biss nimmt. Der Film nimmt sich selbst über weite Strecken der knapp zwei Stunden Laufzeit zu ernst und versucht zu sehr, mit gewalttätigen Einlagen und plötzlichen Wendungen zu schockieren. Will Tracy geht mit seinem Drehbuch einen Drahtseilakt ein, der sehr viel Präzision verlangt und dabei zwangsläufig etwas ins Schlingern gerät. Es gelingt dennoch, ein über zwei Stunden spannendes und unterhaltsames Ideologieduell auf die Leinwand zu projizieren, das mich als Zuschauer von Anfang an in seinen Bann zieht. Selten kommt das Gefühl auf, es hier mit einer übersteigerten Satire zu tun zu haben, sondern mit einem erschreckend realistischen Thriller.

Die drei Hauptdarsteller von „Bugonia“ laufen allesamt zu Hochform auf: Emma Stone verleiht ihrer Figur eine passende Verschrobenheit, die hauptsächlich zu Beginn des Films zum Vorschein kommt. Der neurodivergente Newcomer Aidan Delbis ist die Entdeckung des Films, dessen Figur Don zwar von seinen beiden Szenenpartnern überspielt wird, aber dennoch mit ein paar denkwürdigen Momenten aufwartet und als tragischste der Figuren in Erinnerung bleibt. Der große Auftritt gebührt hier jedoch zweifellos Jesse Plemons: seit über einem Jahrzehnt schon entwickelt er sich stetig als Charakterdarsteller weiter, angefangen von seiner Schurkenrolle in der legendären Crime-Serie „Breaking Bad“, die ihm den Spitznamen „Meth Damon“, wegen seiner optischen Ähnlichkeit zum namensähnlichen Schauspieler, eingebracht hat. Sein Teddy Gatz in „Bugonia“ ist der vorläufige Höhepunkt seiner Vita. Wie er diesen völlig durchgeknallten, unbeirrbaren und ungepflegten Typen spielt, ist ebenso beeindruckend wie erschreckend. Plemons verschwindet in der Rolle, und man ist als Zuschauer ständig zwiegespalten, ob man ihn aufgrund seines Schicksals – als Kind von einem Polizisten (Stavros Halkias) missbraucht, mit einer komatösen Mutter im Spital – mit ihm mitfühlen und mitfiebern oder ihn für seine abstrusen Ansichten verabscheuen und verteufeln soll. So sollte Schauspielkunst gehen.  

© 2025 Universal Pictures International, Focus Features. Alle Rechte vorbehalten.

Bugonia“ funktioniert, bis auf das auf die absurde Spitze getriebene Finale, redlich als Spiegel der modernen Gesellschaft, in der jeder in seiner eigenen Echokammer sitzt und jedwede Logik und Hausverstand außer Kraft setzt, sobald es jemand wagt, gegen die eigenen utopischen Vorstellungen zu verstoßen. Eine Gesellschaft, in der ein auf gegenseitigen Respekt und Verständnis beruhender Dialog immer schwieriger und anstrengender wird, in der politische und ideologische Grabenkämpfe mit zunehmender Verbitterung und Radikalisierung geführt werden. Nur, kann Yorgos Lanthimos‘ Film überhaupt einen sinnvollen Beitrag zur aktuellen und überaus brisanten Problematik beitragen? Daran werden sich wieder einmal die Geister scheiden. Gut gemacht ja, mit hochklassigen Darstellern, fehlt der Satire leider der letzte Biss. Verschwörungstheorien haben die Informationsgesellschaft schon so dermaßen infiltriert und verseucht, dass es eigentlich fast schon müßig wäre, noch zusätzlich Öl ins Feuer zu gießen, besonders in der Ära „Trump 2.0“, die uns leider noch ein paar Jahre in Atem halten wird.

Unterm Strich ist „Bugonia“ ein unterhaltsames, stark gespieltes Duell zweier Top-Stars in einem spannenden Kammerspiel, das schockiert und überrascht, einige Zuschauer am Ende aber genauso verwirrt zurücklassen wird wie die Hauptfiguren. Als Gesellschaftskritik anno 2025 jedenfalls sehr gelungen.

Wertung: drei von vier Sternen!

Trailer:

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