In dieser internationalen Ko-Produktion nimmt der ukrainisch-stämmige Filmemacher Sergei Loznitsa das Publikum in die Sowjetunion auf dem Höhepunkt des stalinistischen Terrors mit. Exklusiv von der Viennale 2025.

Von allen Wettbewerbsbeiträgen beim diesjährigen Festival von Cannes schnitt der Politthriller „Two Prosecutors“ von Sergei Loznitsa neben dem Gewinner der Palme d’Or, Jafar Panahis ebenfalls politisch brisantem Drama „It Was Just an Accident“, bei den Kritikern am besten ab. Wenn man den Film gesehen hat, wird man sich vielleicht ausmalen können, wie ihnen nach dem Abspann zumute gewesen sein dürfte. Loznitsa entfaltet in knapp zwei Stunden eine beklemmende, zutiefst tragische Geschichte eines jungen idealistischen Juristen der Aufsichtsstaatsanwaltschaft, dessen Versuch, auf die Missstände in den Gefängnissen und der menschenunwürdigen Behandlung derer Insassen, darunter sogar einst anerkannte Parteimitglieder, aufmerksam zu machen und etwas dagegen zu unternehmen, auf taube Ohren und Widerstand stößt. Es ist ein hoffnungsloses Unterfangen, welches der junge Anwalt da auf sich nimmt, und Loznitsa erzählt davon mit einer Einfachheit, die beklemmt.
In einem Gefängnis in Brjansk wird ein alter Häftling von den Aufsehern dazu gezwungen, Nachrichten, zumeist Gnadengesuche an Stalin, zu verbrennen. Eine dieser Nachrichten findet aber den Weg aus dem Gefängnis und ins Büro der örtlichen Staatsanwaltschaft. Der erst seit drei Monaten praktizierende Kornev (Alexander Kusnezow) macht sich auf den Weg ins Gefängnis, um den Urheber der Nachricht, den Bolschewiken Stepniak (Alexander Filippenko), zu besuchen. Er harrt stundenlang im Büro des stellvertretenden Gefängnisdirektors (Andris Keišs) aus, bis man ihm, widerwillig, Zugang zum gebrechlichen und schwerkranken Mann, den Kornev einst auf der Universität einen Vortrag halten sah, gewährt. Stepniak zeigt dem jungen Mann seinen durch Folter versehrten Körper und erzählt ihm, dass auch andere Parteigrößen gezwungen wurden, falsche Geständnisse zu unterschreiben. Er bittet Kornev, nach Moskau zu fahren, um Stalin oder zumindest den Generalstaatsanwalt (Anatoli Bely) davon zu berichten, um Untersuchungen in dieses Treiben einzuleiten. Der idealistische Junganwalt hofft, sich dort entgegen aller bürokratischer Hürden Gehör zu verschaffen.

In kalten, statischen Bildern erzählt, ungefiltert und ungeschönt, erzählt Loznitsa in gemächlichem Tempo diese Geschichte, die von Anfang an eine intensive Spannung erzeugt. Kornyevs Geduld wird bei jedem Amtsbesuch, zuerst im Gefängnis und dann im Büro des Generalstaatsanwalts, auf die Probe gestellt, und mit jedem Moment nimmt die Anspannung nicht nur beim Junganwalt, sondern auch beim Zuschauer zu. Man fragt sich, ob Kornyevs Mission, Gerechtigkeit für die inhaftierten Parteimitglieder zu erreichen, noch einen guten Ausgang nehmen wird. Loznitsa ist meisterhaft darin, das Publikum lange Zeit darüber im Unklaren zu lassen. Man wiegt sich in Sicherheit, wird aber zu keinem Zeitpunkt das Gefühl los, dass das Verhängnis nur einen Augenblick entfernt ist – bis zur Auflösung!
„Two Prosecutors“ ist ein weiteres erschütterndes Zeitdokument aus der Zeit der stalinistischen Diktatur, die auch nach über 70 Jahren seit dem Tod Stalins im März 1953, noch viel Aufarbeitung erfahren muss. Geschichten wie diese sollen uns daran erinnern und ermahnen, wie menschenunwürdig sein Regime zu Werke gegangen ist und wie hoffnungslos und kalt die Sowjetunion in ihren dunkelsten Zeiten gewesen ist. Der Film zeigt auch die Konsequenzen auf, die das mutige Eingreifen in politisch motivierte Justizfälle nach sich ziehen. Anhand der Figuren des Aufsichtsstaatsanwalts Kornev und des Gefängnisinsassen Stepniak, gespielt von Alexander Kusnezow und Alexander Filippenko, wird den Opfern dieser systematischen Säuberung zwei Gesichter gegeben. Der Generalstaatsanwalt der Sowjetunion, Andrei Wyschinski, ist eine historische Figur, gespielt von Anatoli Bely mit kalter Präzision.
Dank seiner langsamen, intensiven Erzählweise und der beeindruckenden schauspielerischen Darbietungen brennt sich „Two Prosecutors“ auch lange nach Abspann noch ins Gedächtnis. Ein außerordentlicher Politthriller.
Wertung: vier von vier Sternen!
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