In diesem historischen Polit-Thriller verschlägt es Wagner Moura als in Ungnade gefallenen Wissenschaftler nach Recife während der brasilianischen Militärdiktatur, um einem Mordkomplott zu entkommen. Exklusiv von der Viennale 2025.

Im letzten Jahr verfilmte Walter Salles mit „Ainda Estou Aqui (Für immer hier)“ überaus erfolgreich das spurlose Verschwinden des ehemaligen Kongressabgeordneten und Architekten Rubens Paiva (Selton Mello) aus der Sicht seiner verzweifelten, aber dennoch mutigen Frau Eunice (Fernanda Torres). Der Film wurde bei der Oscar-Verleihung mit dem Preis für den besten internationalen Film ausgezeichnet, Torres wurde für ihre fantastische Leistung nominiert. Sogar für den besten Film war er nominiert. Nur ein Jahr später entführt Salles‘ Landsmann Kleber Mendonça Filho in die Zeit politischer Unruhen und strenger militaristischer Unterdrückung in Brasilien. Er schrieb und inszenierte einen spannenden, mit viel Flair und Stil inszenierten Thriller, in dem er seinen Hauptdarsteller Wagner Moura auf die Flucht schickt. Es ist, wie schon „Ainda Estou Aqui“, eine faszinierende Reise in eine vergangene Ära, in der das heute pulsierende Land von einem repressiven Regime schikaniert wurde.
Armando (Moura) lehrte einst an der Universität und war an der Entwicklung einer Lithiumbatterie beteiligt, als der korrupte Geschäftsmann Dr. Ghirotti (Luciano Chirolli) die Kontrolle über die Fakultät an sich reißt. Armando will sich nicht beugen, und als seine Frau Fátima stirbt, muss er untertauchen. 1977 kommt er unter dem Decknamen Marcelo nach Recife, wo sein Sohn Fernando von Fátimas Eltern, dem Filmvorführer Alexandre und seiner Frau großgezogen wird. Mit der Hilfe von Rebellen will Marcelo eine sichere Ausreise für sich und Fernando organisieren, und arbeitet zur Tarnung in einem Meldeamt, das im selben Gebäude wie das Polizeirevier beheimatet ist. Dort sucht er zunächst ungestört nach der Akte seiner Mutter. Doch Ghirotti schickt zwei Auftragsmörder los, die ihn beseitigen sollen. Und dann ist da noch ist ein menschliches Bein, das in einem erlegten Hai gefunden wurde, just zur selben Zeit, als Steven Spielbergs Film „Jaws“ in Alexandres Kino läuft.
Anders als der Film von Walter Salles kommt „O Agente Secreto“ wesentlich leichter und auch viel humorvoller daher, was bereits in der spannenden Eröffnungsszene an einer abgelegenen Tankstelle offensichtlich ist. Filho macht auch keinen Hehl daraus, dass er ein großer Cineast ist, indem er einen wichtigen Handlungsort ins Kino von Sr. Alexandre verlegt. So legt Filho eine tonale Mischung aus Thriller, Politkrimi, Familiendrama und Komödie aus, die in keinem Moment aus der Balance gerät und den Zuschauer über die ausnehmenden 158 Minuten nie langweilen, sondern den Film im Gegenteil sogar fast schon kurzweilig wirken lässt. Man kann das südamerikanische 70er-Jahre-Ambiente regelrecht einatmen, auch dank des eklektischen und stimmungsvollen Soundtracks.

Wagner Moura beweist hier einmal mehr, dass er ein überaus wandelbarer Schauspieler ist, der längst zu einem der talentiertesten Charakterköpfe des gegenwärtigen Weltkinos gereift ist. Hier gibt er eine wirklich gute Vorstellung ab und er nimmt das Publikum auf eine emotionale und enorm spannende Reise mit. Besonders beeindruckend sind seine Rückblenden, in denen er, mit längeren Haaren, die optisch ein wenig an Revoluzzer-Legende Che Guevara erinnern, eine ganze Bandbreite an schauspielerischer Kunst auffährt. Ebenso erinnerungswürdig ist Robério Diógenes als undurchsichtiger und schmieriger Polizeichef Euclides. Und in einer kurzen Gastrolle ist der deutsche Kultschauspieler Udo Kier zu sehen, der das Klischee der deutschen Holocaust-Überlebenden, die fälschlicherweise als Naziflüchtlinge gehalten werden, aufwärmt – eine Szene, die eher aufgrund des historischen Kontexts im Film existiert, mit der Handlung aber nichts zu tun hat, ebenso wie das abgerissene Bein im Haigebiss, das in einer der lustigsten und denkwürdigsten Szenen des Kinojahres eine wichtige Rolle einnimmt.
Mit seiner bislang aufwendigsten Produktion empfiehlt sich Kleber Mendonça Filho als einer der vielversprechendsten Genreregisseure des internationalen Gegenwartskinos, der Vergleiche mit Quentin Tarantino, Robert Rodriguez oder David Fincher nicht scheuen braucht. Mit einer überragenden zentralen Performance von Wagner Moura gelingt ihm ein spannendes und stellenweise sehr humorvolles Zeitportrait einer Nation unter der Fuchtel eines brutalen Regimes. Nicht immer fokussiert, dafür stilsicher inszeniert.
Wertung: dreieinhalb von vier Sternen!
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