Unglaublich beklemmender, nervenaufreibender Thriller mit großartigen Darstellern über das wahre Schicksal eines sechsjährigen Mädchens im Gazastreifen, das im Januar 2024 stundenlang in einem Auto ums Überleben kämpft und die Rotkreuz-Mitarbeiter, die sie verzweifelt zu retten versuchen.

Hier braucht man gar nicht um den heißen Brei herumzureden. Wer in „Sawt Hind Rajab (The Voice of Hind Rajab)“ hineingeht, der weiß, wie die Geschichte endet. Am 29. Januar 2024, während des brutalen Krieges zwischen Israel und der palästinensischen Terrororganisation Hamas im Gazastreifen gerät ein Auto an einer Tankstelle inmitten der Kriegszone schwer unter Beschuss. In diesem Auto saßen sieben Personen: ein Mann, seine Frau, ihre vier Kinder und ihre Nichte. Nach einem schweren Angriff bleibt nur mehr die sechsjährige Nichte, Hind Rajab, liebevoll Hanoud genannt, am Leben. Was dann folgt, ist ein stundenlanges Martyrium. Es ist eine Schlagzeile, die aufwühlt, die wütend macht, die das ganze Grauen des Krieges, nicht nur am Gazastreifen, eindrücklich und eindringlich vor Augen führt. Mit diesem Kontext ist es umso bewundernswerter, was die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania da auf Film verewigt hat. Die Arbeit am Drehbuch hat sie Berichten zufolge sehr mitgenommen und man kann es wahrlich nachempfinden, denn in jeder Szene, die in den Räumlichkeiten des „Palästinensischen Roten Halbmonds“ im Westjordanland spielt, wird die Angst, ja die Panik, die die aufopferungsvollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben, regelrecht spürbar.
Zwischen Dokumentation und fiktionaler Bearbeitung schafft Ben Hania hier ein filmisches Denk- und Mahnmal einer humanitären Katastrophe, die mit einem vorübergehenden Waffenstillstand, der Anfang Oktober 2025 geschlossen wurde, zumindest einmal zu einem Stillstand gekommen ist. Dieser Film ist wahrlich nichts für schwache Nerven, und spätestens wenn am Ende des Films echte Aufnahmen des mit 355 Kugeln (!) zerschossenen Autos der Familie und der zerstörte Krankenwagen mit den beiden getöteten Sanitätern gezeigt wird, ist die Tragik der Geschichte nur mehr schwer zu ertragen. Die professionellen Schauspieler, die die Callcenter-Mitarbeiter spielen, bringen allesamt eine ungeheure Intensität und spürbare Verzweiflung in ihre Rollen. Die Koordinierung des Rettungseinsatzes, die nur über große bürokratische Umwege in Gang gebracht werden konnte, ist packender inszeniert als ein durchschnittlicher Thriller.
Man fiebert förmlich mit Omar, Rana, Nizreen und auch Mahdi mit und man merkt ihnen ihre Nervosität und ihre Verzweiflung in jedem Augenblick an. Besonders Motaz Malhees als Omar, der als erster mit dem Mädchen telefoniert, spielt sich hier die Seele aus dem Leib. Auf Handydisplays sind dann Aufnahmen der echten Mitarbeiter der Rettungszentrale zu sehen, die über Stunden versuchen, den Kontakt mit Hind Rajab aufrechtzuerhalten, das verstörte und völlig verängstigte Mädchen zu beruhigen und gleichzeitig ihren in Deutschland lebenden Onkel und ihre Mutter, die unweit des Angriffsorts mit Hinds kleinem Bruder verweilt, zu beschwichtigen. Auch sie kommt in Newsreel-Aufnahmen zu Wort. Die ebenfalls authentischen Audioaufnahmen des Mädchens, mit schwerem Artillerie-Geräusch im Hintergrund, legen Zeugschaft davon ab, welch unmenschliches Leid ein unschuldiges kleines Mädchen, das erst in die Vorschule „Happy Childhood“ geht, erleiden musste.

Das Publikum bei der Uraufführung in Venedig zollte dem Film mit 23 Minuten Standing Ovations gebührenden Respekt, und die Wettbewerbsjury verlieh dem beklemmenden Drama den Großen Preis der Jury. Nun kann man, wie im Umfeld der Preisverleihung Anfang September, darüber diskutieren, ob der Film, so wichtig und politisch brisant und relevant er ist, eigentlich mit dem Hauptpreis hätte prämiert werden müssen. Das schießt jedoch am eigentlichen Ziel eines Filmfestivals vorbei. Vor allem würde es Ben Hanias Verdienst den Wind aus den Segeln nehmen. Es ist in jedem Fall ein wahrlich herausragendes Werk von wütender Dringlichkeit, das die sinnlose Gewalt im Gazastreifen anprangert und ein Kriegsverbrechen für alle Zeit dokumentiert, das von späteren Generationen hoffentlich noch genauer studiert wird, um solche Tragödien bestmöglich zu vermeiden. Dann, nur dann, wird es nicht mehr notwendig sein, solche Filme überhaupt noch drehen zu müssen.
„Sawt Hind Rajab (The Voice of Hind Rajab)“ schafft dem tapferen kleinen Mädchen, das leider nicht überlebt hat, einen eindringlichen Tribut. Man kann allen Beteiligten, vor allem den Schauspielern, nur großes Lob für ihre aufopferungs- und respektvolle Arbeit zollen.
Wertung: vier von vier Sternen!
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