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Dieser Film ist ein Geschenk: die Rückkehr eines lange abwesenden Vaters ins Leben seiner beiden erwachsenen Töchter reißt alte Wunden auf und führt zu einer emotionalen und schmerzhaften Vergangenheitsbewältigung

© 2025 Filmladen, MK2 Films. Alle Rechte vorbehalten.

Vor vier Jahren brachte Joachim Trier mit seiner Tragikomödie „Verdens verste menneske (Die schlimmste Person der Welt)“ ein klug observiertes, tiefgründiges und melancholisches Portrait einer Frau heraus, das nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Eine Charakterstudie über eine Kohorte der Generation Millennials, deren Ambitionen schwer greifbar sind und deren Lebensentwürfe auf keinem soliden Fundament stehen. In der Titelrolle brilliert Renate Reinsve, die für ihre Darbietung nicht nur den Preis für die beste Hauptdarstellerin beim Filmfestival in Cannes bekam, sondern damit auch den großen Durchbruch und internationale Anerkennung erfuhr. Der Erfolg – es gab auch Oscar-Nominierungen für den besten internationalen Film sowie fürs Originaldrehbuch von Trier und Eskil Vogt – spricht für sich. Die Erwartungen an Triers Nachfolgeprojekt waren dementsprechend groß.

Im Mai diesen Jahres war es, abermals in Cannes, soweit und Trier trat mit seinem neuen Werk „Affeksjonsverdi (Sentimental Value)“ im Wettbewerb an. Und was soll man da noch groß sagen: es war ein Triumph. Von Kritikern gefeiert, von der Jury mit dem Grand Prix gewürdigt – nach der Palme d’Or (für Jafar Panahi) der zweitwichtigste Preis, von Filmfans wie mir herbeigesehnt. In diesem berührenden Familiendrama spielt Reinsve wieder die Hauptrolle, und ihr stehen mit Inga Ibsdotter Lilleaas, Elle Fanning und Stellan Skarsgård überragende Charakterdarsteller zur Seite, die allesamt zu absoluter Hochform auflaufen.

© 2025 Filmladen, MK2 Films. Alle Rechte vorbehalten.

Nora Borg (Reinsve) ist eine gefeierte Theaterschauspielerin, die auch schon in einer Fernsehserie mitgespielt hat. Mit ihrem verheirateten Kollegen Jakob (Anders Danielsen Lie) hat sie eine Affäre. Sie hat eine enge Bindung zu ihrer Schwester Agnes (Lilleaas), deren Mann Even (Andreas Stoltenberg Granerud) und dem kleinen Sohn Erik (Øyvind Hesjedal Loven). Nach dem Tod ihrer Mutter Sissel taucht nach Jahren der Abwesenheit Vater Gustav (Skarsgård) zur Trauerfeier im Familienhaus in Oslo auf. Ein einst gefeierter Filmregisseur, der aber seit zehn Jahren kein neues Projekt mehr verwirklicht hat, trifft er sich kurze Zeit später mit Nora, um ihr ein autobiografisches Drehbuch anzubieten, in dem sie die Hauptrolle spielen soll. Weil Nora aber nach wie vor sehr wütend auf ihren Vater ist, lehnt sie das Angebot entschieden ab. Als Gustav auf dem „Deauville Film Festival“ einen alten Film von sich, in dem Agnes mitgespielt hatte, zeigt, macht er die Bekanntschaft mit dem glamourösen Hollywood-Star Rachel Kemp (Fanning), die schließlich die für Nora vorgesehene Rolle annimmt. Während der Drehvorbereitungen, die im Familienhaus getroffen werden, kommen sich Gustav, Agnes und trotz einiger Vorbehalte ihrerseits auch Nora wieder näher. Das Filmprojekt wird für seine Töchter persönlicher als sie anfänglich gedacht haben.

Von der ersten Einstellung an, in dem Triers Kamera die Risse im Gefüge des Hauses einfängt, entlädt sich hier ein persönliches, ungekünsteltes und aus dem wahren Leben gegriffenes Werk. Ohne Klischees, ohne übertriebene Melodramatik und mit viel Feingefühl erzählt er von einer auseinandergerissenen Familie, die durch die Kunst des Films langsam wieder zusammenfindet. Trier findet dabei wunderschöne Bilder, vor allem am Strand von Deauville, wo Gustav und Rachel eine beschwingte Nacht verbringen. Vor allem beschwört Trier hier die Kraft des Geschichtenerzählens als Akt der Selbstreflexion und Vergangenheitsbewältigung. Indem Gustav seine eigene Familiengeschichte dramatisiert, setzt er sich nicht nur mit dem traumatischen Schicksal seiner Mutter, der Protagonistin im Film innerhalb des Films, auseinander, sondern auch mit dem Leben seiner beiden Töchter. Das haben Trier und Vogt wirklich wunderbar ausgearbeitet. „Affeksjonsverdi“ erzeugt eine wuchtige emotionale Resonanz, ohne allzu schwermütig daherzukommen und schweren dramatischen Ballast von sich abzuladen. Inszenatorisch wahrlich eine Meisterleistung.

© 2025 Filmladen, MK2 Films. Alle Rechte vorbehalten.

Aber das wahre Prunkstück dieses Filmjuwels ist seine durch die Bank exzellente Besetzung: Reinsve gibt hier eine überragende Performance ab, die wohl nicht ganz zufällig auch ein wenig an Julie aus „Verdens verste menneske“ erinnert und sich ein bisschen auch wie eine Erweiterung ihrer früheren Paraderolle anfühlt. Mit großer Emotionalität und dem Anmut eines echten Starlets macht auch Elle Fanning eine starke Figur, die viel Tiefe in einen ansonsten eher seichten oder zumindest oberflächlichen Charakter solchen Typs bringt. Inga Ibsdotter Lilleaas steht ihren beiden wesentlich bekannteren Kolleginnen in nichts nach und ist die große Entdeckung dieses Films. Am meisten hat mich aber Stellan Skarsgård umgehauen. Seit Jahrzehnten eine verlässliche Größe des Weltkinos, spielt er hier die Rolle seines Lebens. Wie er in besonders intensiven Szenen mit einem einfachen Blick so viel ausdrückt, ohne Dialog, ist hohe Kunst. Er schafft es, einen nuanciert gezeichneten Charakter zu entwickeln und zu spielen, der zwar als Filmemacher viel Anerkennung erhält, aber als Familienvater wenig taugt. Im witzigsten Moment des Films sorgt sein wenig durchdachtes Geburtstagsgeschenk an Enkel Erik für große Lacher.

Für mich ist „Affeksjonsverdi“ jetzt schon ein Meisterwerk und zweifellos nicht nur einer der besten Filme des Jahres, sondern des bisherigen Jahrzehnts. Wenn dieser Film, sein Regisseur und seine Darsteller bei den Preisverleihungen in den kommenden Monaten ignoriert werden, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Das ist großes Kino: witzig, emotional und mit viel Pathos. Bravo!

Wertung: vier von vier Sternen!

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