Skip to main content

An der renommierten Yale-Universität kommt es zu einem folgenschweren Skandal, als eine Starstudentin schwere Anschuldigungen gegen einen Dozenten erhebt. Aber wer von beiden lügt? Luca Guadagnino verhandelt „#metoo“.

Sexueller Missbrauch ist kein Kavaliersdelikt. Es ist ein schwerwiegender Machtmissbrauch. Seit im Herbst 2017 mit den Anschuldigungen gegen mächtige Hollywood-Größen wie Produzent und Studioboss Harvey Weinstein, Schauspieler Kevin Spacey und unzählige andere (ehemalige) Industriegrößen ist das Bewusstsein für strenge moralische Grenzen noch mehr gewachsen. Der Schutz der eigenen körperlichen Sicherheit vor sexuellen Übergriffen und die Sanktionen gegen dessen Missachtung war, ist und bleibt eine wichtige Agenda nicht nur in der Filmindustrie, sondern überall in der Gesellschaft. Viel hat sich in den vergangenen acht Jahren diesbezüglich getan, aber der Weg hin zu einer gleichberechtigten, gewaltfreien Kultur am Arbeitsplatz oder im akademischen Umfeld ist noch ein weiter.

© 2025 Sony Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Drehbuchautorin Nora Garrett hat sich dieses brisanten und nach wie vor sehr heiklen Themas mit ihrem Skript zu „After the Hunt“ angenommen, das nun vom italienischen Regisseur Luca Guadagnino, der momentan einen recht prallen Terminkalender auf seinem Schreibtisch liegen haben dürfte, umgesetzt wurde. Er nimmt sein Publikum an die Universität von Yale in Connecticut mit. Dort steigt die Handlung bei einer exquisiten Dinnerparty im Apartment der Philosophie-Professorin Alma Imhoff (Julia Roberts) und ihres Gatten Frederic (Michael Stuhlbarg) ein. Almas bester Freund ist ihr Kollege Henrik „Hank“ Gibson (Andrew Garfield), doch wird nur einer von beiden bald eine ersehnte Fixanstellung an der Universität erhalten. Ihre Lieblingsstudentin Maggie (Ayo Edebiri) schreibt gerade an ihrer Dissertation. Nach einer langen, feucht-fröhlichen Nacht bringt Hank Maggie nach Hause. Kurze Zeit später vertraut sie Alma an, von Hank in ihrer Wohnung sexuell belästigt worden zu sein. Auf die Anschuldigungen angesprochen, weist dieser aber jeden Verdacht von sich und bezichtigt Maggie im Gegenzug, ihre Doktorarbeit zu großen Teilen plagiiert zu haben, und den Angriff erfunden zu haben, um sich zu rächen und von ihrer wissenschaftlichen Unrechtmäßigkeit abzulenken. Hank wird gefeuert, und Alma findet sich plötzlich zwischen den Fronten wieder, besonders als Maggie ein brisantes und äußerst problematisches Geheimnis aus Almas Vergangenheit entdeckt.

Die Spannung in „After the Hunt“ liegt nicht darin, wer nun hier der Täter und wer das Opfer ist. Wenn man es genau betrachtet, ist hier jeder Täter und Opfer – sowohl Maggie, Hank, als auch Alma. Garrett und Guadagnino verzichten, möglicherweise bewusst, auf eine klare Figurenzeichnung, die sich entweder auf Gut oder Böse einpendelt. So befindet man sich als Zuschauer in der keinesfalls beneidenswerten Position, sich zu fragen, auf wessen Seite man sich in dieser Geschichte eigentlich schlagen sollte. Guadagnino inszeniert hier mit geschickter Präzision, die die Unsicherheit ob der Motive und der Alibis der Figuren abwechselnd schüren und entkräften. Eindeutige Indizien offenbart er jedenfalls keine. Damit zeigt Guadagnino auf eindrucksvolle Weise die Auswirkungen unserer gegenwärtigen „Cancel Culture“ und der „He Said/She Said“-Problematik auf. Der Thriller versteht sich als Sinnbild einer zunehmend sensibilisierten Ära, in der das Bild der toxischen Männlichkeit und des Machtgefälles bereits ausreicht, um die Reputation und das Leben eines Menschen nachhaltig zu ruinieren.

© 2025 Sony Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Ihm gelingt es auch, das Leben hinter der Universitätsmauern einzufangen, dank Garretts eloquenten Dialogen. Zum Gelingen dieses Films tragen die drei zentralen Protagonisten bei: Ayo Edebiri, die sich nach ihrer „Emmy“- und „Golden Globe“-prämierten Arbeit an „The Bear“ nun auch in ihrer ersten großen Kinorolle reüssiert und überzeugend an der Seite ihrer gestandenen Kollegen agiert. Michael Stuhlbarg, der eigentlich nur den Part des unterstützenden Ehemanns und als Instanz von außen übernimmt, reißt so manche Szene an sich, auch wenn man sich vielleicht fragt, wozu. Andrew Garfield spielt seinen Part mit Unberechenbarkeit und spürbarer Verzweiflung. Und in ihrer besten Rolle seit Jahren zeigt Oscar-Preisträgerin Julia Roberts wieder einmal ihre schauspielerische Klasse in einer Figur mit viel Widersprüchlichkeit. Jede dieser Figuren, minus Stuhlbarg natürlich, ist ambivalent gezeichnet.

Dass Guadagnino seinen Film im Stil von Woody Allen gedreht hat, inklusive seines charakteristischen Vorspanns mit der alphabetischen Reihenfolge der Darsteller, ist eine interessante künstlerische Entscheidung, die in Anbetracht von Allens eigener bewegter Geschichte überraschen dürfte. Für mich ist das jedenfalls Guadagninos bislang bester Film, der zwar etwas lang geraten ist, dafür aber mit viel Spannung und cleverer Musik von Trent Reznor und Atticus Ross aufwartet, die das Verwirrspiel um Schuld und Unschuld, Täter und Opfer antreibt. Ein guter Beitrag zur Debatte um sexuellen Machtmissbrauch.

Wertung: drei von vier Sternen!

Trailer:

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Manuel Stephan

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen