Es ist wieder Mitte Oktober, und die Wiener Innenstadtkinos bereiten sich auf den alljährlichen Ansturm an Cineasten aus dem In- und Ausland vor. Ab 16. Oktober breitet sich wieder die internationale Filmszene bei der Viennale aus. Highlights aus dem Programm.

Eröffnet wird das Festival traditionell mit einer großen Gala, bei der Bundespräsident Alexander van der Bellen, Festivaldirektorin Eva Sangiorgi und der Festivalpräsident jeweils eine Rede halten. Letztere Position war aber seit dem Tod des geschätzten Hollywood-Produzenten Eric Pleskow 2019 nicht nachbesetzt worden. Bis jetzt. Als Nachfolger des vom Holocaust nach Amerika emigrierten Oscar-Preisträgers („Amadeus“ 1984) hat die Viennale den deutschen Autorenfilmer Christian Petzold auserkoren. Der 1960 in Hilden geborene Filmemacher ist seit vielen Jahren gern gesehener Stammgast in Wien, so auch zuletzt 2023 mit seiner wunderbaren Tragikomödie „Roter Himmel“, die er neben den Schauspielern Langston Uibel und Thomas Schubert in einem ausverkauften Gartenbaukino vorstellte. Nun kehrt er als designierter Festivalpräsident zurück und darf zu diesem Anlass auch gleich sein neuestes Spielfilmprojekt vorstellen: das Drama „Miroirs No. 3“, uraufgeführt in einer Special Presentation auf dem Filmfestival in Cannes im Mai. Darin überlebt Paula Beer einen schrecklichen Autounfall und wird von einer in der Nähe wohnenden Familie gepflegt und aufgenommen. Diese hat aber ein tragisches Geheimnis. Der Film wird am Eröffnungsabend auch in anderen Viennale-Kinos gezeigt.

Fans der amerikanischen Independent-Ikone Richard Linklater haben dieses Jahr gleich doppelten Grund zur Freude, denn der bald 65jährige Regisseur hat dieses Jahr gleich zwei Festivalfavoriten fertiggestellt. Im Februar gelangte die Tragikomödie „Blue Moon“ im Wettbewerb der Berlinale zu ihrer umjubelten Weltpremiere. Ein bärenstarker Ethan Hawke spielt, optisch verändert, den alkoholkranken Songwriter Lorenz Hart, der im März 1943 nach der Uraufführung des Theaterstücks „Oklahoma!“ seines einstigen Kreativpartners Richard Rodgers (Andrew Scott, famos) mit seinem neuen Kompagnon Oscar Hammerstein II in der New Yorker Bar „Sardi’s“ die Scherben seines Egos aufsammeln muss und um seine Würde und seine Karriere kämpft. Einer der besten Filme des Jahres! Das andere Werk Linklaters trat dann im Mai im Wettbewerb um die Goldene Palme in Cannes an: sein französischsprachiger Film „Nouvelle Vague“, in dem Linklater die Entstehung von Jean-Luc Godards stilbildendem Meisterwerk „À bout de souffle (Außer Atem)“ dramatisiert, das die titelgebende Filmbewegung maßgeblich prägte und beeinflusste. Wer sich beide Filme am Stück ansehen möchte, der hat dazu am Montag, 27. Oktober im Gartenbaukino Gelegenheit.

Apropos Cannes: der Gewinnerfilm der diesjährigen Ausgabe darf natürlich nicht im Line-Up der Viennale fehlen. Der iranische Filmemacher Jafar Panahi, der neben den Hauptpreisen in Berlin und Venedig nun also auch den von Cannes sein Eigen nennen darf, gilt in seinem Heimatland schon lange als erklärter Feind des repressiven Regimes. Das hindert ihn aber zum Glück nicht daran, sein kritisches Filmschaffen fortzuführen. Ähnlich wie Mohammad Rasoulof im vergangenen Jahr mit „Daneh Anjeer Moghadas (Die Saat des Heiligen Feigenbaums)“ versteht sich auch Panahis neues Werk „Yek Tasadof-e Sadeh (It Was Just an Accident)“ als bittere Anklage an sein Heimatland. Ein Werkstattbesitzer glaubt bei einer Begegnung mit einem Unfallopfer seinen Peiniger aus dem Gefängnis wiederzuerkennen und entführt ihn. Da er sich aber nicht sicher ist, ob er es auch tatsächlich ist, zieht er andere frühere Folteropfer in seine Situation hinzu. Ebenso politisch brisant wird es in Sergei Loznitsas Cannes-Wettbewerbsbeitrag „Two Prosecutors“, das in die stalinistische Sowjetunion des Jahres 1937 entführt. Ein junger Staatsanwalt will einen zu Unrecht inhaftierten alten Bolschewiken aus dem Gefängnis holen und muss sich mit dem korrupten politischen System arrangieren.

Der Gewinner des Goldenen Löwen von Venedig 2025, Jim Jarmuschs Triptychon „Father Mother Sister Brother“, wird einmal am Freitagnachmittag, dem 17. und einmal am Abend des Sonntag, dem 19. Oktober jeweils im Gartenbaukino gezeigt. In drei kurzen, nicht zusammenhängenden Episoden erzählt die Regielegende Geschichten von erwachsenen Kindern und ihrer schwierigen Beziehung zu ihren Eltern. Mit großem Staraufgebot besetzt, u.a. mit Adam Driver, Tom Waits, Cate Blanchett, Vicky Krieps und Charlotte Rampling.

Zwei Debütfilme von international bekannten und beliebten Schauspielern stehen heuer auf dem Viennale-Programm. Kristen Stewart verfilmte mit „The Chronology of Water“ die Memoiren der Schwimmhoffnung und späteren Lehrerin Lidia Yuknavitch, die als Autorin ihre schwierige Vergangenheit aufarbeitet. In der Hauptrolle überzeugt Imogen Poots. Währenddessen hat es auch Harris Dickinson hinter die Kamera verschlagen und er schrieb und inszenierte das Drama „Urchin“ über einen Obdachlosen (Frank Dillane), der verzweifelt einen Ausweg aus seinen trostlosen Umständen sucht.

Kelly Reichardt nimmt sich mit ihrem neuen Film „The Mastermind“ dem Genre des Heist-Films an. Josh O’Connor spielt einen Kunstdieb in den 1970er Jahren, der sich auf Gemälde von Arthur Dove spezialisiert hat. Ein thematisch ähnlicher Film ist „Roofman“ von Derek Cianfrance, eine Krimikomödie nach wahren Begebenheiten. Channing Tatum spielt einen Einbrecher, der „McDonald’s“-Filialen ausraubt und Zuflucht in einer „Toys ‚R‘ Us“-Filiale findet, bis er sich in eine alleinerziehende Mutter (Kirsten Dunst) verliebt.

Starbesetze Hollywood-Produktionen mit großen Awards-Ambitionen gibt es auch heuer wieder zu begutachten: Yorgos Lanthimos drehte seinen bereits vierten gemeinsamen Film mit seiner Lieblingsschauspielerin Emma Stone. Die rabenschwarze Komödie „Bugonia“ bringt die Beiden wieder mit Jesse Plemons zusammen, der zuletzt 2024 in „Kinds of Kindness“ mitspielte. Er spielt einen paranoiden, von Verschwörungstheorien umnebelten Imker, der seine schwerkranke Mutter (Alicia Silverstone) retten will. Er entführt den mächtigen CEO (Stone) eines Pharmaunternehmens, weil er sie für ein Alien hält, das die Menschheit angeblich auslöschen soll. Remake eines südkoreanischen Thrillers aus dem Jahr 2003, erschreckend aktuell und brisant. Genauso zeitgemäß ist „After the Hunt“, der neue Thriller des äußerst vielbeschäftigten Luca Guadagnino. In einem renommierten amerikanischen College wird das Leben der Professorin Alma (Julia Roberts) vollends zur Entgleisung gebracht, als ihre beliebte Studentin Maggie (Ayo Edebiri) furchtbare Anschuldigungen gegen Almas geschätzten Kollegen Hank (Andrew Garfield) erhebt und sie dadurch mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert wird.

Hochkarätige internationale Produktionen im Programm gibt es dieses Jahr wieder aus einigen Ecken der Welt. Nach Walter Salles‘ erschütterndem, Oscar-prämierten Drama „Ainda Estou Aqui (Für immer hier)“ (2024) vertritt in diesem Jahr Kleber Mendonça Filho sein Heimatland Brasilien bei der Viennale mit seinem spannenden fast dreistündigen Polit-Thriller „O Agente Secreto (The Secret Agent)“, in dem es den titelgebenden Geheimagenten Wagner Moura während der Militärdiktatur auf der Flucht nach Recife verschlägt. Norwegens Oscar-Beitrag 2025 stammt von Autor und Regisseur Joachim Trier: im berührenden Familiendrama „Affeksjonsverdi (Sentimental Value)“ tritt nach Jahren der Entfremdung der Filmemacher Gustav (Stellan Skarsgård) wieder ins Leben seiner beiden Töchter Nora (Renate Reinsve) und Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) und will Nora für ein neues Projekt gewinnen. Als sie ablehnt, kommt stattdessen Hollywoodstar Rachel (Elle Fanning) zum Zug.

Dann ist da noch der gefeierte südkoreanische Auteur Park Chan-wook, dessen neuer schwarzhumoriger Crime-Thriller „Eojjeol Suga Eopda (No Other Choice)“ seit seiner Uraufführung in Venedig für Furore sorgt. Lee Byung-hun verliert nach 25 Jahren seinen Job und greift zu drastischen Mitteln, um sich auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich durchzusetzen. Und wenn wir schon bei umjubelten Publikumslieblingen vom Lido sind, dann führt kein Weg an „Sawt Hind Rajab (The Voice of Hind Rajab)“ vorbei. Die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania erzählt in semidokumentarischer Ästhetik vom grausamen Martyrium eines erst sechsjährigen Mädchens, das im Januar 2024 während des israelischen Angriffskriegs im Gazastreifen in einem Auto mit ihren toten Familienmitgliedern ums Überleben kämpft, während sie mit Einsatzkräften telefoniert.

Internationale Stargäste, die der Viennale in diesem Jahr ihre Aufwartung machen werden, sind unter anderem die französische Oscar-Preisträgerin und Präsidentin der Europäischen Filmakademie, Juliette Binoche, die am Dienstag, 21. Oktober, im Gartenbaukino ihr Regiedebüt „In-I in Motion“ vorstellen wird. Der amerikanische Charakterdarsteller Willem Dafoe, seit über vier Jahrzehnten in Hollywood und international angesehen, spricht über den Film „The Souffleur„, in dem er den Manager des Wiener Hotels „Intercontinental“ spielt, das er vor dem Ruin bewahren will. Auch John C. Reilly, bekannt aus Filmen von Paul Thomas Anderson oder an der Seite des Komödienexperten Will Ferrell, wird nach Wien kommen, wenn sein neuer Film „Testa O Croce?“ gezeigt wird.
Das ist jetzt nur mal eine kleine Auswahl an ausgewählten Filmperlen, die in den kommenden zwei Wochen über die Wiener Kinoleinwände flimmern werden. Einige von diesen und noch viele andere Titel werde ich sehen und gewohnt kritisch begutachten. Diese Viennale verspricht jedenfalls viele unvergessliche Momente und kinematografische Sternstunden. Wir sehen uns im Kino!