Erinnerungen an einen der ganz Großen: an der Seite seines kongenialen Partners und Freund auf Lebzeiten Paul Newman schreibt sich Robert Redford sowohl als Wildwest-Bandit als auch als 1930er-Gauner mit Charme und Stil in die Annalen der Kinogeschichte ein.

Robert Redford starb am 16. September 2025 im stolzen Alter von 89 Jahren im Schlaf zuhause in Utah umgeben von seiner Familie. Mit ihm verliert die Filmindustrie, nicht nur in Amerika, eine der wichtigsten Persönlichkeiten der vergangenen 60 Jahre. Er wirkte an zahllosen Erfolgsproduktionen mit, sodass es müßig wäre, auch nur eine kleine Auswahl daraus aufzuzählen, denn man vergisst zwangsläufig auf den einen oder anderen Klassiker aus seiner umfangreichen Filmografie als Schauspieler, Produzent und Regisseur. Mehr noch als das, gilt Redford als Ikone des Independent-Kinos, der mit dem von ihm gegründeten „Sundance“-Institut ein wichtiger Wegbereiter für ein junges, unabhängiges und von Studiozwängen befreites Kino war. Das „Sundance Film Festival“, das jedes Jahr im Januar stattfindet und im Jahr 2027 von Park City, Utah, nach Boulder, Colorado, übersiedeln wird, gilt alljährlich als wichtiges Sprungbrett für Independent-Produktionen, von denen einige es bis zur Oscar-Verleihung geschafft haben – man denke dabei z.B. an Damien Chazelles intensives Musikerdrama „Whiplash“ (2014).
Ich möchte gar nicht erst groß versuchen, seinem Vermächtnis in einem kurzen Text gerecht zu werden, denn es ist schlicht zu verwegen. Wenn ich persönlich an Redford denke, dann nicht nur an einen ungemein gutaussehenden Mann mit Charisma und Leinwandpräsenz ohne Ende, sondern auch an einen Charakterdarsteller mit viel Facettenreichtum und Tiefgründigkeit. Er überzeugte nicht nur in romantischen Komödien oder Tragödien, sondern auch in politischen Dramen und Thrillern. Auch actionbetonten Produktionen konnte er stets seinen eigenen Stempel aufdrücken, unter anderem sogar im „Marvel“-Universum. Eine seiner außergewöhnlichsten Leistungen zeigte er in J.C. Chandors Survival-Thriller „All is Lost“ (2013) als alternder Bootsmann, der auf hoher See mit einem Leck zu kämpfen hat und das mit nur 51 gesprochenen Worten in 105 Minuten. Das zeugt von großer Schauspielkunst.

Am meisten wird Redford wohl nicht nur bei mir durch seine beiden Filme mit dem ebenfalls schmerzlich vermissten Paul Newman in Erinnerung bleiben. Beide Male unter der Regie George Roy Hills, gibt es hier geballte Eleganz und Starpower im Doppelpack. 1969 taten sich der damals 33jährige Redford und sein 11 Jahre älterer Schauspielkollege Newman für eine Westernkomödie zusammen. Was im Nachhinein doch sehr überraschen dürfte, ist die Tatsache, dass „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ zunächst von Kritikern eher bescheiden aufgenommen wurde. Doch über die Jahre entwickelte der Film dann einen bis heute anhaltenden Kultstatus. Das Oscar-prämierte Drehbuch von William Goldman hat es in der von der Gewerkschaft der amerikanischen Drehbuchautoren kompilierten Liste der 101 besten Drehbücher des 20. Jahrhunderts auf Platz 11 geschafft. Viele moderne Autoren verweisen darauf, wenn es um ein gut strukturiertes Filmskript geht.
Der Film handelt von zwei realen Figuren, Newmans Butch Cassidy und Redfords Sundance Kid. Goldman nahm sich aber sehr viele kreative Freiheiten in seiner Interpretation der beiden Outlaws heraus, um sich nicht mit allzu viel Recherchearbeit aufhalten zu müssen. Goldmans Ausgangspunkt für die Geschichte war seine Beobachtung, dass die beiden Figuren, entgegen eines berühmten Zitats von F. Scott Fitzgerald, „es gibt keine zweiten Chancen im Leben von Amerikanern“, durch ihre Flucht nach Südamerika eine ebensolche erhielten. Zwei Westernhelden auf der Flucht war aber ein Konzept, das viele Filmstudios zu jener Zeit abschreckte. Zudem waren Butch und Sundance wesentlich populärer in Südamerika als in den USA. Goldman schrieb das Drehbuch jedoch nur minimal um, und verkaufte es schließlich an „20th Century Fox“.

Butch Cassidy und Sundance Kid sind die Anführer der „Hole in a Wall“-Gang. Nach einer längeren Abwesenheit der Beiden haben die übrigen Mitglieder aber Harvey Logan (Ted Cassidy, nicht verwandt oder verschwägert) zu ihrem neuen Boss ernannt. Nachdem sich Butch seine Führungsrolle durch einen mit einer List gewonnenen Messerkampf zurückholt, übernimmt Butch Logans verwegenen Plan, einen Zug der „Union Pacific“ gleich zweimal – einmal auf dem Ost- und dann auf dem Westweg – zu überfallen. Der erste Überfall läuft wie am Schnürchen, doch der zweite geht gehörig schief. Nicht nur verwendet Butch zu viel Dynamit, sodass das Geld bei der Explosion mit in die Luft fliegt, die Gang wird auch von einer Gruppe Kopfgeldjägern, die sich in einem kurz darauf eintreffenden zweiten Zug bereithalten, unerbittlich verfolgt. Als sie erfahren, dass ihre Verfolger erst aufhören, wenn sie tot sind, überredet Butch Sundance und dessen Freundin, Lehrerin Etta (Katharine Ross), gemeinsam nach Bolivien abzuhauen. Doch statt einem Paradies, wie sie es sich vorgestellt haben, erwartet sie dort nur eine karge Einöde. Die beiden Banditen wollen von da an ein ehrliches Dasein führen, aber gibt es für zwei so glorreiche Halunken überhaupt so etwas?
Gespickt mit schnellen, witzigen Wortgefechten, einem beschwingten und unvergesslichen Soundtrack – inklusive dem Evergreen „Raindrops Keep Falling on My Head“, geschrieben von Burt Bacharach und Hal David, gesungen von B.J. Thomas. Die Musik ist wesentlicher Bestandteil dafür, dass diese Outlaw-Ballade wesentlich leichter und unterhaltsamer ist als viele andere Genrebeiträge zu jener Zeit, wie etwa Sam Peckinpahs im selben Jahr veröffentlichter „The Wild Bunch“, mit seinem legendären, teilweise in Zeitlupe gezeigten finalen Showdown. Während Peckinpah die Kamera beim Kugelhagel beinhart draufhält, verabschieden sich Butch und Sundance mit einem heldenhaften und unvergessenen Standbild.

„The Sting“ war in seinem Erscheinungsjahr 1973 ein großer Erfolg sowohl bei Kritikern als auch beim Publikum, anders als Hills, Newmans und Redfords Vorgängerprojekt vier Jahre zuvor. Hier spielt Redford den gerissenen jungen Trickbetrüger Johnny Hooker, der in Joliet, Illinois, mit dem alternden Gauner Luther (Robert Earl Jones, Vater des legendären James Earl Jones) gemeinsame Sache macht. Zusammen mit einem Komplizen erleichtern sie einen Kurier des irisch-stämmigen Gangsterbosses Doyle Lonnegan (Robert Shaw) um 11,000 Dollar. Ehe Hooker es sich versieht, bringen Lonnegans Männer nicht nur den Kurier, sondern auch Luther um die Ecke. In Chicago macht Hooker Luthers alten Freund Henry Gondorff (Newman) ausfindig, um von ihm nicht nur die hohe Kunst des „großen Bluffs“ zu lernen, sondern auch Rache an Lonnegan zu nehmen. Gemeinsam ziehen die beiden Gentleman-Ganoven eine groß angelegte Finte für den Mob-Boss auf, indem Gondorff als „Shaw“ Lonnegan bei einem Pokerspiel bestiehlt und ihn so auf seine Fährte lockt, während Hooker als „Shaws“ verbitterter Angestellter „Kelly“ Lonnegans Vertrauen gewinnt. Bei einem Wettbetrug soll Lonnegan genug Geld verdienen, um „Shaw“ aus dem Verkehr zu ziehen. Doch während des „Clou“ heften sich das FBI in Person von Agent Polk (Dana Elcar), der korrupte Cop Snyder (Charles Durning) und Lonnegans Killer auf die Fersen des Duos.
„The Sting“ müsste man sich öfter anschauen, um die Genialität seines Plots gebührend zu schätzen zu wissen. In diesem Schelmenstück ist nichts so, wie es scheint, und David S. Wards meisterhaftes Drehbuch – das ihm nicht nur den Oscar einbrachte, sondern auch Platz 39 der besten Drehbücher des 20. Jahrhunderts laut der „Writers Guild of America“, 28 Ränge hinter „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ – strotzt nur so vor verblüffenden Wendungen. Aber nicht nur die ausgeklügelte Dramaturgie, auch George Roy Hills stilvolle Inszenierung macht „The Sting zu einem zeitlosen Klassiker. Obwohl es gar nicht ins Setting von Chicago in den 1930er Jahren passt, entstauben Hill und sein Komponist Marvin Hamlisch einige von Scott Joplins Ragtime-Songs des frühen 20. Jahrhunderts für den Soundtrack, mit „The Entertainer“ als bekanntestem Lied dank seiner eingängigen Klaviermelodie.

Insgesamt gewann „The Sting“ sieben Oscars, neben dem Drehbuch jenen für den besten Film – was Produzentin Julia Phillips zur ersten weiblichen Gewinnerin in dieser Kategorie machte – , für Hills Regie, Ausstattung, Kostüme, Schnitt, und Hamlischs Musikauswahl. Es war das einzige Mal, das Redford für eine schauspielerische Leistung eine Oscar-Nominierung erhielt.
Wer also zwei der besten und coolsten Männer der Filmgeschichte Seite an Seite erleben möchte, der sollte sich vier Stunden freinehmen und Newman und Redford erst in den Wilden Westen zur Jahrhundertwende und dann ins Chicago der 1930er Jahre folgen. Zwei zeitlose Klassiker, zwei unsterbliche Legenden. Danke, Paul. Danke, Robert.
Trailer zu „Butch Cassidy and the Sundance Kid„:
Trailer zu „The Sting„: