Ein Ausnahmeregisseur des Gegenwartskinos meldet sich mit seinem riskantesten und teuersten Filmprojekt zurück. Wo sein Name draufsteht, ist Qualität drin, doch wer ist dieser Paul Thomas Anderson?
In den späten 1980er und 1990er Jahren, da wuchs etwas heran. Eine neue Generation an Filmemachern, die ihre ersten Gehversuche im amerikanischen Independent-Kino machten. Und sich dann anschickten, auch das Mainstream-Kino mit ihren kompromisslosen Geschichten, erzählt mit ihrer unverkennbaren Handschrift, aufzurütteln. Diese Ära bescherte uns Derwische wie Steven Soderbergh, Quentin Tarantino, David Fincher, Darren Aronofsky, Christopher Nolan und meinen heutigen Filmschaffenden im Portrait. Am 26. Juni 1970 erblickte in Los Angeles Paul Thomas Anderson das Licht der Welt. Sein Vater, Ernie, war in der Unterhaltungsindustrie kein Unbekannter. Er war Stationssprecher des großen amerikanischen Networks „ABC“ und entwickelte Mitte der 1960er Jahre für das zum Network „CBS“ gehörende „WJW-TV“ in Cleveland eine überaus beliebte Horrorfigur, „Ghoulardi“, als die er regelmäßig spätnachts in „Shock Theater“ auftrat. Der Legende zufolge war Ernie Andersons Kreation so populär, dass in der Gegend um Cleveland sogar die Kriminalitätsrate stark gesunken sein soll, während „Ghoulardi“ auf den Bildschirmen spukte. Pauls Produktionsfirma trägt in Erinnerung an seinen Vater auch diesen Namen.
PTAs Anfänge

Bereits in seiner Jugend fasste Paul Thomas Anderson den Entschluss, Filmemacher zu werden und drehte erste Filme auf 8mm und später 16mm. Im Alter von 18 Jahren schrieb und inszenierte er den Kurzfilm „The Dirk Diggler Story“, eine „Mockumentary“ über einen abgehalfterten Pornodarsteller, der vom realen Star John Holmes inspiriert war. Eine universitäre Ausbildung brach er nach nur zwei Tagen ab, weil er unter anderem von einem Professor irritiert war, der seine Studenten aufforderte, den Hörsaal zu verlassen, sollten sie den Wunsch hegen, „Terminator 2“ zu schreiben. Anderson ließ sich schon früh nicht in seiner Kreativität einschränken und folgte stets seinen eigenen Instinkten. Stattdessen steckte er 10.000 Dollar in die Produktion des 20minütigen Werks „Cigarettes & Coffee“ (1993), den er im Kurzfilmprogramm des „Sundance Film Festivals“ präsentierte. Regisseur Michael Caton-Jones erkannte Andersons Talent und nahm den jungen Mann unter seine Fittiche, der sich bald darauf anschickte, seinen ersten abendfüllenden Spielfilm zu drehen.
„Hard Eight“ (1996)

„Rysher Entertainment“ nahm Anderson während des „Sundance“-Festivals unter Vertrag, und er schrieb das Krimidrama „Sydney“ als Erweiterung von „Cigarettes & Coffee“. Es geht um die väterliche Beziehung des alternden Glücksspielers Sydney (Philip Baker Hall) und seines jungen Protegés John (John C. Reilly). Diese wird verkompliziert, als sich John in die junge Prostituierte Clementine (Gwyneth Paltrow) verliebt. Und dann ist da noch Johns Freund Jimmy (Samuel L. Jackson), der Sydney mit belastendem Wissen aus seiner Vergangenheit erpresst. Nach Fertigstellung schnitt „Rysher“ den Film um. Anderson veröffentlichte seinen eigenen Workprint unter dem inzwischen geläufigen Titel „Hard Eight“, hierzulande besser bekannt als „Last Exit Reno„, mit dem er ein überzeugendes Spielfilmdebüt gab, das ihm einiges an Kritikerlob einbrachte, unter anderem auch von Roger Ebert. Damit legte er den Grundstein für seine Regiekarriere.
„Boogie Nights“ (1997)

Bereits während der Produktion von „Hard Eight“ begann Anderson Überlegungen zu seinem zweiten Spielfilmprojekt. Er kehrte zu seiner „Mockumentary“ „The Dirk Diggler Story“ zurück und beschloss, diesen zu einem abendfüllenden Film auszubauen. Nach seinen Erfahrungen mit seinem Debüt handelte Anderson mit dem Studio „New Line Cinema“ harte Konditionen aus: „Boogie Nights“ (1997) sollte eine dreistündige Studie über die Pornoindustrie im San Fernando Valley der 1970er und 1980er Jahre werden und – weil es aufgrund der Thematik ohnehin nicht zu vermeiden gewesen wäre – mit einem restriktiven „NC-17“-Rating in die Kinos kommen, das allen Zuschauern unter 17 den Einlass strikt verweigert. Große nordamerikanische Kinoketten nehmen solche Filme daher auch fast nie ins Programm. Anderson forderte sich schließlich selbst heraus, „Boogie Nights“ mit einem weniger strengen „R“-Rating zu drehen. Die finale Schnittfassung läuft aber „nur“ 155 Minuten. Mark Wahlberg spielt darin den Tellerwäscher Eddie, der eines Abends in einem Nachtclub von Pornoregisseur Jack Horner (Burt Reynolds) entdeckt wird. Schnell macht er sich mit seinem Künstlernamen Dirk Diggler einen Namen in der Industrie, doch der Ruhm hat seine Schattenseiten und er und seine Freunde und Kollegen, darunter Rollergirl (Heather Graham) und Maggie/Amber (Julianne Moore) erleben viele Höhen und Tiefen. Ein stilvolles und atmosphärisches Meisterwerk, für das Andersons Drehbuch und die beiden Nebendarsteller Burt Reynolds und Julianne Moore verdiente Oscar-Nominierungen erhielten. Reynolds gewann den „Golden Globe“, und das obwohl er überhaupt nicht gut mit Anderson ausgekommen war und sogar seinen Agenten entlassen hatte, der ihm den Part vermittelt hatte. Selten hat ein Film über die Erwachsenenunterhaltungsindustrie mit solch nuanciert gezeichneten und stark gespielten Charakteren aufgewartet. Und der Soundtrack…
„Magnolia“ (1999)

Der große Erfolg von „Boogie Nights“ bei Kritikern wie auch an den Kinokassen – immerhin 43 Millionen Dollar bei Produktionskosten von 15 Millionen – gab „New Line Cinema“ genügend Gründe, Anderson für seinen nächsten Film völlige Narrenfreiheit zu gewähren. Und der junge Filmemacher wusste, dass er sich in einer Position befand, die er womöglich nie wieder erreichen würde. Während der Postproduktion zu „Boogie Nights“ schrieb Anderson erste Story-Ideen nieder. Ursprünglich wollte er ein kleines, intimes Drama machen, das aber immer mehr ausartete. Schließlich entstand mit „Magnolia“ (1999) ein über dreistündiger Episodenfilm mit mehreren kleinen Geschichten, die alle mal mehr, mal weniger miteinander verbunden sind. Im Zentrum steht jedenfalls die beliebte Quizsendung „ What Do Kids Know?“, die vom alternden, an Krebs erkrankten Jimmy Gator (Philip Baker Hall) moderiert wird. Der Produzent der Show, Earl Partridge (Jason Robards), liegt im Sterbebett und will sich mit seinem entfremdeten Sohn, dem sexistischen Selbsthilfeguru Frank (Tom Cruise), versöhnen. Andere Figuren sind Jimmys Tochter Rose (Melora Walters), Earls jüngere Ehefrau Linda (Julianne Moore), sowie der ehemalige Starkandidat Donnie (William H. Macy) und das aktuelle Quiz-Wunderkind Stanley (Jeremy Blackman). Anderson arbeitete selbst in jungen Jahren hinter den Kulissen bei Fernseh-Quizshows und ließ Erfahrungen daraus einfließen. Mit seinem dritten Spielfilm etablierte sich Anderson schließlich endgültig als moderner Auteur und erhielt für sein Drehbuch eine weitere Oscar-Nominierung. Tom Cruise wurde für seine Tour-de-Force-Performance ebenfalls nominiert und gewann einen „Golden Globe“ für die beste Nebenrolle. Bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin 2000 wurde Anderson der „Goldene Bär“ für den besten Wettbewerbsbeitrag verliehen.
„Punch-Drunk Love“ (2002)

Nach seinen vorangegangenen zwei epischen und kräftezehrenden Filmen legte sich Anderson darauf fest, sein folgendes Projekt klein zu halten und die Filmlänge auf 90 Minuten zu beschränken. Ein großer Fan von Starkomiker Adam Sandler, machte er sich daran, dem Blödelbarden eine uncharakteristische, mit ernsten Facetten angereicherte Rolle auf den Leib zu schreiben, um der Welt zu demonstrieren, dass er mehr kann als nur kindische, cholerische und alberne Figuren zu spielen. So entstand „Punch-Drunk Love“ (2002), eine der ungewöhnlichsten romantischen Komödien des neuen Jahrtausends. Barry Egan ist ein einsamer Unternehmer und leidet darunter, mit sieben Schwestern aufgewachsen zu sein. Er verbringt seine Freizeit damit, Gratis-Flugmeilen von Puddingbechern zu sammeln, und er wird regelmäßig vom Betreiber einer Telefonsexhotline (Philip Seymour Hoffman) erpresst und schikaniert. In dieser turbulenten Phase seines Lebens lernt Barry Lena (Emily Watson) kennen. Dieser quirlige Genrefilm erlebte seine Uraufführung im Wettbewerb von Cannes im Mai 2002, wo die Jury unter Vorsitz von David Lynch Anderson den Regiepreis überreichte. Obwohl „Punch-Drunk Love“ kein kommerzieller Erfolg beschieden war, gilt er heute als Kultfilm mit vielen prominenten Fans. Für Sandler war dies ein entscheidender Wendepunkt in seiner Karriere, der ihm mehr Anerkennung, Angebote für anspruchsvolle Rollen und eine Nominierung für den „Golden Globe“ einbrachte.
„There Will Be Blood“ (2007)

Anderson legte im Anschluss daran eine längere Pause ein. Für seinen nächsten Film ließ er sich dann von Schriftsteller Upton Sinclair und seinem Roman „Oil!“ inspirieren. Er plante eine aufwendige Charakterstudie über einen von Gier und Macht besessenen Mann zur Zeit des frühen 20. Jahrhunderts, während des nordamerikanischen Ölbooms, anzufertigen. Bereits beim Schreiben des Drehbuchs stellte er sich Daniel Day-Lewis in der Rolle des Magnaten Daniel Plainview vor und der bekanntermaßen ausgesprochen wählerische und zurückhaltende Brite nahm die Herausforderung an. „There Will Be Blood“ (2007) ist ein opulent bebildertes, bärenstark gespieltes und epochales Historiendrama, das zu Recht von vielen Kritikern und Industriegrößen als einer der besten Filme des bisherigen 21. Jahrhunderts gehandelt wird. Nicht nur Day-Lewis in seiner wahrscheinlich besten und bekanntesten Rolle, sondern auch sein Gegenspieler und Szenenpartner Paul Dano in einer Doppelrolle mit damals gerade einmal 23 Jahren geben unvergessliche Darbietungen ab, die in einen irren Showdown zwischen den Beiden gipfeln, in dem Plainview den zum geflügelten Wort gewordenen Satz sagt: „I drink your milkshake!“ Day-Lewis und Kameramann Robert Elswit wurden zu Recht mit Oscars gekrönt, sechs weitere Nominierungen, darunter für den besten Film und für Andersons Regie und Drehbuch zeugen von der großen Filmkunst, die alle Beteiligten hier aufgezogen haben. Auch die Wettbewerbsjury in Berlin 2008 zeigte sich von Andersons Regieleistung überzeugt und erkannte ihm den Silbernen Bären zu.
„The Master“ (2012)

Sein sechster Spielfilm, „The Master“ (2012), nahm seinen Ursprung aus einer Beobachtung, die Anderson gelesen hatte, nämlich dass Sekten besonders nach großen Kriegen viel Auftrieb und Zulauf erfahren. Er erinnerte sich auch an die Geschichten, die ihm Jason Robards am Set von „Magnolia“ über seine Zeit in der Navy erzählte. Viele Kritiker sahen Ähnlichkeiten zwischen der im Film gezeigten Bewegung und der „Church of Scientology“, bei der Tom Cruise seit Jahrzehnten überzeugtes Mitglied ist. Es soll aber keinerlei konfliktbehaftete Differenzen zwischen Anderson und Cruise hinsichtlich „The Master“ gegeben haben. Joaquin Phoenix spielt im Film den desillusionierten und zutiefst verunsicherten WWII-Veteranen Freddy Quell, der von dem charismatischen Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman) aufgenommen wird. Gemeinsam bereisen sie mit Dodds Familie und „The Cause“, seiner sektenähnlichen Anhängerschaft, die amerikanische Ostküste, um seine Ideologie und Praxis unter die Menschen zu bringen. Vorwürfe, wonach Dodds Religion nichts weiter als ein Schwindel ist und Freddies zahlreiche Gewaltausbrüche werden aber zu einer ernsten Belastungsprobe nicht nur für die Bewegung, sondern auch zwischen den beiden gegenseitigen Männern. „The Master“ wird von seinen groß aufspielenden Darstellern getragen, allen voran Phoenix, Hoffman und Amy Adams als Dodds Ehefrau, die allesamt Oscar-nominiert wurden. Für Hoffman bedeutete der Film aber leider der Anfang vom Ende seiner glanzvollen Karriere, denn er fiel nur kurz nach Abschluss der Dreharbeiten wieder in eine längst überwunden geglaubte Alkohol- und Drogensucht zurück, die ihm im Februar 2014 schließlich das Leben kostete. Das macht „The Master“ zu einem besonders schwierigen und emotionalen Werk.
„Inherent Vice“ (2014)

Dass sich Anderson vor keiner noch so großen Herausforderung scheut, bewies er 2014. Da nahm er sich als erster Filmemacher einer Adaption eines Romans des ebenso legendären wie mysteriösen Schriftstellers Thomas Pynchon an, der, ähnlich wie etwa J.D. Salinger, ein zurückgezogenes Leben fernab der Öffentlichkeit bevorzugt. Anderson adaptierte dessen schwarze Krimikomödie „Inherent Vice“, indem er zunächst alle 384 Seiten des Romans übersetzte und das Drehbuch erst dann auf Spielfilmlänge herunterkürzte – ein ungewöhnlicher Arbeitsprozess für eine Drehbuchadaption. Joaquin Phoenix übernahm abermals die Hauptrolle, hier die des abgehalfterten Privatdetektivs Larry „Doc“ Sportello, der sich in der Unterwelt von L.A. im Jahr 1970 wiederfindet, als er von seiner Exfreundin Shasta (Katherine Waterston) beauftragt wird, ihren neuen Freund Mickey (Eric Roberts) vor einer Zwangseinweisung in eine Irrenanstalt zu bewahren. Das ist aber nur der Auftakt zu einem skurrilen und enorm wendungsreichen Abenteuer, bei dem es Doc mit allerlei zwielichtigen Gestalten zu tun bekommt, die allesamt mit einer Drogenschmugglerbande namens „Golden Fang“ in Verbindung stehen. Ein aberwitziger Trip, der trotz seiner Starbesetzung zwar an den Kinokassen unterging, dafür aber von Kritikern mehrheitlich gelobt wurde. Fürs Drehbuch gab es eine weitere Oscar-Nominierung.
„Phantom Thread“ (2017)

Auf seine Pynchon-Verfilmung ließ Anderson dann ein gefühlvolles und ungemein intensiv gespieltes Romantikdrama folgen. In „Phantom Thread“ (2017) entführt er sein Publikum ins London der 1950er Jahre. In seiner zweiten Zusammenarbeit mit dem Regisseur übernimmt Daniel Day-Lewis hier wieder die Hauptrolle. War sein Daniel Plainview in „There Will Be Blood“ noch zerrissen von Gier und Macht, ist Kleidermacher Reynolds Woodcock hier die komplette Antithese. Ein geschätzter Mann, der die betuchte High Society Londons einkleidet, selbst aber ein zurückgezogenes Leben bevorzugt, fernab von der schillernden Öffentlichkeit. Sein Leben ist von strengen und rigorosen Regeln durchzogen, emotionale Nähe lässt er höchstens bei seiner Schwester Cyril (Lesley Manville) zu. All das ändert sich, als er die junge Kellnerin Alma (Vicky Krieps) kennenlernt. Sie zieht bei ihm ein und wird zu seiner Muse. Trotz anfänglicher Bedenken freundet sich auch Cyril mit der selbstbewussten Alma an. Doch Reynolds‘ Exzentrizitäten führen zu ständigen Streitereien zwischen den Liebenden, bis Alma zu drastischen Methoden greift, um ihren Platz an Reynolds‘ Seite zu festigen. Inspiriert von den Modedesignern Cristóbal Balenciaga und Charles James, schrieb und inszenierte Anderson hier ein elegisch-romantisches Melodram voller verdrängter und unterdrückter Emotionen, die in besonders intensiven Momenten zutage treten. Neben einem gewohnt groß aufspielenden Day-Lewis gibt die gebürtige Luxemburgerin Krieps hier eine eindrucksvolle Talentprobe an der Seite ihrer renommierten Schauspielkollegen ab, die sie in den letzten Jahren mit einigen weiteren herausfordernden Rollen bestätigte. Auch „Phantom Thread“ wurde mit größtenteils positiven Rezensionen bedacht und von vielen Kritikern zu den zehn besten Filmen des Jahres gezählt. Dazu zählten auch einmal mehr die Mitglieder der „Academy of Motion Picture Arts and Sciences“, die sechs Nominierungen für den Oscar vergaben: neben dem erwarteten Sieg fürs Kostümdesign wurden der Film, Andersons Regie, die Darbietungen von Day-Lewis und Manville und Jonny Greenwoods Musik nominiert. Danach zog sich Daniel Day-Lewis aber für acht lange Jahre wieder von der Schauspielerei zurück.
„Licorice Pizza“ (2021)

Auf den sperrigen, anspruchsvollen und mitunter wehmütigen Ausflug ins London Mitte des 20. Jahrhunderts lässt Anderson 2021 eine weitere Zeitreise folgen. Er tut, was so viele Filmemacher in den 2010er und 2020er Jahren tun und reflektiert seine eigene Jugend, in diesem Fall das San Fernando Valley der wilden Siebziger. „Licorice Pizza“ ist PTAs zugänglichstes, weil humorvollstes und wärmstes Werk, mit einer Leichtigkeit inszeniert, dass man gerne länger mit den Figuren in diesem Film verweilen möchte. Er erzählt die Coming-of-Age-Geschichte von Gary Valentine (Cooper Hoffman), einem ambitionierten und selbstbewussten 15jährigen High-School-Schüler, der sich in die zehn Jahre ältere Alana (Alana Haim) verliebt. Der Kinderschauspieler zieht ein eigenes Unternehmen auf, das damals neuartige Wasserbetten verkauft, bevor eine andauernde Ölkrise ihm einen Strich durch die Rechnung macht. Alana wiederum lässt sich treiben, weil sie nichts mit ihrem Leben anzufangen weiß und Gary bei seinem Business hilft. Eines der ungewöhnlichsten Leinwandpaare der jüngeren Kinogeschichte, aber auch, aufgrund des Alters der beiden Protagonisten, eines der kontroversesten. In einer besonders unterhaltsamen Nebenrolle tritt Bradley Cooper in Erscheinung, der den berühmt-berüchtigten Produzenten Jon Peters spielt, welcher zu jener Zeit mit Barbra Streisand liiert war. Cooper stattet den Exzentriker mit einer unberechenbaren und vollkommen durchgeknallten Aura aus. Auch wenn hier nicht jeder Gag zündet – John Michael Higgins und seine japanischen Ehefrauen hätte er ruhig im Schneideraum lassen können – kreiert Anderson hier ein wohliges Filmerlebnis, das das Publikum in diesen tristen Zeiten dringend benötigt hat. Oscar-Nominierungen für Film, Regie und Originaldrehbuch runden auch hier wieder das positive Kritikerecho ab. Damit steht Paul Thomas Anderson bei inzwischen stolzen elf Nennungen bei den Oscars.
PTAs filmische Handschrift

Andersons Filmografie zeichnet sich vor allem durch seine unvergesslichen Protagonisten aus, die allesamt aus schwierigen Familienverhältnissen kommen, mit einigen überlebensgroßen Schwächen ausgestattet sind, und gerne dazu neigen, die Grenzen der eigenen Belastbarkeit zu übersteigen. Das drückt sich in vielen unvergesslichen Szenen aus, in denen Figuren einander gegenüberstehen und sich verbal ein erbittertes Duell auf Augenhöhe liefern – Daniel Day-Lewis und Paul Dano in „There Will Be Blood“ etwa. Und wenn sich zwei Figuren nicht leibhaftig gegenüberstehen, dann wird ins Telefon gebrüllt, wie etwa Tom Cruise in „Magnolia“ oder Philip Seymour Hoffman in „Punch-Drunk Love“ eindrucksvoll demonstrierten. Auch Leonardo DiCaprio wird in „One Battle After Another“ zum Hörer greifen. Überhaupt ist das Sujet der konfliktbeladenen Familie ein überaus beliebtes bei Anderson, ob in „Hard Eight“, „Boogie Nights“, „Magnolia“, „The Master“ oder „Phantom Thread“. Auf technischer Ebene ist Paul Thomas Anderson für seine bildgewaltige und dynamische Kameraarbeit bekannt. Gerne lässt er seine Kameramänner, wie Robert Elswit und Michael Bauman, aber auch selber, lange Fahrten unternehmen, die Figuren durch eine belebte Szenerie begleiten, man denke dabei nur an den langen „Tracking Shot“ zu Beginn von „Boogie Nights“, eine offensichtliche Hommage an Martin Scorseses legendäre „Copacabana Club“-Plansequenz aus „Goodfellas“ (1990) oder die langen Fahrten hinter den Kulissen von „What Do Kids Know?“ in „Magnolia“. Anderson hat kein Problem, große Ensembles für seine Filme zu gewinnen, so liest sich die Besetzungsliste von jedem seiner Filme wie ein „Who’s Who“ an Hollywood-Stars, ähnlich wie bei einem seiner vielen Vorbilder, Robert Altman, der ihn dann auch als Ersatzregisseur für seinen letzten Film, „A Prairie Home Companion“ (2006), engagierte, für den Fall, dass Altman die Komödie aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst fertigstellen hätte können.
Nun kehrt der gebürtige Kalifornier also mit dem Action-Thriller „One Battle After Another“ ins Kino zurück. Warner Bros. gewährte Anderson ein Budget, das Schätzungen zufolge zwischen 130 und 175 Millionen Dollar (!) liegen soll. Leonardo DiCaprio spielt Bob Ferguson, dessen Tochter von Sean Penns Colonel Steven Lockjaw entführt wird, woraufhin sich Ferguson an seine alte Revolutionären-Bewegung wendet, um sie wieder zurückzubekommen. Wie wird diese sehr lose Adaption eines weiteren Thomas Pynchon-Romans, in diesem Fall „Vineland“ (1990), abschneiden? Ab 26. September finden wir es heraus. In ausgewählten Kinos im entstaubten „VistaVision“-Format sowie auch in IMAX-Sälen. Kritik folgt…