Gescheiterter Profisportler wird unvermittelt in kriminelle Machenschaften verschiedener Unterweltgestalten verwickelt und muss ums Überleben kämpfen. Ein schwarzhumoriger Crime-Thriller mit 90er-Vibes.

Man könnte fast meinen, Darren Aronofsky hat erst jetzt entdeckt, dass Filme auch Spaß machen können. Der Mann hinter schwermütigen Brocken wie „Requiem for a Dream“ (2000), „Black Swan“ (2010), „mother!“ (2017) und zuletzt „The Whale“ (2022) hat es zu einem eigenen Markenzeichen gemacht, seine Protagonisten durch die Hölle und wieder zurück marschieren zu lassen – im Falle von „mother!“ ist dies sogar wörtlich zu nehmen, handelt es sich bei diesem polarisierenden Psychothriller doch um eine offensichtliche biblische Allegorie ums Ende der Welt. Zuschauer werden nicht selten deprimiert zurückgelassen, wenn sie sich auf ein Aronofsky-Werk einlassen, mit Ausnahme vielleicht von seinem fast schon zärtlichen Underdog-Sportlerdrama „The Wrestler“ (2008), wenn Mickey Rourke tränenreich zu seinem womöglich allerletzten Move ansetzt. Auch „Black Swan“ und „The Whale“ hinterlassen keinen völlig hoffnungslosen Nachgeschmack. Aber unterm Strich bleibt die Beobachtung, dass Darren Aronofsky kaum Sinn für Humor besitzt und sich einer tristen Ideologie verschrieben hat.
Bis jetzt! „Caught Stealing“ ist für Aronofsky, was „After Hours“ vor vierzig Jahren für Martin Scorsese war, nämlich eine Trendumkehr und ein Ausflug in leichtfüßigere Gefilde. Ja, beide Filme haben zwar auch ihre düsteren und gewalttätigen Momente. Aber das ist bei Geschichten, die in der New Yorker Unterwelt spielen, ja praktisch „part of the game“. Schriftsteller Charlie Huston durfte seinen Roman „Caught Stealing“ gleich selbst ins Drehbuchformat adaptieren, wie auch Samuel D. Hunter zuletzt bei „The Whale“, aber auch Huston weiß, wie man Aronofsky das Material an die Hand gibt. Der Film entführt sein Publikum an die Lower East Side anno 1998. In „Paul’s Bar“, dessen gleichnamiger Eigentümer von Griffin Dunne, Hauptdarsteller aus „After Hours“, gespielt wird, steht der glücklose Hank (Austin Butler) hinterm Tresen. Er ist begeisterter Baseball-Fan, der sich am Telefon mit seiner Mutter (Laura Dern) stets über die derzeitige Form der „San Francisco Giants“ unterhält und deren Gespräche immer mit einem kampfschreiartigen „Go Giants“ enden. Die eigene Profikarriere endete abrupt, als er mit 18 kurz vor dem entscheidenden Draft einen verhängnisvollen Autounfall verursacht. An dessen Folgen leidet er immer noch, wie auch seine Freundin, die im Rettungsdienst tätige Yvonne (Zoë Kravitz), mitbekommt. Als sein Nachbar, der durchgeknallte Punk Russ (Matt Smith), plötzlich zu seinem im Sterben liegenden Vater nach London aufbricht, überlasst er Hank seinen Kater Bud (Tonic, die Szenen stehlende Katze, wie süß!) zur Pflege. Dumm nur, dass genau in Russ‘ Abwesenheit zwei zwielichtige Gestalten, Aleksei (Yuri Korokolnikov) und Pavel (Nikita Kukushkin) vor seiner Wohnungstür auftauchen, und in ihrem Anliegen wenig zimperlich sind. Die Polizistin Elise Roman (Regina King) nimmt sich des Falls an, der dann aber einige haarsträubende Wendungen nimmt. Hank muss nicht nur seinen pelzigen Freund Bud bespaßen, sondern auch Verantwortung übernehmen für alle, die ihm lieb und teuer sind.

Geschichten aus New Yorks Unterwelt gibt es zuhauf, und auch „Caught Stealing“ bringt wieder einige der Merkmale mit, die solche Krimikomödien seit jeher auszeichnen. Die Hauptfigur, die sich nach einem traumatischen Erlebnis in ihrer Vergangenheit wieder aufraffen muss und lernt, für sich selbst einzustehen. Austin Butler gibt seiner Figur die Verletzlichkeit, nach der sie verlangt. Er rennt und kämpft sich durch den „Big Apple“ anno ´98 in einem irrwitzigen Abenteuer. Matt Smith als verpeilter Punk mit radikalem Irokesen-Haarschnitt bringt ein bisschen Comic Relief in die Story mit ein. Ebenfalls in Erinnerung bleiben Liev Schreiber und Vincent D’Onofrio als chassidisches Brüderpaar Lipa und Shmully Drucker, zwei nach außen hin höfliche, aber unberechenbare Gangster mit Vollbart, sowie Carol Kane als deren liebenswerte Mutter Bubbe. So bleibt auch hier ein Stück Religion in einem Aronofsky-Werk erhalten, jedoch weit weniger ernst als in seinen letzten Filmen.
Überhaupt tut Aronofsky die neu gefundene Leichtigkeit erstaunlich gut. Er gestaltet eine durchwegs unterhaltsame Crime-Story, die mit viel Tempo und düsterem Flair inszeniert ist, stellenweise dafür auch äußerst brutal gerät. Unterlegt wird das ganze mit einem mitreißendem Soundtrack: so dröhnen Popsongs aus jener Zeit durch die Bar, z.B. von Madonna und Meredith Brooks, während die britische Post-Punk-Band „IDLES“ für dreckige Riffs und lauten Krach sorgen, der Russ‘ Punkattitüde gerecht wird. Man sollte auf jedem Fall bis zum Ende des Abspanns sitzen bleiben, denn dieser, zum mitreißenden „IDLES“-Song „Rabbit Run“, ist einer der einfallsreichsten und außergewöhnlichsten seit einiger Zeit und rundet den gelungenen Film passend anarchisch ab.

Mit einem gut aufgelegten Regisseur, spielfreudigen Mimen, einer Szenen stehlenden Katze und einer spannenden Geschichte unterhält „Caught Stealing“ knapp zwei Stunden wirklich gut und sorgt dafür, dass man auch einmal mit einem Schmunzeln aus einem Aronofsky-Film kommt.
Wertung: dreieinhalb von vier Sternen!
Trailer: