Nun ist auch das dritte große A-Filmfestival des Jahres 2025 Geschichte. Was sich in den vergangenen anderthalb Wochen so am Lido zugetragen hat, wer mit etwas Edlem abreisen durfte und was vom Festival bleiben wird.

Im Vorfeld der Preisverleihung kam es in den sozialen Medien zu einem regelrechten Shitstorm: unbestätigten Gerüchten zufolge soll es zu einem Zerwürfnis innerhalb der Wettbewerbsjury bei der finalen Abstimmung über die Preisträger gekommen sein, das sogar zu einem Ausstieg geführt haben soll. Bei der abschließenden Pressekonferenz wurde diese Version aber von Jurypräsident Alexander Payne dementiert. Die Auswahl, die er und seine Kollegen getroffen haben, rief jedenfalls einiges an Kontroversen hervor. Als großer Favorit auf den Goldenen Löwen wurde nach seiner emotionalen und umjubelten Uraufführung das Dokudrama „The Voice of Hind Rajab“ gehandelt. Der Aufruhr war groß, als Regisseurin Kaouther Ben Hania stattdessen den zweitwichtigsten Preis, den Großen Preis der Jury, verliehen bekam. Zuvor hatte der Film mit einer 22 Minuten langen Standing Ovation für einen Festivalrekord gesorgt und viele glühende Kritiken erhalten. Die Geschichte des fünfjährigen palästinischen Mädchens Hind Rajab, das am 29. Januar 2024 im Gazastreifen von israelischen Streitkräften ermordet wurde, wirbelte viel Staub auf und ist ein weiteres filmisches Mahnmal zum nicht enden wollenden Krieg in Gaza.

Den Goldenen Löwen gewann aber Jim Jarmusch. Die Ikone des amerikanischen Independent-Kinos hat in seiner inzwischen 45jährigen Karriere – angefangen mit seinem Langfilmdebüt „Permanent Vacation“ (1980) – noch nie einen großen Preis in Empfang genommen. So darf man seinen Sieg für die episodische Tragikomödie „Father Mother Sister Brother“ getrost als späte Würdigung einer außergewöhnlichen Karriere betrachten. In drei Teilen erzählt Jarmusch Geschichten dreier Familien in verschiedenen Teilen der Welt: die eines verwitweten Vaters (Tom Waits) eines Sohns (Adam Driver) und einer Tochter (Mayim Bialik) an der amerikanischen Ostküste, die einer Mutter (Charlotte Rampling) und ihrer beiden Töchter (Cate Blanchett und Vicky Krieps) in Dublin und die zweier verwaister Geschwister (Indya Moore und Luka Sabbat) in Paris. Kritiker vergleichen Jarmuschs ersten Film seit sechs Jahren mit früheren Episodenfilmen, wie etwa „Night on Earth“ (1991) und „Coffee & Cigarettes“ (2003). In Amerika kommt der Film zu Weihnachten in die Kinos, hierzulande voraussichtlich Anfang Januar. Man darf gespannt sein, ob und wie die großen Preisverleihungen auf Jarmuschs Comeback reagieren werden.

Der Spezialpreis der Jury geht in diesem Jahr an den italienischen Filmemacher Gianfranco Rosi für seinen neuen Film „Sotto le Nuvole (Beyond the Clouds)“, einer in Schwarz-Weiß gedrehten Dokumentation über Rosis Heimatstadt Neapel, die einen fragmentierten Blick in das tägliche Leben und die Arbeit ihrer Einwohner gewährt. Für die musikalische Untermalung sorgt Komponist Daniel Blumberg, der für „The Brutalist“ gerade erst den Oscar gewann. In seinem Heimatland kommt „Sotto le Nuvole“ Mitte September in die Kinos.

Mit dem Silbernen Löwen wird die beste Regieleistung im Wettbewerb gewürdigt. Letztes Jahr gebührte diese Ehre Brady Corbet für „The Brutalist“, der dann den Golden Globe gewann und für den Oscar nominiert wurde. Nun hofft Benny Safdie auf einen ähnlichen Siegeszug mit seiner Sportlerbiografie „The Smashing Machine“ über den Amateur-Wrestler und MMA-Kämpfer Mark Kerr, gespielt von einem bestechenden Dwayne Johnson in Topform. Erste Kritiken aus Venedig sprechen von einem Triumph für alle Beteiligten, auch Emily Blunt als Kerrs Freundin Dawn. Ab Anfang Oktober läuft der Film im Kino. Das beste Drehbuch haben laut Jurykonsens Valérie Donzelli und Gilles Marchand geschrieben: „À pied d’œuvre (At Work)“ ist die Adaption einer Vorlage von Franck Courtès, in dem ein erfolgreicher Fotograf von einer Karriere als Schriftsteller träumt.

Die Darstellerpreise gehen in diesem Jahr zum einen an Toni Servillo als italienischer Staatspräsident mit schwierigen Entscheidungen in Paolo Sorrentinos „La grazia“, dem Eröffnungsfilm des Festivals. Zum anderen an die chinesische Schauspielerin Xin Zhilei in „Rì guà zhōng tiān (The Sun Rises on Us All)“ als Frau, die Jahre nach einem tragischen Unfall wieder mit ihrem Exfreund wiedervereint wird und die Vergangenheit aufarbeiten muss. Als beste Nachwuchsdarstellerin wurde unterdessen der Schweizer Shootingstar Luna Wedler ausgezeichnet. Gerade mit „22 Bahnen“ in den Kinos, ist sie in Venedig für ihre Nebenrolle der Grete in Ildikó Enyedis starbesetztem Zeitkapsel-Drama „Silent Friend“ mit dem Marcello-Mastroianni-Preis bedacht worden.

Leer ausgegangen sind alle drei großen Netflix-Produktionen: weder Guillermo del Toros bildgewaltige Neuinterpretation von Mary Shelleys unvergänglichem Horrorklassiker „Frankenstein“, Noah Baumbachs lakonische Coming-of-Age-Dramödie „Jay Kelly“ mit George Clooney und Adam Sandler, noch Kathryn Bigelows brisanter Polit-Actionthriller „A House of Dynamite“ konnten bei der Jury punkten. Ebenso links liegen gelassen wurde Yorgos Lanthimos‘ neue schwarze Komödie „Bugonia“, in der zwei durchgeknallte Verschwörungstheoretiker den einflussreichen CEO eines Pharmaunternehmens entführen, weil sie sie für ein Alien halten. Mona Fastvolds „The Testament of Ann Lee“, eine Musical-Biografie über die Gründerin der Shaker-Bewegung, gespielt von Amanda Seyfried, konnte zwar das anwesende Premierenpublikum, nicht aber die Jury überzeugen, ähnlich wie Olivier Assayas‘ aufsehenerregendes Politdrama „The Wizard of the Kremlin“, in dem Jude Law einen jungen Vladimir Putin in den 1990er Jahren vor seinem Aufstieg spielt. Hoch gehandelt wurde unterdessen der neue schwarzhumorige Crime-Thriller „No Other Choice“ von Park Chan-wook aus Südkorea, in dem Lee Byung-hun einen verzweifelten Arbeitslosen spielt, der zu unkonventionellen und blutigen Methoden greift, um wieder an einen Job zu gelangen. Der Film geht für sein Land ins Rennen um den Auslands-Oscar. Den überschwänglichen Reaktionen aus Venedig nach zu urteilen hat er jedenfalls gute Chancen.
Damit ist Venedig 2025 abgehakt und der spannende Festivalherbst und die Award-Saison offiziell eingeläutet. Auf welche Filme man sich besonders freuen darf und was man auf keinen Fall verpassen sollte, das stelle ich in Kürze vor.