Zwei der ungewöhnlichsten, aber auch romantischsten Filme des bisherigen Jahrhunderts, die mehr gemeinsam haben als man auf den ersten Blick glauben könnte. Passend für ein berührendes Double Feature.
Die beiden amerikanischen Filmemacher Sofia Coppola und Spike Jonze waren von 1999 bis 2003 miteinander verheiratet. Sofias Vater, Regielegende Francis Ford Coppola, war es sogar, der Jonze auf die surreal-bizarre schwarze Komödie „Being John Malkovich“ (1999) aufmerksam machte, für die er seine bislang einzige Nominierung für den Regie-Oscar erhielt. Sowohl Sofia Coppola als auch Spike Jonze verarbeiteten den schmerzhaften Einschnitt in ihrer beider Leben jeweils in einem persönlichen Filmprojekt im Abstand von einem Jahrzehnt. Noch im Jahr ihrer Scheidung legte Coppola ihre zweite abendfüllende Spielfilmarbeit vor, die ihr dazu verhalf, endgültig aus dem überlebensgroßen Schatten ihres soeben mit dem „AFI Life Achievement Award“ ausgezeichneten Vaters zu treten.
„Lost in Translation“

Während ihrer 20er verbrachte Coppola, noch ehe sie sich für eine Karriere als Filmemacherin entschied, viel Zeit in Tokio und entwickelte eine Liebe und Leidenschaft für die faszinierende japanische Hauptstadt. Nachdem sie für die Promotion ihres Films „The Virgin Suicides“ (1999) im „Park Hyatt Hotel“ logiert hatte, begann sie das Drehbuch zu einer romantisch-melancholischen Komödie zu entwickeln. „Lost in Translation“ handelt von zwei verlorenen Seelen, die zwar nach außen hin glücklich verheiratet zu sein scheinen, innerlich aber eine tiefe emotionale Krise durchleben. Diese wird durch das Gefühl des Fremdseins in Tokio und der durch Jetlag bedingten Schlaflosigkeit verstärkt. Da ist zum einen der alternde Filmstar Bob Harris (Bill Murray), der in der Stadt einen Werbespot für „Suntory Whiskey“ dreht, aber aufgrund der Sprachbarrieren mit dem Regisseur frustriert und unzufrieden ist. Er telefoniert regelmäßig mit seiner Frau zuhause, aber man merkt, dass bei ihnen nach 25 Jahren das Feuer langsam aber sicher erlischt. Charlotte (Scarlett Johansson) hat gerade ihr Philosophie-Studium in Yale beendet und begleitet ihren Ehemann, den vielbeschäftigten Promifotografen John (Giovanni Ribisi), von dem sie sich zunehmend entfremdet, nach Tokio. In einer schlaflosen Nacht begegnen sich Bob und Charlotte in der Hotelbar und beginnen ein Gespräch miteinander, in dem beide über ihr Leben lamentieren. Sie freunden sich an und ziehen gemeinsam um die Tokioter Häuser, etwa auch in eine Karaokebar. Dabei führen sie auch ehrliche Konversationen über ihre Unsicherheiten in ihrer beider Leben und kriselnden Ehen.
„Lost in Translation“ ist ein „Hangout“-Movie im besten Sinn, denn Coppola entfaltet von Anfang an eine wohlige Atmosphäre, die von dieser pulsierenden Millionenmetropole ausgeht. Selten habe ich mich so immersiv in ein filmisches Setting hineinversetzt gefühlt. Wir begleiten die beiden sympathischen und beziehbaren Figuren auf ihre Reise der Selbstreflexion, deren Suche nach Nähe und Vertrautheit sie zueinander führt. Coppola schafft ein pointiertes Portrait zweier Menschen, die an einem unsicheren Wendepunkt in ihrer beider Leben stehen und hier, quasi am anderen Ende der Welt, während einer kurzen Flucht aus ihrem eintönigen und frustrierenden Alltag, mit der Tatsache konfrontiert werden, dass ihr Leben womöglich nicht so verläuft, wie sie es sich vorgestellt haben. Man merkt der Autorin und Regisseurin auch die autobiografischen Bezüge anhand der Figur der Charlotte an. „Lost in Translation“ ist eine gut gespielte und aussagekräftige Charakterstudie.

Der Film bildete für alle Beteiligten einen entscheidenden Wendepunkt in ihren Karrieren – ironisch, könnte man meinen. Coppolas großer Durchbruch brachte ihr 2003 den Oscar fürs beste Originaldrehbuch sowie als erst dritte Frau nach Lina Wertmüller 1976 und Jane Campion 1993 eine Nominierung für die beste Regie ein. Ebenfalls nominiert wurde der hier eher zurückhaltend und lakonisch auftretende Bill Murray, der zwar schon in Filmen wie „Groundhog Day“ ein gewisses dramatisches Potenzial aufblitzen ließ, hier aber wirklich zu facettenreicher Hochform auflaufen darf. Und auch für die damals noch 18jährige Scarlett Johansson bedeutete der Film die endgültige Etablierung in der amerikanischen Filmindustrie und der vollzogene Wandel von der Kinderschauspielerin aus Filmen wie „North“ (1994), „The Horse Whisperer“ (1998) und „Ghost World“ (2001) hin zu einer vielversprechenden Charakterdarstellerin und Blockbuster-Dauergast.
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„Her“ (2013)

Ein Jahrzehnt nach dem durchschlagenden Erfolg seiner Exfrau schrieb und inszenierte auch Spike Jonze eine romantische Komödie mit autobiografischem Einschlag, die sich kritisch und reflexiv mit der conditio humana und zwischenmenschlichen Beziehungen auseinandersetzt. „Her“ tut dies aber mit einem entscheidenden Twist. Denn die zentrale Liebesgeschichte in dieser Science-Fiction ist die zwischen einem introvertierten, verunsicherten Mann mittleren Alters und der sprechenden künstlichen Intelligenz seines Computer-Betriebssystems. Ja, hier haben wir es mit der wohl ungewöhnlichsten Liebesgeschichte seit langer Zeit zu tun, wenn man Animationsfilme mit anthropomorphen Figuren mal außen vor lässt. Aber es ist, ähnlich wie „Lost in Translation“ ein Jahrzehnt zuvor, eine zeitgemäße und aussagekräftige Geschichte, die Jonze da auf die Leinwand projiziert hat, und eine, die besonders jetzt in unserer hochgradig technologisierten Gesellschaft mit inzwischen alles durchdringender künstlicher Intelligenz und sozialen Medien an Brisanz und Wichtigkeit zunimmt.
Joaquin Phoenix spielt Theodore Twombly, einen einsamen, introvertierten Mann, der als Autor von personalisierten Grußkarten in einer Agentur im futuristischen Los Angeles arbeitet. Er steckt noch mitten in der Scheidung von seiner Jugendliebe Catherine (Rooney Mara), die ihm emotional stark zusetzt. Daher kauft er sich eine Kopie des neuen Sprachassistenten von „Element Software“. Er ist erstaunt und angenehm überrascht, als er zum ersten Mal die Stimme (Scarlett Johansson) seiner neuen Assistentin hört, die sich selbst den Namen Samantha gibt. Zwischen den Beiden stimmt die Chemie auf Anhieb und es entwickelt sich sogar eine Romanze zwischen ihnen, die ausschließlich auf rein intellektueller und sensorischer Ebene funktionieren kann. Während Catherine mit empörtem Unverständnis reagiert, ist seine beste Freundin Amy (Amy Adams) wesentlich verständnisvoller. Dank Samantha blüht Theodore wieder auf, doch ist eine solch unkonventionelle Beziehung wirklich auf Dauer?

Auch Jonze gelingt es mit „Her“, dank intelligentem, empathischem Storytelling – auch dieses Originaldrehbuch wurde mit dem Oscar ausgezeichnet – mich in seine Welt zu entführen und eine Atmosphäre voller Melancholie, aber auch vorsichtigem Optimismus zu entfalten. Auch er verwebt schmerzhafte Weisheiten mit einer pointierten Bestandsaufnahme moderner Beziehungen, die dank der außergewöhnlichen Prämisse ihresgleichen sucht. Joaquin Phoenix, Amy Adams, Rooney Mara sowie die kurz auftretenden Olivia Wilde und Chris Pratt sind allesamt top besetzte Charakterköpfe, doch die große Stärke des Films geht von der intimen Chemie zwischen Theodore und Samantha aus, die ohne die unverkennbare, charakteristische tiefe und rauchige Stimme von Scarlett Johansson nicht funktionieren kann. Deswegen würde ich „Her“ niemals in deutscher Synchronisation schauen, bei allem Respekt vor ihrer deutschen Stimme, Luise Helm, die wunderbar zu Johansson passt. Johansson als Bindeglied zwischen Coppolas „Lost in Translation“ und Jonzes „Her“ zeigt auch ihre erstaunliche Reife und Vielseitigkeit. Einerseits im jugendlichen Alter eine Figur zu spielen, die selbst Akteure doppelt so alt wie sie vor Herausforderungen stellt, und andererseits eine emotionale, vielschichtige Performance mit nichts als ihrer Stimme abzuliefern zeugt von großer Schauspielkunst und macht diese beiden Filme zu Highlights ihrer rekordträchtigen Filmografie.
Zwei Filme, zwei Standpunkte, zwei ergreifende Geschichten. Was die beiden ehemaligen Eheleute Sofia Coppola und Spike Jonze aus ihrem Trennungsschmerz geschaffen haben, sind zwei großartig geschriebene, inszenierte und gespielte Filme, die man so schnell nicht wieder vergisst, sei es durch die schönen Bilder, die ruhige, eingängige Musik oder die Gefühle, die sie auslösen. Ein romantisches Double Feature entweder für laue Sommernächte oder karge Winterabende, zeitlos relevant und zeitlos schön.
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