Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Nein, es ist Superman! Mal wieder. James Gunn führt für den Auftakt seines neuen DC-Universums die inzwischen dritte Neufassung des legendären Mannes aus Stahl durch.

Superhelden kommen selten allein. Eine Binsenweisheit, die im Zeitalter filmischer Universen und Multiversen fast schon wie eine Drohung denn ein Versprechen klingt. Seit Jahren spricht man in Kritikerkreisen und auch in den Studios von einer „Superheldenübersättigung“, ein Trend, dem die „Marvel Studios“ mit weniger Quantität und dafür mehr Qualität entgegensteuern möchten. Das größte Kino-Flaggschiff des 21. Jahrhunderts versucht derzeit krampfhaft, wieder auf Kurs zu kommen. Der große Lackmustest steht Kevin Feige und Konsorten Ende Juli 2025 bevor, wenn ihr neuer und inzwischen bereits zweiter Reboot der „Fantastic Four“ innerhalb von zwanzig Jahren anläuft und auf das nächste „Avengers“-Double, „Doomsday“ Ende 2026 und „Secret Wars“ Ende 2027, einstimmt. Andernorts am Studiogelände von Warner Bros., wo James Gunn und Peter Safran im Herbst 2022 als neue Chefs der „DC Studios“ Einzug hielten, steht inzwischen ein kapitaler Neustart auf dem Programm. Nach einem Jahrzehnt des „DC Extended Universe“ mit allen Höhen („Aquaman“,„Wonder Woman“ oder zumindest zwei Drittel davon) und Tiefen (allen voran das „Justice League“-Debakel) soll unter Gunns kreativer Führung endlich ein konkurrenzfähiges Universum auf die Beine gestellt werden, das mittelfristig mit „Marvel“ mithalten soll – oder es vielleicht sogar überholen.
Nach den 130 Minuten des neuen, generalsanierten „Superman“, den Gunn persönlich schrieb und inszenierte, bin ich für meinen Teil noch recht skeptisch, bin aber nicht soweit, das neue „DCU“ gleich nach dem ersten Kapitel abzuschreiben. Als Superheldenabenteuer per se ist der neue Film unterm Strich durchaus gelungen, auch wenn ich etwas Zeit brauchte, um mich auf die Geschichte einzulassen. Es ist jedenfalls der beste Film mit dem Mann aus Stahl seit dem Goldstandard, den Christopher Reeve 1978 mit Richard Donners Originalverfilmung gesetzt hat. Der Sohn der 2004 verstorbenen Legende, Will, hat einen kurzen Gastauftritt in seinem angestammten Beruf als Nachrichtenmoderator. Gunn erweist sich als richtiger Mann für die filmische Reinkarnation des seit 1938 in den Comics des DC-Verlags verewigten Außerirdischen. Er nimmt sogar ein paar überraschende Änderungen an der altbekannten Superhelden-Folklore durch. David Corenswet wurde auserkoren, in die Fußstapfen seiner Vorgänger Reeve, Brandon Routh („Superman Returns“ [2006]) und Henry Cavill („DCEU“) zu treten. Er macht einen respektablen Job. Gunn stellt ihm als Lois Lane die ebenfalls überzeugende Rachel Brosnahan zur Seite, während Nicholas Hoult als Supermans Erzfeind Lex Luthor der Figur ihre Ernsthaftigkeit und Bedrohlichkeit zurückgibt, die in den letzten Jahren durch Jesse Eisenberg in „Batman v Superman: Dawn of Justice“ (2016) und Jon Cryer im „Arrowverse“ im Fernsehen abhandengekommen war. Und dann sind da noch einige farbenfrohe Nebenfiguren, die einige Szenen stehlen dürfen, allen voran Edi Gathegi als Sidekick „Mister Terrific“ mit einigen witzigen Momenten, Skyler Gisondo als Lois und Clarks etwas einfältiger Reporterkollege Jimmy Olsen, Nathan Fillion als „Green Lantern“ Guy Gardner mit irrwitzigem Haarschnitt und lakonischen Einzeilern und Anthony Carrigan mit überraschend emotionalen Augenblicken als „Metamorpho“. Etwas weniger zu tun bekommt das portugiesische Model Sara Sampaio in ihrer ersten großen Rolle als Luthers selfiebesessene Freundin Eve Teschmacher, die zwar für die Handlung durchaus tragend ist, aber als eindimensionales Comic Relief ansonsten kaum zur Geltung kommt.

Superman greift in den bewaffneten Konflikt der beiden fiktiven Nachbarländer Jarhanpur und Boravia ein, an dem auch „Luthorcorp“ mit milliardenschweren Waffenlieferungen Interesse hat. Durch sein gut gemeintes, aber autonomes Handeln wird „Superman“ von der Öffentlichkeit als Held gefeiert, von den Regierungen argwöhnisch betrachtet und von Luthor verabscheut. Deshalb bricht der neidische Lex mit seinen Schergen in Supermans arktische „Festung der Einsamkeit“ ein und stiehlt eine Videoübertragung seiner biologischen Eltern aus dem zerstörten Planeten Krypton, dessen zweite Hälfte Kal-El nie zu sehen bekam, und stellt Superman als Despoten dar, der die Welt unterjochen statt beschützen soll. Luthor nutzt Supermans plötzlichen Imagewandel vom Hoffnungsträger zum außerirdischen Invasor und sperrt ihn weg. Doch seine Freunde von der „Justice Gang“ sowie Lois und Jimmy, unter Mithilfe von Lex‘ einfältiger Freundin Eve, eilen Clark zu Hilfe.
Der Film hat seine witzigen Momente, etwa wenn Gunn wieder einmal eine brutale und äußerst einfallsreiche Kampfszene zu einem Feel-Good-Song unterlegt – „Five Years Time“ von „Noah and the Whale“, dessen unverkennbare Ukulele-Melodie jahrelang jede Werbung des österreichischen Mobilfunkanbieters „Drei“ begleitete. Sein Faible für schmissige Musik beweist Gunn hier wieder aufs Neue. Generell tut sich diese Inkarnation des Mannes aus Stahl gut daran, mehr auf farbenfrohe und locker-spaßige Unterhaltung denn auf dunkel-düstere Tristesse und bedeutungsschwangere tiefenpsychologische und ideologische Diskurse à la Zack Snyder zu setzen. Das wird wahrscheinlich nicht ausreichen, um dessen kultähnliche Anhängerschaft zu besänftigen und fürs neue „DCU“ zu begeistern, aber man kann es bekanntlich ja nicht allen recht machen. Der hoffnungsvoll-optimistische Ton und die sympathisch gezeichneten Figuren machen, wenn der Film ab dem Midpoint mal so richtig ins Rollen kommt, doch viel Spaß. Wenn man sich denn nicht allzu sehr auf die überladene Handlung konzentriert.

Unterm Strich liefert „Superman“ von James Gunn eine gute und eine schlechte Nachricht, je nachdem, wie man zum sich erschöpfenden Genre steht. Die schlechte zuerst: wer gehofft hatte, dass es in den kommenden Jahren endlich ruhiger in den Häusern von „Marvel“ oder zumindest „DC“ wird, der wird dank Gunn eines Besseren belehrt, denn das ist erst der Anfang eines ganz neuen Kapitels im Universum von Superman, Batman etc. Aber jetzt kommt die gute: wenn es Gunn und seinen Kollegen gelingt, ein bisschen von den gelungenen Elementen dieses verheißungsvollen Auftakts mitzunehmen, dann könnten ein paar richtig gute Sachen dabei herauskommen. Die ersten zwei Stunden Superman könnten also die nächsten zwei Jahrzehnte Superhelden maßgeblich prägen. Schauen wir mal…
Wertung: zweieinhalb von vier Sternen!
Trailer: