Ein alternder, ausgebrannter Rennfahrer mischt nach drei Jahrzehnten noch einmal die Königsklasse des Motorsports auf. Wie werden die Macher von „Top Gun: Maverick“ und Brad Pitt mit ihrem neuen adrenalinhaltigen Actiondrama abschneiden?

In den 1990er Jahren, da war die Formel 1 in Europa ein wahrer Zuschauermagnet. Zigtausende Fans an den Rennstrecken, Millionen vor den Fernsehbildschirmen. 22 wagemutige Fahrer, die sich in speziell konstruierten Boliden erbitterte Duelle an jeder Kurve und jeder Geraden liefern, mit Spitzengeschwindigkeiten bis zu 300 km/h und darüber. Dieser Rennsport versprach an jedem zweiten Sonntagnachmittag Hochspannung pur. Triumph und Tragik liegen in dieser glamourösen Welt stets nahe beieinander. Hollywood hat das dramaturgische Potenzial der Formel 1 lange verdrängt, mit Ausnahme von Ron Howards packender Filmbiografie „Rush“ (2013), in der er die spektakuläre und an Dramatik und Spannung kaum zu überbietende Saison 1976 rekapituliert. Damals lieferten sich der österreichische Doppelweltmeister Niki Lauda und der britische Sonnyboy und Schürzenjäger James Hunt ein erbittertes Titelduell, das mit Laudas fürchterlichem Feuerunfall am Nürburgring seinen schockierenden Höhepunkt erreicht und mit Laudas Startverzicht beim Saisonfinale sein an sich antiklimatisches Ende fand. Daniel Brühl wurde für seine Darstellung der 2019 verstorbenen Rennsportlegende für einen Nebenrollen-„Golden Globe“ nominiert.
Die Hochspannung der 1970er, 1980er und 1990er Jahre ist in den vergangenen beiden Jahrzehnten einer zunehmenden Langeweile gewichen. Duelle wie Lauda gegen Hunt, Ayrton Senna gegen Alain Prost oder Michael Schumacher gegen Mika Hakkinen gehören längst der Vergangenheit an. Zuletzt schafften es Lewis Hamilton und Max Verstappen 2021, über den gesamten Saisonverlauf ein hartes Kopf-an-Kopf-Rennen aufrechtzuerhalten, mit einem kontroversen Ende zugunsten des Niederländers Verstappen. Wie passend, dass nur wenige Wochen später die Ankündigung eines neuen Filmprojekts in der Welt der Formel 1 die Runde machte, für die der britische Rekordsieger und Rekordweltmeister Hamilton als Produzent beteiligt werden sollte. Die bereits bei „Top Gun: Maverick“ überaus erfolgreich zusammenarbeitenden Jerry Bruckheimer (Produzent), Joseph Kosinski (Regisseur) und Ehren Kruger (Drehbuch) zeichnen für die Idee und deren Umsetzung verantwortlich. Kosinski entwickelte gemeinsam mit Kruger das Drehbuch. „F1: The Movie“ ist eine weitere Maßnahme des amerikanischen Multimediaunternehmens „Liberty Media“, Eigentümer der Formel 1, den Sport vor allem in Nordamerika endlich populärer zu machen. Und um das zu bewerkstelligen, haben sie sich Brad Pitt als Hauptdarsteller und weiteren Produzenten ins Boot geholt. Das verspricht schon einmal Starpower, wie man es von einem solchen Film erwarten würde. Pitt bringt das Charisma eines Paul Newman oder Steve McQueen mit.

Ein Blick auf die Handlung von „F1“ deckt verblüffende Parallelen zu einem anderen Rennsportdrama auf: „Driven“ (2001). Ende der 1990er Jahre, als die Formel 1 noch ein Spektakel mit Hochspannungsgarantie war, ließ sich Superstar Sylvester Stallone immer öfter im Fahrerlager der Teams blicken, weil er angeblich für einen Formel 1-Film recherchierte. Weil er aber zu wenig Informationen erhielt, spielte der von Renny Harlin inszenierte „Driven“ in der nordamerikanischen CART-Serie. Stallone schrieb sich selbst die Rolle des alternden Joe Tanto auf den Leib, der noch einmal von seinem Freund , dem Teamchef Carl Henry (Burt Reynolds) reaktiviert wird, um dessen jungen Protegé Jimmy Bly (Kip Pardue) unter die Fittiche zu nehmen und zum Titel zu verhelfen. Romantische Verwicklungen mit der Freundin (Estella Warren) seines erbitterten Titelrivalen Beau Brandenburg (Til Schweiger) verkomplizieren dieses Unterfangen jedoch unnötig. Am Ende bekommen aber alle ihr Happy End. Rückblickend bezeichnete Stallone diesen Film als einen von jenen, die er am liebsten nie gemacht hätte. Ich fand ihn eigentlich immer ganz unterhaltsam, nicht mehr und nicht weniger.
Hier geht es um Sonny Hayes (Pitt). 1993 befand er sich am Zenit seiner Karriere, als er für Lotus an den Start ging. Doch ein verhängnisvolles Duell mit Ayrton Senna beim Großen Preis von Spanien in Jerez resultiert in einem schrecklichen Unfall, Verletzungen und dem abrupten Ende seiner Karriere. 32 Jahre, drei Scheidungen und eine durch Spielsucht ausgelöste Schuldenkrise später gewinnt das Schlitzohr das 24-Stunden-Rennen von Daytona. Gerade als er sich auf den Weg zu einem anderen Rennen nach Baja, Mexiko, begeben möchte, sucht ihn sein damaliger Teamkollege in der Formel 1, Ruben Cervantes (Javier Bardem) auf und bietet ihm das zweite Cockpit in seinem Rennstall „APXGP“ neben Rookie Joshua Pierce (Damson Idris) an. In zweieinhalb Jahren brachte es das Team à la Minardi auf keinen einzigen Punktgewinn, und wenn in den verbleibenden neun Rennen kein Sieg gelingt, wird „APXGP“ verkauft. Hayes überzeugt das Team um Chef Smolinski (Kim Bodnia) und der technischen Direktorin Kate McKenna (Kerry Condon) nur widerwillig. Immer wieder geraten Hayes und Pierce auf und neben der Rennstrecke aneinander. Hayes wirft gemeinsam erarbeitete Strategien aus dem Fenster und macht sich auch sonst mit unkonventionellen Rennmethoden einen zweifelhaften Namen, aber dem Team gelingt es nach und nach, die Lücke zu den anderen Teams zu schließen. Doch reicht das, um am Saisonende den erhofften Rennsieg einzufahren?

Ja, die Parallelen zu „Driven“ sind schon sehr offensichtlich, aber im direkten Vergleich hat „F1“ doch die Nase ein ganzes Stück weit vorne. Pitt gibt seinem Underdog das nötige Quäntchen Charisma und macht als Rennfahrer eine gute Figur. An seiner Seite überzeugen Idris als hitzköpfiger Nachwuchsfahrer und besonders Condon als Frau, die sich selbstbewusst in einer Männerdomäne durchzusetzen weiß und deren Verbindung zu Pitts Figur gut funktioniert. Auch die echten Fahrer und Funktionäre, darunter etwa die Teamchefs Fred Vasseur (Ferrari) und Toto Wolff (AMG-Mercedes) fügen sich gut in die filmische Diegese ein. Aber seien wir mal ehrlich, man geht nicht in „F1“, um ein Schauspiel auf Shakespeare-Niveau zu erleben. Das ist ein Film für die Action und spannenden Rennen, und hier überzeugt „F1“ auf ganzer Linie. Was der Film an kleinen dramaturgischen Schwächen aufweist, machen die ungemein spannenden und mitreißenden Rennsequenzen wieder wett. Ja, hier wird das dramaturgische Potenzial der Formel 1 zumindest auf der Rennstrecke gut ausgeschöpft.
Der Schnitt ist, dem Thema angemessen, rasant, aber selten wirklich hektisch. Das Sounddesign ist vor allem in einem Saal mit „Dolby Atmos“-System überwältigend satt und wirft den Zuschauer immersiv mitten ins Renngeschehen. Aber am meisten hat mich an diesem Film die Kameraarbeit beeindruckt. Was Claudio Miranda und sein Team da an technischen Spielereien aufgefahren haben, um auch ungewöhnliche Einstellungen, auch aus den Cockpits der beiden „APXGP“-Boliden zu erhalten, ist wahrlich preisverdächtig. Miranda hat bereits bei „Top Gun: Maverick“ überragende Arbeit geleistet, die er hier noch einmal unterstreicht, wenn nicht sogar übertrumpft.
Ein Sommer-Blockbuster mit Speed, Spannung und kernigen Typen, gelingt dem Kreativteam ein weiteres zufriedenstellendes audiovisuelles Spektakel. Auch wenn er nicht ganz an die Emotionalität und den Pathos des „Top Gun“-Sequels heranreicht, so hat mich „F1“ über die gesamte Laufzeit sehr gut unterhalten. Und für genau solche Filme gehe ich ausgesprochen gerne ins Kino.
Wertung: dreieinhalb von vier Sternen!
Trailer: